23:12 21 September 2017
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    Kinder in den Straßen der syrischen Stadt Deir ez-ZorDeir ez-Zor unter Dauerfeuer der IS-Terrormiliz

    „Sie aßen Hunde und Katzen“ – Überlebende der Belagerung von Deir ez-Zor berichtet

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    Die Russin Irina Assaf zog in den 1990-er Jahren aus der russischen Stadt Kostroma nach Syrien in die damals blühende Wüstenmetropole Deir ez-Zor. Doch 2014 kam der Krieg in das Land und drei Jahre lang wurde ihre Stadt von Terroristen des IS belagert. Nun konnte sie über die Zustände in der Stadt während der Belagerung berichten.

    Vor wenigen Tagen wurde die Blockade der syrischen Stadt Deir ez-Zor aus der Richtung Palmyras von syrischen Truppen mit massiver Unterstützung der russischen Luftwaffe durchbrochen. Erste Konvois mit Lebensmitteln konnten die Stadt nun endlich erreichen. Zuvor konnte sie nur aus der Luft versorgt werden, sodass die Bevölkerung unter ständigem Mangel an Nahrungsmitteln, Medikamenten, frischem Wasser und weiterem absolut Notwendigem litt.

    • Beim Beladen humanitärer Hilfsgüter, die dann per Fallschirm im Raum von Deir ez-Zor abgeworfen wurden
      Beim Beladen humanitärer Hilfsgüter, die dann per Fallschirm im Raum von Deir ez-Zor abgeworfen wurden
    • Russlands Luftwaffe wirft humanitäre Hilfsgüter in Syrien ab
      Russlands Luftwaffe wirft humanitäre Hilfsgüter in Syrien ab
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    • Abwerfen humanitärer Hilfsgüter über der syrischen Stadt Deir ez-Zor
      Abwerfen humanitärer Hilfsgüter über der syrischen Stadt Deir ez-Zor
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    • Hilfsgüter für Syrien eingetroffen
      Hilfsgüter für Syrien eingetroffen
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    • Russische Hilfsgüter für Syrien
      Russische Hilfsgüter für Syrien
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    Beim Beladen humanitärer Hilfsgüter, die dann per Fallschirm im Raum von Deir ez-Zor abgeworfen wurden

    Die Russin Irina Assaf, Zeugin der Belagerung und der Verteidigung der Stadt, beschreibt, wie dramatisch die Lage während der Blockade war:

    „Menschen starben wegen des ständigen Artilleriebeschusses und an Hunger, insbesondere kleine Kinder und Alte. Alle Katzen und Hunde der Stadt verschwanden – sie wurden schlichtweg gegessen.

    Die Wetterbedingungen in Deir ez-Zor sind hart – im Sommer ist es trocken und heiß. Und wenn es kein Wasser gibt, ist es unmöglich (auszuhalten – Anm. d. Red.). Das Wasser wurde uns tatsächlich abgeschaltet (wegen des anhaltenden Artilleriefeuers konnten die Stadtdienste die Wasserversorgung nicht mehr aufrechterhalten – Anm. d. Red.), sodass Menschen wegen des Wassermangels starben.

    Der Fluss ist nicht weit. Wir hätten Wasser von dort holen können, aber die Terroristen beschossen die Ufer. Sie haben uns noch nicht einmal Wasser nehmen lassen.“

    Viele Verwandte und Freunde von Irina und ihrem Mann, dem Syrer Ibrahim, seien so gestorben.

    „Die Frau unseres Cousins starb an einer Mine, die die Terroristen auf die Stadt abgeworfen haben. Die Frau meines Freundes starb, unsere Nachbarn wurden getötet, die anderen Nachbarn verloren ihren Vater. Mein Vater wurde verwundet“, erzählt Ibrahim.

    „Wir waren ständig unter Beschuss“, betont der Syrer.

    Es gebe keine Straße in der Stadt, in der keine Menschen gestorben sind, erzählt Ibrahim weiter.

    Irina Assaf und ihr Mann Ibrahim - Überlebende der Belagerung von Deir ez-Zor
    © Sputnik/ Dmitriy Vinogradov
    Irina Assaf und ihr Mann Ibrahim - Überlebende der Belagerung von Deir ez-Zor

    Irina erinnert sich an einen Fall, wo ein Mann an einer Wunde gestorben ist, die nicht behandelt werden konnte. Oft würden Verletzungen nicht von Ärzten behandelt, sondern von Einwohnern, die wenigstens ein wenig von Medizin verstanden. Teilweise habe man mehrere Quartale unter Artilleriebeschuss durchqueren müssen, um einen Arzt zu erreichen oder wenigsten die letzten Medikamente zu bekommen, berichtet die Familie.

    Lange Zeit konnte die Stadt nicht komplett durch die Terroristen umzingelt werden, sodass einige Einwohner unter großer Gefahr fliehen konnten. So auch Irina, ihr Mann und ihre 18-jährige Tochter. Komplett verschleiert, um nicht ihre helle Haut und das europäische Gesicht zu zeigen, mussten sie dabei mehrere Kontrollpunkte des IS passieren, der zu dem Zeitpunkt Zivilisten ab und zu durchgehen ließ.

    Wovon hing das ab, ob man durch konnte oder nicht?

    Irina betont, das sei reines Glück gewesen und habe davon abgehangen, in welcher Laune die Terroristen am Kontrollpunkt gewesen seien.

    Die Geflüchtete sagt, dass sie überrascht von der Anzahl der IS-Ausländer gewesen sei.

    „Es waren viele Ausländer, die wie Afrikaner oder Pakistaner aussahen. Und ihre Augen… Als ob sie in einer anderen Welt sind. Als ob sie ständig unter Halluzinationen stehen würden“, beschreibt Irina die IS-Kämpfer, die sie passieren mussten.

    Die Familie von Irina hatte Glück. Trotz des enormen Risikos konnte sie aus der Stadt fliehen, bevor die Metropole kuze Zeit später in die völlige Blockade geriet.

    Seit einigen Tagen haben die Menschen nun wieder Hoffnung. Die Blockade der Stadt wurde von der syrischen Armee mit Hilfe massiver russischer Luftschläge durchbrochen. Nahrungsmittel- und  Medikamentenkonvois können nun die leidende Bevölkerung erreichen, während die Armee mit russischer Unterstützung den Versorgungskorridor immer breiter freikämpft.

    Und so hoffen auch Irina und Ibrahim, bald in ihre Stadt zurückzukehren und ein friedliches Leben zu beginnen. Um die Stadt so wiederaufzubauen, wie sie vor dem Einfall der Dschihadisten war, wird es aber vermutlich Jahre brauchen.

    Deir ez-Zor ist eine der größten Städte Syriens und die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Die Stadt liegt an den Ufern des Euphrats und war vor dem Ausbruch des Krieges eine der blühendsten Metropolen des Landes.

    Seit dem Sommer 2014 lag die Stadt wie eine Insel in der vom IS kontrollierten Wüste. Die Verteidiger von Deir ez-Zor – ein Verbund aus syrischer regulärer Armee und Freiwilligen der Volkswehr – leistete den Dschihadisten all die Jahre erbitterten Widerstand und konnte die Stadt halten. Vor einigen Tagen hat die syrische Armee mit massiver russischer Luftunterstützung die Belagerung durchbrochen.

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    Belagerung, Hungersnot, Humanitäre Hilfsgüter, Deir ez-Zor, Syrien