00:33 24 September 2018
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    der Linken-Direktkandidat für Berlin Treptow-Köpenick, Gregor Gysi (Archivbild)

    Duell um Treptow-Köpenick: Gysi-Show mit SPD-Statist

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    Ilona Pfeffer
    2212216

    Selbstsicher und siegesgewiss gab sich der Linken-Direktkandidat für Berlin Treptow-Köpenick, Gregor Gysi, am Montagabend im Duell mit seinem Gegenkandidaten von der SPD, Amtsinhaber Matthias Schmidt. Und das Publikum jubelte seinem Kandidaten bereitwillig zu.

    Als Duell der Spitzenkandidaten angekündigt, geriet die Veranstaltung im historischen Festsaal der Freiheit 15 in Köpenick zur Gregor Gysi Show. Mit Rotwein, gedämpftem Licht und rotem Vorhang hinter der Bühne, glich die Atmosphäre eher einem gediegenen Ausflug ins Theater, denn einem knallharten politischen Duell in der heißen Phase des Wahlkampfes. Und wie ein Star des Broadways nutzte Lokalmatador Gregor Gysi die Bühne für seinen Auftritt. Nach einer Pause von vier Jahren möchte der streitbare Präsident der Europäischen Linken wieder als Direktkandidat für Berlin Treptow-Köpenick in den Bundestag einziehen.

    Kandidat von der SPD, Amtsinhaber Matthias Schmidt (Archivbild)
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    Kandidat von der SPD, Amtsinhaber Matthias Schmidt (Archivbild)

    Noch wird der Bezirk von SPD-Politiker Matthias Schmidt vertreten. Er ist in seinem Kiez gut verwurzelt, ist Vorsitzender im Tennisklub, hat sein Wahlkreisbüro ganz nah an der S-Bahnstation Baumschulenweg und düst mit einer SPD-roten Piaggio Ape durch seinen Kiez.

    Im Bundestag seien seine Schwerpunkte Altern in Würde, Sicherheit im Alltag und Sport und Ehrenamt, eröffnet Schmidt. Auch habe er immer den Kontakt zu den Bürgern in seinem Bezirk gesucht – 114 Bürgersprechstunden habe er durchgeführt.

    „Manchmal konnte ich helfen, manchmal nicht. Das Helfen, das treibt mich an. Darum bewerbe ich mich 2017 das zweite Mal um ein Mandat für den deutschen Bundestag.“

    In seiner Amtszeit habe er 20 Millionen Euro nach Treptow-Köpenick geholt und mehrere große Projekte auf den Weg gebracht, darunter das Strandbad Müggelsee.

    Auch ihm liege sein Bezirk am Herzen, mindestens genauso wie weltpolitische Fragen wie der Syrien-Krieg und die EU – da sei er so etwas wie eine gespaltene Persönlichkeit, kontert Herausforderer Gregor Gysi. In seinen Sprechstunden höre er sich die Sorgen und Nöte von Hartz IV-Empfängern an.

    „Ich führe auch regelmäßig eine Bürgersprechstunde durch. Das ist deshalb so wichtig, weil zu mir Hartz IV-Empfänger kommen und ich höre, wie sie leben – das wüsste ich ja sonst nicht. Ich lebe unter gänzlich anderen Umständen als sie. Wenn du nicht unmittelbar mit ihnen sprichst, dann hast du nur so eine abstrakte Vorstellung davon. Die soziale Frage ist für mich schon deshalb entscheidend, weil ich nicht gerne von Armut umgeben bin.“

    Sozial und bürgernah – das möchten sie beide sein, signalisieren die Kandidaten. Außerdem sei Treptow-Köpenick der schönste Wahlbezirk von Berlin, von Deutschland, ja von Europa, überbieten sich die Duellanten.

    Kurz streifen sie Außenpolitik und die Bedrohungen, die aus gegenwärtigen Konflikten für Deutschland und die Welt entstehen. Dass man mit den Problemen von Altersarmut, steigenden Mieten, überlasteter Infrastruktur und der Belastung für den Naturschutz durch die Flugzeuge aus Schönefeld kämpfen muss – darin besteht prinzipiell auch Einigkeit.

    Doch während Gysi mit gekonnt gesetzten Pointen und kleinen Sticheleien immer wieder Szenenapplaus und Lachsalven abräumt, wirkt Matthias Schmidt verloren. Selten kann er gegen die 1,63m geballter Eloquenz punkten, fast schon mitleiderregend seine Versuche, sich mit dem Kontrahenten gemein zu machen. Immer wieder sucht der Sozialdemokrat das Duett einzuleiten, wenn schon ein Duell wenig erfolgsversprechend erscheint.

    Gysi-Show mit SPD-Statist
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    Gysi-Show mit SPD-Statist

    In der zweiten Hälfte der Veranstaltungen sind die Bürger aufgefordert, ihre Fragen an die Kandidaten zu richten.  Wie schon bei der Wahlarena mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, sind die Fragen, die dem Publikum unter den Nägeln brennen, weniger weltpolitischer Natur. Nein, die Menschen interessieren ihr Treptow und ihr Köpenick, ihre Renten und ihre Mieten. Die vielen Staus und Baustellen, die fehlenden Kitas und Arztpraxen.

    Gregor Gysi verspricht, sich konkret für die Abschaffung der sachgrundlosen Befristung von Arbeitsverträgen, die Abschaffung der Leiharbeit und die gesetzliche Regelungen des Übergangs aus Teilzeit- in Vollzeitbeschäftigung einzusetzen. Ferner müssten die Rente grundsätzlich reformiert und die Beitragsbemessungsgrenzen abgeschafft werden.

    In seiner Vision werden die Kitas zukünftig gebührenfrei sein und ein vollwertiges Mittagsessen anbieten, die Erzieherinnen deutlich besser ausgebildet und bezahlt sein. Er räumt ein, dass es einen Investitionsstau von 130 Milliarden Euro gibt. Dieses Geld fehle beim Bau von Brücken und Straßen, dem Ausbau von WLAN und Breitband und bei der Bildung.

    Auch sein Kontrahent von der SPD erkennt an, dass die Kritik aus dem Publikum berechtigt ist. Doch was tun, um mit dem Zuzug von 6000 Menschen jährlich fertig zu werden, den Straßenverkehr zu entlasten und mehr niedergelassene Ärzte in Treptow-Köpenick zu bekommen? Den ÖPNV attraktiver machen und die Zwei-Klassen-Medizin abschaffen, schlägt Schmidt vor und erntet ein paar zynische Lacher.

    Am Ende des Abends scheinen weder Gregor Gysi, noch Matthias Schmidt eine Lösung für die Probleme der Anwohner zu haben, versprechen aber Beide, die Sorgen der Bürger ernst zu nehmen und an andere Stellen weiter zu tragen. In ihren Vorschlägen und Ideen waren sich die Duellanten auch nicht unähnlich.

    Doch kam Gregor Gysi, dessen Wahlkampf auf der „Marke Gysi“ basiert, in der Vorahnung des sicheren Sieges – auch in den Prognosen liegt der Kandidat der Linken souverän vorn. Für Matthias Schmidt hingegen dürfte das einer der letzten Auftritte in seiner Funktion als Vertreter von Treptow-Köpenick im Bundestag gewesen sein.

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    Show, Wahlen, SPD, Die LINKE-Partei, Ilona Pfeffer, Gregor Gysi, Deutschland