11:36 03 Dezember 2020
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    Nicht repräsentativ für Heranwachsende unter 18 – so wird das Ergebnis der „U18-Wahl“ vom vergangenen Wochenende von Experten in den Medien eingeschätzt. Damit ist auch keine Vorhersage möglich, wie deren Eltern und Großeltern abstimmen. Dennoch hat das Projekt „U18-Wahl“ für mediales Aufsehen gesorgt. Die Ergebnisse sind selektiv, so ein Fachmann.

    Bei der „U18-Wahl“ für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren am 15. September bekam die CDU/CSU etwa 28 Prozent der Stimmen. Die SPD folgte laut Angaben der Organisatoren mit knapp 20 Prozent, dann die Grünen mit rund 17 Prozent der Stimmen, die Linke mit etwa acht Prozent und die AfD mit knapp sieben Prozent. Auch die FDP wäre den Berichten zufolge mit knapp sechs Prozent im Bundestag vertreten, ginge es nach jenen, die am 24. September noch nicht mitwählen dürfen. 

    Es handelt sich um ein bildungspolitisches Projekt in Deutschland, das alle vier Jahre jeweils neun Tage vor der echten Bundestagswahl durchgeführt wird. Zu den Organisatoren gehört unter anderem das Deutsche Kinderhilfswerk. Gefördert wird die Wahl durch das Bundesfamilienministerium sowie die Bundeszentrale für Politische Bildung. Kinder und Jugendliche können in speziell für sie eingerichteten Wahllokalen wählen gehen und das Ergebnis wird dann ausgewertet.

    Medien deuten Ergebnisse mal so und mal so

    Auf die Weise soll abgebildet werden, wie Heranwachsende wählen würden, wenn sie schon könnten. Nach dem Bekanntwerden der vorläufigen Ergebnisse der U18-Wahl  hieß es in den Medienberichten zwar immer wieder, die Wahl sei nicht repräsentativ für die Heranwachsenden. In den Überschriften wurde aber das Gegenteil angedeutet – frei nach dem Motto: So sieht das die Jugend! Eine Überschrift der Wochenzeitung „Die Zeit“ vom Dienstag lautete: „U18-Wahl: Schüler würden Merkel wählen“. Die Tageszeitung „Die Welt“ fasste die Wahl der Heranwachsenden dagegen in dem Titel zusammen: „U18-Bundestagswahl: Jugendliche wählen links? Das war einmal“.

    Doch die Jugend sieht das gar nicht unbedingt so, erklärte Sebastian Müller gegenüber Sputnik. Er ist Mitglied der „Studiengruppe Jugendbeteiligung“ in Freiburg. Die Gruppe ist nach eigenen Angaben ein „freier Zusammenschluss von Einzelpersonen mit dem Ziel, Jugendbeteiligung zu verstärken, auf wissenschaftlicher Basis zu ergründen und stärker in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken“. Die „U18-Wahl“ gebe nur selektiv wieder, was eine Gruppe innerhalb der jungen Generation denkt, meint Müller: „Da geht hin, wer sich dafür interessiert, der möglicherweise von seinem Umfeld darauf aufmerksam gemacht wurde, dass es dieses Angebot gibt.“ Würden mehr Leute unter dem Druck einer Entscheidung, die sie direkt betrifft und die sie auch wirklich fällen können, zur Wahl gehen, wäre eine größere Gruppe vertreten. Dann wäre mit „anderen Ergebnissen“ zu rechnen.

    Heranwachsende mit grüner Vorliebe  finden „Mutti“ Merkel gut

    Für ganz falsch hält Müller allerdings das Ergebnis vom Sonntag auch nicht. Aus diversen Studien sei bekannt, dass jüngere Menschen europaweit zu linken Parteien tendierten, hierzulande aber eher zu den Grünen. Der Experte erklärte das so: „Die Grünen haben ein Programm, in dem es um viele Dinge geht, die jungen Menschen am Herzen liegen.“ Dazu zählten Klimaschutz und Umweltschutz, aber auch die Verkehrspolitik. Bei letzterem wären die Ansichten stark altersbedingt geprägt, denn die jungen Menschen benutzen meist die öffentlichen Verkehrsmittel und Fahrräder.

    Auf die Frage, warum die CDU bei den „U18-Wahl-Teilnehmenden“ dennoch den ersten Platz belegte, bot der Experte zwei mögliche Erklärungen an: „Man weiß aus der Forschung, dass ganz grundlegende gewohnheitsgemäße Einstellungen zur Politik schon sehr früh gelegt werden, zum Teil schon im Kindergarten.“ Die Art des Umfelds entscheide, welche Politik bevorzugt wird. Daraus folgt für Müller: „Man kann sagen, dass zu einem gewissen Grad Parteipräferenzen vererbt werden, dass es bis zu einem gewissen Punkt mit der Vererbung des sozio-ökonomischen Status zu tun hat.“ Zum anderen fänden viele junge Menschen die Kanzlerin Angela Merkel einfach „gut“. Das wäre auf einen erfolgreichen CDU-Wahlkampf zurückzuführen.

    Ob die Jugend von heute auch morgen noch so wählen wird? Müller antwortete mit einem „Teils, teils“. Im Laufe des Lebens ändere sich die soziale Position. „Damit ändern sich aber auch die Wahlpräferenzen. Man kann aber natürlich sagen, dass über lange Zeiträume feste Bindungen an Parteien, so wie es sie früher gab, sich eher auflösen.“ Die Politik wird also schnelllebiger, die Parteien müssen flexibler werden und büßen infolgedessen auch ein, für feste Positionen zu stehen. Hat die Bundeskanzlerin, der oft vorgeworfen wird, ihre Position ständig zu ändern, diesen Mechanismus vielleicht erkannt?

    Valentin Raskatov

    Das Interview mit Sebastian Müller zum Nachhören:

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    Tags:
    Popularität, Jugendliche, Kinder, CDU/CSU, Angela Merkel, Deutschland