03:13 11 Dezember 2017
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    Wahllokal in Berlin während Bundestagswahl 2013 (Archivbild)

    Nichtwähler: “Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Klappe halten!”

    © AFP 2017/ John Macdougall
    Politik
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    Laut Prognosen werden am Wahlsonntag etwa 18 Prozent der wahlberechtigten Deutschen nicht an die Wahlurnen gehen. Doch warum verzichten so viele Menschen auf ihr demokratisches Recht? Sputnik hat sich umgehört.

    An generellem politischem Desinteresse liegt die Verweigerungshaltung nicht. Laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung geben 34 Prozent der Befragten an, die Politiker hätten kein Ohr für die Sorgen der kleinen Leute. 31 Prozent glauben, den Politikern gehe es nur um die eigene Karriere. An Platz drei rangiert mit 24 Prozent die Unzufriedenheit mit dem gesamten politischen System.

    So vielfältig die Motive, so heterogen sei die Gruppe der Nichtwähler, erklärt Wahlforscher Holger Geißler von YouGov.

    Übersicht: Einstellung zu Nichtwählen
    Übersicht: Einstellung zu Nichtwählen

    „Es gibt Häufungen bei den sehr jungen Menschen, also den Erstwählern. Dass dann der Wahlsonntag doch zu plötzlich kommt. Man sieht auch, dass etwas mehr Frauen unter den Nichtwählern sind – das hat mit politischem Interesse und politischer Kompetenz zu tun, was ohnehin bei Frauen etwas geringer ausfällt. Außerdem gibt es eine Wechselwirkung zwischen Bildung und Einkommen. Sie können davon ausgehen, dass Sie in der Gruppe der Nichtwähler mehr Menschen mit einem geringen Einkommen und einer niedrigen Bildung finden.“

    Auch Philipp, 37, hat in das politische System in Deutschland wenig Vertrauen.

    „Ich bin als Kind politischer Oppositioneller in der DDR aufgewachsen, da saugt man das Nicht-Wählen schon mit der Muttermilch ein. Klar war: Ich lebe in einer Diktatur, SED wird gewinnen, Wählen ist sinnlos. Ich habe deshalb schon in jungen Jahren angefangen, die politische Lage zu hinterfragen. Mir ist schnell klar geworden, dass das System, in dem ich jetzt lebe, auch eine Diktatur ist, nämlich die Diktatur des Kapitals.“

    Der alleinerziehende Vater aus Villingen fragt sich, welchen Einfluss Lobbyisten und Think Tanks auf politische Entscheidungsprozesse haben.

    Einfluss von alter, Bildung und Einkommen auf Wähleranteil
    Einfluss von alter, Bildung und Einkommen auf Wähleranteil

    „Zu bedenken gab mir auch immer die Aufgabe der Lobbyisten. Man schätzt, dass auf einen Politiker in Berlin oder in Brüssel drei Lobbyisten kommen, die versuchen, Einfluss auf die Politik zu nehmen. Es werden wohl weniger die Interessen des Volkes vertreten, als die Interessen von Hochfinanz und Konsorten.“

    Obwohl seit 20 Jahren wahlberechtigt, hat Philipp noch nie seine Stimme bei Landtags- oder Bundestagswahlen abgegeben.

    Auch der 36jährige Bildungsberater und Familienvater Tobias aus Heidelberg hat zwölf Jahre lang nicht gewählt.

    „Ich bin da schlichtweg zu faul für. Mich interessiert das zu wenig als dass ich bereit wäre, mein Leben dafür zu investieren. Meiner Meinung nach gibt es nur zwei Möglichkeiten. Man kann wählen gehen und dann darf man mitbestimmen und auch mitmeckern, wenn es nicht so ist, wie man möchte. Ich hab mir gesagt, die Alternative muss sein: Ich geh nicht zur Wahl, aber dann halte ich auch meine Klappe.“

    Es sei ihm lange Zeit vollkommen egal gewesen, wer Deutschland regiert. Auch Protestwählen sei nie infrage gekommen.

    „Wer drückt denn meinen Protest aus? Ich hatte nie Bock zu protestieren, ich war auch nie ein Demonstrierer. Es gab Sachen, die mich genervt haben. Aber ich lebe in einem der freisten, reichsten und sichersten Länder der Welt – was soll ich mich denn beschweren? Ich habe andere Länder bereist und habe gesagt: Hier würde ich wählen gehen. In Deutschland war es aber relativ ok, und zwar unabhängig davon, wer regiert hat. Ich bin also kein Protestwähler, weil ich keinen Protest habe.“

    Anders sieht es Stanislav, 30, Groß- und Außenhandelskaufmann aus Mönchengladbach, der sich als klassischen Protestwähler bezeichnet.

    Sozial schwächere und jüngere Milieus mit den höchsten Nichtwähler-Anteilen
    Sozial schwächere und jüngere Milieus mit den höchsten Nichtwähler-Anteilen

    „Vom Gefühl ist es einfach so, dass man mit seiner Stimme gar nichts verändern kann. Aber mein erwachsener, rationaler Verstand sagt mir: Man sollte wählen gehen.“

    Wenn er könnte, würde der aus der Ukraine stammende junge Mann Vieles in Deutschland ändern. Er würde die Zeitarbeit abschaffen und für gerechtere Löhne sorgen. Der SPD kauft er ihre Politik der sozialen Gerechtigkeit aber nicht ab.

    „Der Verrat der SPD an sich selbst und an den Menschen durch die Agenda 2010 ist der größte Punkt. Da braucht man gar nicht weiterreden. Eine sozialdemokratische Partei, die Hartz IV einführt, ist schon traurig.“

    Auch die anderen etablierten Parteien seien mit der Zeit korrumpiert worden und im Grunde wisse jeder halbwegs intelligente Mensch, dass Lobbyisten die Politik diktieren, so Stanislav.

    Weil er dennoch am demokratischen Prozess teilhaben möchte, wähle er kleine Parteien.

    „Ich habe mal aus Spaß irgendeine Rentnerpartei gewählt – die Grauen Panther oder so ähnlich hießen die. Ich werde dieses Mal Die PARTEI und Serdar Somuncu wählen. Wenn ein Kabarettist die Fünf-Prozent-Hürde schaffen und ins Parlament einziehen würde, fände ich die Vorstellung supergeil.“

    Philipp aus Villingen hat auch dieses Jahr nicht vor, wählen zu gehen. Politisch engagiert sei er auf andere Weise.

    „Durch meinen Konsum versuche ich Firmen und Konzerne zu unterstützen, die in irgendeiner Form Alternativen zu den bestehenden kapitalistischen Strukturen bieten. Ich kann zu einer Bank gehen, bei der ich mir relativ sicher bin, dass sie keine Waffengeschäfte macht. Ich kann Energiekonzerne unterstützen, die auf Nachhaltigkeit setzen. Ich kann mehr gebrauchte Waren kaufen. Ich denke, wenn man so versucht, sich in seinem eigenen Umfeld zu engagieren, nimmt man mehr politischen Einfluss als wenn man seine Stimme in eine Urne gibt.“

    Tobias hingegen haben der Brexit und die US-Wahlen zu denken gegeben und er hat sich entschlossen, nach zwölf Jahren Nicht-Wählens am kommenden Sonntag seine Stimme abzugeben.

    Politisches Interesse und Wahlabsicht
    Politisches Interesse und Wahlabsicht

    „Dass stumpfe Leute, die von den Themen, über die sie reden, offensichtlich keine Ahnung haben, ihre Stimme abgeben – das finde ich gruselig. Und gegen die ziehe ich ins Feld. Ich bin aber kein Protestwähler, ich bin Kriegswähler. Ich möchte keine AfD in der Regierung haben, am liebsten hätte ich irgendeinen vernünftigen Quatsch, wie die Piraten oder Die PARTEI. Meine Stimme jetzt nicht abzugeben, hieße ja, ich müsste wieder die Klappe halten. Und wenn irgendwelche rechten Wichser an der Macht sind, dann will ich nicht die Klappe halten, dann will ich kämpfen.“

    Holger Geißler von YouGov erwartet eine Wahlbeteiligung von 70 Prozent oder mehr bei der Bundestagswahl 2017. Der Trend der steigenden Wahlbeteiligung sei bei den letzten Landtagswahlen zu beobachten gewesen. Das gestiegene Wahlinteresse könnte mit den Themen zusammenhängen, die die Deutschen aktuell besonders beschäftigen.

    „Ich glaube, das hat tatsächlich mit dem Flüchtlingsthema und dem Thema Innere Sicherheit etwas zu tun. Damit, dass viele von uns durch die Terroranschläge in Europa verunsichert sind. Es hat aber auch viel mit Donald Trump und dem Brexit zu tun, gerade bei den jungen Leuten. Dass sie eben sehen, was passiert, wenn man nicht wählen geht.“

    Ilona Pfeffer

    Das komplette Interview mit Holger Geißler zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit Nichtwähler Philipp zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit Nichtwähler Stanislaw zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit Nichtwähler Tobias zum Nachhören:

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    Popularität, Bundestagswahl, Studie, Abstimmung, Friedrich-Ebert-Stiftung, YouGov-Institut, Deutschland