01:10 25 November 2017
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    Russische Kampfhubschrauber unterstützen die Regierungstruppen bei Durchbruch der Blockade von Deir ez-Zor

    Syrien: Russland hat ein Problem – wie weiter nach dem IS?

    © AFP 2017/ George Ourfalian
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    Tausende Terroristen laufen in der syrischen Wüste herum, dutzende syrische Ortschaften sind in IS-Gewalt – noch: Die Tage der Terrormiliz sind gezählt. Denn nach der Befreiung von Deir er-Zor wird der IS nichts mehr haben, woran er sich in Ostsyrien halten könnte. Zeit für Russland durchzuatmen? Mitnichten, schreibt die Zeitschrift „Expert“.

    Seit der Befreiung von Aleppo agiert Russland in Syrien in einer gewissen Komfortzone, wie der Korrespondent und Politologe Geworg Mirsajan in der Zeitschrift schreibt.

    Die internationalen Medien halten sich schließlich mit Kritik an Russlands Vorgehen gegen den IS zurück: Man hört nichts mehr über „zerbombte Krankenhäuser“, nichts über das „Leid friedlicher demokratischer Syrer“.

    Überdies hat Moskau taktische Vereinbarungen mit seinen Widersachern – USA, Türkei, Saudi-Arabien – getroffen, damit sie die syrische Regierungsarmee nicht daran hindern, die Reste des IS zu zerschlagen.

    Diese Vereinbarungen sind eine Art Waffenruhe im Gegenzug für Russlands Zusage, jene Kräfte zu vernichten, die ja eine Gefahr für die gesamte zivilisierte Menschheit darstellen. Daher auch die Deeskalationszonen, die es syrischen Regierungstruppen ermöglichen, sich um die Kriege im Westen Syriens nicht zu kümmern.

    Zudem kommt es Russland überhaupt nicht darauf an, einen Kompromiss mit den Terroristen zu schließen, sondern darauf, sie komplett zu vernichten.

    Diese Komfortzone wird Russland jedoch verlassen, sobald die syrische Armee den Osten Syriens mithilfe der russischen Luftwaffe von den Terroristen befreit hat. Dann betritt Moskau eine Zone der Ungewissheit, wo gleich mehrere Aufgaben gelöst werden müssen.

    Zu seinem Wort muss man stehen

    Aufgabe Nummer 1: Was soll mit den Deeskalationszonen geschehen? Es wird angenommen, dass dort ein friedlicher Verhandlungsprozess in Gang kommt. Nur werden die Verhandlungen schwer zu führen sein, stellen die Oppositionskämpfer doch sehr dreiste Forderungen – zumal sie verloren haben und deshalb von der Verliererposition aus verhandeln müssten.

    Damaskus könnte indes seine ganzen Kräfte bündeln, um gegen die Verlierer schnell und siegreich zuzuschlagen. Assad versucht nämlich seit Langem schon, Moskau davon zu überzeugen, von der Förderung des Dialogs abzulassen und ihm stattdessen dabei zu helfen, die ganzen Oppositionellen einfach zu erobern. 

    Für diese Option spricht auch der Umstand, dass derzeit eine weitere Reinkarnation der Al-Nusra-Front die Macht in Idlib übernimmt, der größten Deeskalationszone in Syrien. Dort macht die neue Terrorgruppe Jagd auf protürkische Kämpfer. Und Russland hat wirklich nicht vor, einen Dialog mit der Al-Nusra-Front zu führen.

    Das Problem ist: Ein Versuch, die Terrorenklaven in Zentralsyrien ein für alle Mal zu erledigen, könnte Russlands internationalen Stand spürbar schwächen. Es geht dabei nicht so sehr darum, dass die Medien dann wieder ein Dauerfeuer eröffnen würden, mit Berichten über tote Kinder, zerbombte Krankenhäuser und tausende Flüchtlinge (in der Tat leben in Idlib sehr viele Menschen).

    Es geht vielmehr darum, dass Russland dann das Verhältnis zu den Türken, Israelis, Saudis und selbst den Amerikanern verdirbt, mit denen Putin bestimmte Vereinbarungen zu Syrien getroffen hat – also das Verhältnis zu allen, die einen politischen Kompromiss in Syrien wollen, damit das Land nicht gänzlich an die Iraner fällt. Offenkundig hat Russland diesen Ländern bestimmte Zusagen gemacht über einen politischen Kompromiss mit deren Günstlingen nach der Zerschlagung des IS.

    Zwar könnten die Zusagen für Idlib ihre Verbindlichkeit auch wieder verlieren – die Türkei hat sich verpflichtet, die dortigen Kämpfer unter Kontrolle zu halten, und wenn sie die Lage nicht mehr in der Hand hat, ist es ihr Problem –, doch in den anderen drei Deeskalationszonen wurden die Vereinbarungen mit Russland erfüllt. 

    Sollte Russland sich da von Assad einspannen lassen, riskiert es nicht nur, sein Gesicht zu verlieren, sondern auch das Vertrauen im Nahen Osten zu verspielen – und damit auch die Möglichkeit, eine Vermittlerrolle in der Region zu übernehmen.

    Kurden – aber nicht nur

    Aufgabe Nummer 2: Was passiert mit den Kurden, die den Großteil des syrischen Nordens kontrollieren?

    Klar, ein politischer Dialog mit ihnen wäre möglich, nur wäre dies ein Bruch mit den Türken: Eine kurdische Autonomie geht nur über Ankaras Leiche. Man könnte die Probleme militärisch lösen, gemeinsam mit den Türken und den Syrern. Das aber ist ein Konflikt mit den USA und der Verlust der „Kurden-Karte“ in den Verhandlungen mit der Türkei. Man könnte die Kurden-Frage auch schlicht ignorieren, nur würde dies den Türken freie Hand lassen und wäre faktisch eine Zustimmung zur Aufteilung Syriens.

    Insofern kommt die Frage auf: Wäre es für Russland vielleicht gut, einfach nichts zu tun? Moskau ist in Syrien, um den IS zu vernichten. Was hindert es daran, nach dessen Zerschlagung siegreich aus Syrien abzuziehen. Soll Assad doch selber klären, was mit Idlib und mit den Kurden passiert – gemeinsam mit dem Iran.

    Viele glauben, das sei die Idee. Doch muss man wissen, dass Russland dann bestimmte Positionen in Syrien aufgeben und an Ansehen einbüßen würde. Was Russland tun muss, ist nicht wegzugehen, sondern Druck auf Assad auszuüben, auf dass er seine Versprechen hält. Dann verbucht Moskau nicht einfach nur einen Sieg, sondern räumt alle Spieleinsätze ab.

    Und dann wieder eine Frage: Ist es vielleicht an der Zeit, auch in anderen Ländern richtig abzuräumen? Ja, die beiden Hochburgen des IS – Rakka und Mossul – werden von US-Amerikanern eingenommen. Doch dürfte inzwischen dem letzten Skeptiker klargeworden sein, dass diese gefährliche Terrorgruppe von Russland besiegt wurde.

    Schon möglich, dass bestimmte Kräfte in Moskau den Ruf als Kämpfer gegen den Terror aufrechterhalten und die russische Luftwaffe deshalb (und nicht nur die Luftwaffe) in anderen Ländern in den Anti-Terror-Kampf schicken wollen – nach Libyen etwa.

    Darüber lässt sich sicherlich reden, nur muss man eines im Hinterkopf behalten: Russland muss dort kämpfen, wo es nützt. Sollte Libyen sich Russlands Einsatz ebenso revanchieren wie Assad, dann könnte man die Einsatzoption ernsthaft prüfen. Zur Erinnerung: Syrien dankt Russland durch Zustimmung zu Militärbasen, durch Verzicht auf den Bau der Gaspipeline aus Katar, durch garantierte Verträge mit Russland und dessen politische Präsenz.

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    Tags:
    Anti-Terror-Kampf, Konfliktregelung, Kurden, Folgen, Sieg, Deeskalationszonen, Terrorbekämpfung, Al-Nusra-Front, Terrormiliz Daesh, Aleppo, Westen, Türkei, Libyen, Idlib, Russland, Syrien