04:23 18 Dezember 2017
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    Auf der Couch mit Schulz und Merkel - Psychologen therapieren mögliche Koalition

    © AFP 2017/ FRED DUFOUR
    Politik
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    Ob Politik oder Ehe: Es gibt Absprachen, Sympathien und Streit - vor allem in einer Regierungskoalition. Angela Merkel übernimmt in dieser Beziehung eindeutig die dominante Rolle. Sputnik hat Psychologen und Paartherapeuten gefragt, welche Koalition am meisten Sinn macht und welche Therapie sie Merkel und Schulz empfehlen würden.

    Was tun, wenn in einer Liebesbeziehung die Luft raus ist? Oder gar, wenn Streit und Misstrauen zum Alltag werden? In der Regel ist eine Trennung dann wohl der beste Weg, in der Politik ist das weitaus schwieriger. Denn wenn man erst einmal eine Koalition eingegangen ist, sollte diese Verbindung mindestens vier Jahre halten.

    Der Autor und Paartherapeut Dr. Wolfgang Krüger macht darauf aufmerksam, dass schon zu Zeiten Willy Brandts das Kanzleramt Psychologen beschäftigte, um die Zusammenarbeit am Kabinettstisch zu erleichtern. Krügers aktuelles Buch hat den Namen „So gelingt die Liebe – auch wenn der Partner nicht perfekt ist“. Im Falle einer großen Koalition nach der Bundestagswahl würde er raten:

    „Wahlveranstaltungen erzeugen Misstrauen und Verstimmungen. Man muss zu Anfang einer Zusammenarbeit gucken, dass man auch mal miteinander lacht, damit eine gute Stimmung entsteht.“

    Deshalb sei es wichtig, dass man kleine Rituale habe. Krüger empfiehlt Merkel und Schulz, sich zusammen alte Fotoalben anzuschauen und Geschichten zu erzählen. Im politischen Leben brauche man eine ganz persönliche Ebene.

    Das sieht auch der bayerische Psychologe Gerhard Hecht ähnlich. Er würde als Experte sogar zu einer großen Koalition unter Schulz und Merkel raten. Dennoch müssten beide erst eine gemeinsame Grundlage finden:

    „Bei aller Ähnlichkeit sind sie doch ein wenig unterschiedlich. Es sind beides eher trockene Typen, aber Merkel ist dann doch noch ein bisschen trockener. Schulz ist da ja doch eher der Rheinländer und Leichtfuß.“

    Einig sind sich die Experten, dass Angela Merkel in der „GroKo-Ehe“ die Rolle der dominanten Frau übernehme. Aber wäre der machtbewusste Christian Lindner dann ein besserer Partner für die Kanzlerin? Wolfgang Krüger winkt ab:

    „Je kleiner der Koalitionspartner, desto schwieriger die Machtprobleme. Wir kennen das ja von kleinen Hunden, die dann am lautesten bellen müssen. Der kleine Koalitionspartner muss also vehementer seine Position vertreten, um nicht unterzugehen.“

    Die SPD würde deshalb besser zur Union passen. Ähnlich argumentiert Gerhard Hecht, der in Lindner keine ernstzunehmende Alternative sieht:

    „Lindner ist zu jung und auch zu schwach als Persönlichkeit. Merkel ist ja eine gereifte Persönlichkeit. Als Paartherapeut würde ich sagen, das kann eine Affäre werden, aber nichts Dauerhaftes.“

    Aber auch Martin Schulz hätte es als Koalitionspartner unter Angela Merkel nicht leicht, so die Experten. Das Hauptproblem sieht Krüger eindeutig bei der Kanzlerin:

    „Merkel ist sehr sachlich und machtpolitisch natürlich ein Fuchs. Und Schulz wirkt daneben manchmal fast wie ein artiger Junge. Die Gefahr, dass dort Machtkonflikte nicht gut gelöst werden, ist im Grunde genommen groß.“

    Deshalb müsse man Schulz psychologisch beraten, so Krüger weiter. Die Gefahr sei groß, dass bei ihm eine Verstimmung entstehe, weil Merkel die SPD über den Tisch ziehe. Der Paartherapeut Gerhard Hecht schaut auf einen anderen Aspekt:

    „Die meisten Menschen sehen Liebe erst einmal durch die Brille des ersten halben Jahres. Da ist man sehr verliebt und die Natur schmeißt eine hormonelle Freibierparty zur möglichst schnellen Fortpflanzung. Aber interessant wird es erst auf Dauer.“

    Dann gehe es mit den Jahren nicht mehr um die großen Gefühle, sondern darum, wie man den Alltag meistern könne. Und je länger das Zusammenleben, desto deutlicher die gegenseitigen Macken. In jeder Beziehung gebe es gravierende Machtprobleme, meint Dr. Krüger:   

    „Die meisten Machtprobleme sind still und leise. Zum Beispiel auch durch Verweigerung: Keine Sexualität, keine Anerkennung. Man braucht eine große Stärke oder Unabhängigkeit, um mit diesem Machtproblem gut umzugehen.“

    Eine Paartherapie helfe hier nicht unbedingt weiter, so Krüger. Er rät dazu, eher mit dem schwächeren Ehepartner eine Einzeltherapie zu unternehmen, um ihm eine Lösung dafür die Hand zu geben, wie man all das bekomme, was man haben wolle.

    Im kommenden Bundestag werden voraussichtlich eine ganze Reihe charismatischer Spitzenkandidaten vertreten sein: Der zielstrebige Christian Lindner, der alterserfahrene Alexander Gauland, die oft kämpferische Sahra Wagenknecht und natürlich Dauerkanzlerin Angela Merkel. Für den Therapeuten Krüger ist der Bundestag deshalb ein wunderbares Studienobjekt:

    „Wenn Sie an die alten Zeiten denken, an die 50er und 60er Jahre, an Herbert Wehner und seine Schlachten mit Franz-Josef Strauß. Es ist wunderbar, dass wir langsam wieder dahin kommen, wo Persönlichkeiten da sind, von denen man sagen kann: Die unterscheiden sich.“

    Der bayrische Psychologe Gerhard Hecht sieht das etwas anders. Für ihn sind die meisten Köpfe im Bundestag nicht sonderlich interessant. Der Experte würde viel lieber Bayerns Ministerpräsidenten Horst Seehofer therapieren:

    „Bei bayerischen Politikern ist die Demokratie nicht so stark verankert. Da gibt es viel eher den Elite-Gedanken. Viel spannender wäre: Wie würden Merkel und Schulz in einer großen Koalition mit ihrem etwas rüpeligen Sohn Seehofer umgehen, der da aus dem Süden pöbelt.“

    Im Bundestag selbst erwartet Hecht dagegen wenig Dynamik. Das habe auch damit zu tun, dass Machtmenschen häufig menschlich recht uninteressant seien. Laut dem Psychologen funktionierten einflussreiche Politiker eher auf einem sehr simplen Niveau:

    „Die haben ein gutes Gespür für Zeitgeist und die wissen genau, wie die Kraftlinien der Macht verlaufen. Aber als Personen sind sie oft gar nicht so interessant, weil sie häufig sehr glattgeschliffen sind, dass man nicht mehr viel Persönlichkeit findet.“

    Von daher seien Politiker für Therapeuten oft nicht interessant, weil die sich eine differenzierte Tiefe häufig gar nicht leisten könnten — sonst hätten sie es nach Meinung des Experten Gerhard Hecht gar nicht so weit gebracht. Dr. Wolfgang Krüger würde dagegen liebend gerne einen Tag mit Angela Merkel verbringen und sie zu Studienzwecken auf die Therapiecouch legen:

    „Denn sie hat eigentlich das größte Geheimnis. Martin Schulz ist ja jemand, der wie ein offenes Buch ist. Ich würde gerne mit Merkel mal einen Tag zu verbringen, wo man einmal hinter diese Fassade schauen kann, wie es ihr in den Höhen und Tiefen des Lebens wirklich geht.“

    Als Therapeut könne Krüger bis hin zur Erotik oder den schlimmsten Situationen des Lebens alles fragen. Ebenso was jemand noch erreichen wolle, oder was eines Tages auf dem Grabstein stehen solle. Bei diesen Themen würde der Autor und Psychologe der Kanzlerin gerne auf den Zahn fühlen. Vielen seiner Expertenkollegen dürfte das ähnlich gehen.

    Marcel Joppa

    Das komplette Interview mit Dr. Wolfgang Krüger zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit dem bayerischen Psychologen Gerhard Hecht zum Nachhören:

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    Tags:
    Ratschlag, Interview, Psychologie, Wahlen, Marcel Joppa, Sahra Wagenknecht, Christian Lindner, Martin Schulz, Angela Merkel, Deutschland
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