18:11 18 August 2018
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    Militärmanöver Zapad 2017 im Gebiet Kaliningrad

    Warum ein US-General Angst vor einem russischen Manöver hat, das schon vorbei ist?

    © Sputnik / Igor Zarembo
    Politik
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    Die USA und ihre Verbündeten aus der Nato setzen sich weiterhin mit dem „aggressiven“ Charakter der „intransparenten“ Übung „Zapad 2017“ („Westen 2017“) und mit dem Potenzial der russischen Truppen auseinander. Der Grund: Negative Prognosen der Militärs sind immer ein lukratives Geschäft. Und die Interessen Europas spielen dabei keine Rolle.

    Die russisch-weißrussische strategische Übung „Zapad 2017“ wurde am 20. September abgeschlossen. Die Truppenteile, die daran teilnahmen, sind in ihre ständigen Stationierungsorte zurückgekehrt: Der letzte Zug mit den russischen Militärgütern hat Weißrussland gestern verlassen. Auf den ersten Blick sollten die westlichen Politiker, die überall die „russische Aggression“ oder die Vorbereitungen darauf  sehen, ein „Happy End“ feiern können. Aber die Situation ist nicht so einfach.

    Der Sender „Voice of America“ veröffentlichte jüngst ein Interview mit dem Befehlshaber der US-Truppen in Europa, Ben Hodges. Der General sagte unter anderem: „Russland ist ein ebenbürtiger Rivale“, und die US-Militärs müssten deswegen umlernen, und die Nato müsse sich weiter entwickeln und ihre Fähigkeiten vervollkommnen.

    Die Meinung Ben Hodges‘ zum russisch-weißrussischen Manöver könnte nicht nur für ausgewiesene Militärexperten interessant sein, denn sie widerspiegelt quasi die ganze US-Politik und deutet teilweise die Pläne des Pentagons in Europa an. Es geht nicht um Zusammenwirken oder Partnerschaft, sondern um Rivalität mit Russland. Den Europäern wird direkt vorgeschrieben, ihre Rüstungsausgaben auf die umstrittenen zwei Prozent ihres BIP aufzustocken, und zwar im Hinblick auf die Fortsetzung der Konfrontation mit Russland.

    Was das Manöver „Zapad 2017“ angeht, so erwähnte der General drei Aspekte: Angeblich sei die Nato ausgerechnet dank dieser Übung noch stärker geworden, indem sie unter anderem den Austausch der Aufklärungsdaten (vor allem mit Polen und den baltischen Ländern) vervollkommnet habe. Darüber hinaus sei das Vertrauen der Europäer zu den noch vor dieser Übung im Osten des Kontinents stationierten Kräften gewachsen.

    Und schließlich „haben sich alle vergewissern können“, dass man Russland „absolut nicht vertrauen kann“, weil die Transparenz seiner Handlungen „gleich null ist“.

    General Hodges zeigte sich überzeugt, dass an der russisch-weißrussischen Übung mehr als 12 700 Soldaten teilgenommen hatten – und deshalb hätten „ausländische Beobachter“ so gut wie in jedes Flugzeug bzw. jeden Panzer eingeladen werden sollen. Als Beispiel führte er die Nato-Übungen an, die von Hunderten Journalisten beleuchtet werden. (Als wäre über das russisch-weißrussische Manöver kaum etwas berichtet worden.)

    Als der Befehlshaber der US-Truppen in Europa das Potenzial der Nato und Russlands verglich, sagte er: „Ich muss einräumen, dass Russland ein ebenbürtiger Rivale ist.“ Die Kommandostruktur der russischen Kräfte verändere sich, und das habe auch die russisch-weißrussische Übung bewiesen.

    Der General hob die Fortschritte der russischen Armee vor allem auf solchen Gebieten wie radioelektronischer Kampf, Luft- bzw. Raketenabwehr hervor. Der Einsatz von elektronischen Waffen und von Raketen bzw. Artilleriewaffen werde gut koordiniert, und Schläge gegen diese oder jene Ziele werden sehr schnell versetzt, betonte er. Moskau habe eine neue Taktik bei dem Einsatz von Drohnen entwickelt, die unter anderem in Syrien und in der Ukraine verwendet werde. Die Amerikaner müssten jetzt umlernen, wie sie die Kräfte verteilen und tarnen müssen, den Luftraum beobachten, was sie im Nahen Osten schon seit vielen Jahren nicht mehr getan haben. Es stellt sich jedoch die Frage: Wenn das Pentagon Europa verteidigt, das von niemandem angegriffen wird, warum muss es sich denn vor Flugzeugen und Drohnen verstecken?

    Bei dem Vergleich der Übung „Zapad 2017“ und des Nato-Manövers „Anaconda 2016“ verwies Hodges auf die „kristallklare“ Transparenz und den defensiven Charakter der seit einem Vierteljahrhundert größten Nato-Übung in Polen, an der sich mehr als 30 000 Soldaten, insbesondere 14 000 US-Soldaten, beteiligt hatten. Nach seinen Worten „beginnen Nato-Manöver nie mit Atomschlägen gegen eine europäische Stadt, während russische Übungen normalerweise mit der Anwendung von Atomwaffen starten“. Das offensichtliche Ziel solcher Aussagen besteht aber darin, die USA bzw. die Nato als Europas Verteidiger und Russland als potenzielle Gefahr darzustellen.

    Einige Einschätzungen des US-Generals zeugen offensichtlich entweder von seiner mangelhaften Kompetenz oder von einer absichtlichen Entstellung von Fakten. Denn das Szenario bei „Zapad 2017“ sah die Bekämpfung von ausländischen extremistischen Gruppierungen auf dem Territorium Weißrusslands und des russischen Gebiets Kaliningrad vor. 

    Moskau hatte Washington und Brüssel vorzeitig über den Inhalt des russisch-weißrussischen Manövers informiert, doch General Hodges ging über den Rahmen der „Zapad“-Übung  hinaus und erklärte: „Die ukrainische Armee hat mich beeindruckt: Sie stoppte immerhin Russland. (…) Die Ukraine ist das einzige Land, wo Menschen mit den EU-Flaggen in der Hand starben.“ Der US-General scheint nicht zu wissen, dass die Ukraine und Russland keinen Krieg gegeneinander führen, während das Verhalten der EU zur Ukraine nicht gerade lobenswert ist.

    Soldat bei der Militärübung Zapad 2017
    © Sputnik / Wiktor Tolochko

    Und noch glaubt Hodges, dass die russische Armee zu 50 Prozent aus Wehrpflichtigen besteht. Solche Fehler bei der Einschätzung des potenziellen Gegners sind  für einen General so gut wie unverzeihlich.  Laut offiziellen Angaben werden von Oktober bis Dezember insgesamt 134 000 Männer zum Wehrdienst einberufen, während die Armee, die aus etwa einer Million Soldaten besteht, weniger als 300.000 Pflichtsoldaten zählt. Und allein seit Anfang dieses Jahres wurden mehr als 15 000 Vertragssoldaten angeheuert, deren Gesamtzahl 400 000 übertrifft.

    Aber die Zahlen und Fakten sind nicht das Wichtigste: Das ganze Interview ähnelte einer Theater-Inszenierung. Indem Hodges die Sicherheit der europäischen Verbündeten Washingtons als Priorität hervorhob, bezeichnete er „die Eindämmung Russlands“ (wie auch Nordkoreas, des Irans und des so genannten "Islamischen Staates") immer wieder als ersten Punkt. Doch die Karten für diese Aufführung sind immerhin viel zu teuer.

    Der Verteidigungsetat der USA für das Jahr 2017 beträgt 700 Milliarden Dollar, aber der General forderte die Europäer immer wieder auf, zwei Prozent von ihrem BIP für Militärzwecke auszugeben, und zwar für „eine konkrete Kaufliste“. Darin scheint der Sinn der russisch-amerikanischen Konfrontation zu bestehen. Europa wird mit allen Mitteln gezwungen, möglichst viele US-Waffen und immer weniger russische Energieträger zu kaufen. Zu diesem Zweck scheut sich Washington nicht, den Europäern erschreckende Unwahrheiten über die Übung „Zapad 2017“ und über Russlands Gewaltanwendung zwecks Verschiebung der Staatsgrenzen Georgiens und der Ukraine zu erzählen.

    Die destruktiven Aktivitäten der USA in Europa lassen Russland im Grunde keine andere Wahl: Die langjährige Nato-Osterweiterung, diverse „bunte“ Revolutionen in mehreren GUS-Ländern, die Stationierung von US-Truppen und —Waffen in den baltischen Ländern und die ganze Kampagne zur Dämonisierung des Kremls in den westlichen Medien – das alles muss Moskau bei seiner Militärplanung berücksichtigen.

    Eine weiße Flagge über Moskau wird sicherlich niemand sehen. Russland verstärkt konsequent seine Truppen, und dieser Prozess soll bis 2021 seinen Höhepunkt erreichen. Und ein Jahr zuvor wird die Versorgung des russischen Heeres mit operativ-taktischen Raketenkomplexen „Iskander-M“ 100 Prozent erreichen. Die militärische Rivalität, zu der Russland quasi gezwungen wurde bzw. wird, geht weiter, und den Europäern verspricht sie kaum etwas Gutes.

    General Ben Hodges und seine Kollegen in Washington und Brüssel verstehen das alles offensichtlich, aber sie setzen die „europäische Karte“ im Interesse der USA aufs Spiel, und die Sicherheit von Hundertmillionen Europäern ist ihnen schlicht unwichtig.

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    Tags:
    Osterweiterung, Panik, Kritik, Manöver "Zapad 2017", Voice of America, NATO, Frederick Ben Hodges, Osteuropa, Weißrussland, USA, Russland
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