14:01 10 Dezember 2019
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    Atomkrieg (Archivbild)

    „40 Minuten vor dem Dritten Weltkrieg“: Wie man ihm einst nur knapp entging

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    Die Nacht, als die Welt vor einem Atomkrieg gerettet wurde: Was geschah damals konkret in einer zuständigen Militärzentrale bei Moskau? Die russische Zeitschrift „Rodina“ widmet einen aktuellen Bericht dem sowjetischen Oberstleutnant Stanislaw Petrow. Er starb im laufenden Jahr – und seine Heldentat jährt sich bald zum 34. Mal.

    Die Zeitschrift titelt: „40 Minuten vor dem Weltkrieg.“ Eine strenggeheime Militäranlage bei Moskau beherbergte in der Sowjetzeit dem Bericht zufolge ein 300 Tonnen schweres Radar, das von sowjetischen Spionagesatelliten Daten empfing. Die Anlage war dafür zuständig, einen möglichen Start ballistischer US-Raketen zu erkennen. Ein gigantischer Computer des Typs M-10 verarbeitete die eingehenden Daten, um im Kriegsfall die Klasse und die Koordinaten der anfliegenden Raketen sofort mitzuteilen. In der Zentrale gab es sowohl Videodisplays als auch einen wandgroßen Bildschirm mit elektronischen Karten der Sowjetunion und der USA.

    Cape Canaveral, Raketenreihe (Archivbild)
    © Foto : NASA
    Cape Canaveral, Raketenreihe (Archivbild)

    Die Besatzung der Anlage betrug knapp 100 Mann. Um 20.00 Uhr am 25. September 1983 begann eine neue Dienstschicht, der 44-jährige Oberstleutnant Stanislaw Petrow übernahm das Kommando. Später erzählte er: „Es war übrigens ein Zufall, dass ich an jenem Tag der operative Diensthabende in der Zentrale war: Ich sprang für einen Kameraden ein.“

    Im Bericht der Zeitschrift heißt es:

    „Ein betäubender Summton sprengte die schläfrige Stille in der Kommandozentrale. Petrow sah sich das Pult an – und sein Herz wäre beinahe an einem heftigen Adrenalinkick geplatzt.“

    Auf dem Pult, so die Zeitschrift weiter, pulsierte ein rot leuchtender Fleck mit dem Wort „Start“. Dies konnte nur eins bedeuten: Auf der anderen Seite des Erdballs hebt eine ballistische Rakete ab. Auch die Karte an der Wand bestätigte mit einem grünen elektronischen Zeichen: Eine Minuteman-Rakete wurde von einem Militärstützpunkt an der Westküste der USA abgefeuert.

    Petrow wusste: Die Rakete braucht rund 40 Minuten, um die Sowjetunion zu erreichen. Er rief ins Mikro seinen Befehl, man müsse sofort überprüfen, ob die Elektronik in der Zentrale korrekt funktioniere. Dann sah er sich das Videodisplay an – es gab keine Anzeichen für einen „Schweif“, den eine fliegende Rakete immer hat. Auch der zuständige Beobachter bestätigte: „Mit visuellen Mitteln wurde kein Ziel entdeckt!“ 

    Ein anderer Offizier teilte unterdessen mit, alle Geräte und Satelliten seien intakt. Und sofort wurden drei weitere Raketenstarts angezeigt. Die Information wurde an eine koordinierende Frühwarnzentrale automatisch weitergeleitet. Diese wartete nun auf eine Bestätigung durch jene bodengestützten Radare, die nicht Satellitendaten sammelten, sondern den Luftraum selbst scannten. Sollte diese Bestätigung eingehen, leuchtet eine Anzeige im „Atomkoffer“ des sowjetischen Parteichefs rot auf, auch die Militärführung wird zeitgleich informiert. Dann brauchen die Streitkräfte nur noch einen Befehl, um einen Gegenschlag zu starten.

    Petrow berichtete im Nachhinein:

    „In jenen Sekunden erwies sich die Information der Visuell-Beobachter als entscheidend. Das waren einfache Soldaten, die stundenlang in dunklen Räumen vor ihren Bildschirmen saßen. Sie sahen keine Starts von US-Raketen. Auf meinem Bildschirm sah ich auch keine. Es wurde klar, dass es um einen blinden Alarm geht. ‚Wir liefern falsche Informationen! Wir liefern falsche Informationen!‘, rief ich dann.“

    Juri Wotinzew, Ex-Chef der sowjetischen Raketenabwehr, erzählte später, die Untersuchung habe ergeben, dass der falsche Alarm auf eine Computerstörung zurückgehe. Auch eine Reihe weiterer Mängel sei im System aufgedeckt worden – sowohl bei den Softwares als auch bei den Satelliten. Erst 1985 seien alle Mängel endgültig behoben worden.

    Die Zeitschrift betont:

    „Gerechtigkeitshalber muss man sagen: Solche Zwischenfälle gab es auch bei unserem potenziellen Gegner. Nach Angaben des sowjetischen militärischen Auslandsgeheimdienstes GRU lieferten US-Frühwarnsysteme falsche Alarmmeldungen deutlich häufiger als unsere, auch die Konsequenzen waren spürbarer. Einmal erreichten die alarmierten US-Bomber mit Atomwaffen an Bord sogar den Nordpol, um einen massiven Schlag gegen die Sowjetunion zu erteilen. Ein anderes Mal hielten die Amerikaner eine Migration von Vogelscharen für sowjetische Raketen und versetzten ihre ballistischen Raketen in Gefechtsbereitschaft. Doch weder bei uns noch bei ihnen kam es glücklicherweise dazu, dass der Startknopf gedrückt wurde.“

    Stanislaw Petrow bei der Verleihung des Dresden-Preises in der Semperoper, Februar 2013
    © Sputnik / Sergej Pirogow
    Stanislaw Petrow bei der Verleihung des Dresden-Preises in der Semperoper, Februar 2013

    Petrows Heldentat blieb dem Bericht zufolge von den Obrigkeiten unbemerkt: „Nach der Untersuchung wurde er weder bestraft noch ausgezeichnet. Der Oberstleutnant lebte am Stadtrand von Frjasino bei Moskau, in einer kleinen Wohnung (…) Er starb still und unauffällig für die von ihm gerettete Welt. Genauso wurde er auch begraben – in einem ferngelegenen Grab des städtischen Friedhofs. Ohne Militärorchester und Ehrensalve.“

    Eigentlich war Stanislaw Petrow noch im Mai des laufenden Jahres gestorben, doch die Nachricht machte erste jetzt Schlagzeilen, als der Tod von seinem Sohn auf eine Anfrage von Journalisten bestätigt wurde.

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    Heldentum, Tod, Atomwaffen, Dritter Weltkrieg, Russlands Streitkräfte, Stanislaw Petrow, UdSSR, USA, Russland