13:49 26 Januar 2020
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    Die letzte Wahl des Jahres scheint die spannendste zu werden. In Niedersachsen liefern sich SPD und CDU, genau wie dahinter Grüne und FDP, ein Kopf-an- Kopf-Rennen. Die AfD wird trotz interner Querelen in den Landtag einziehen. Das hofft auch die Linke. Sie könnte dann das Zünglein an der Waage zu werden.

    Niedersachsen ist ein Flächenland. Es braucht seine Zeit, um von A nach B zu kommen. Die Spitzenkandidaten der Parteien können ein Lied davon singen. Sie dürften ähnlich viel Zeit auf der Straße wie auf ihren Wahlkampfauftritten verbringen, bei denen sie die potentielle Wählerschaft treffen. Die „Süddeutsche Zeitung“ titelte, es sei ein rauer Wahlkampf. Dieser Einschätzung können wir uns nach Gesprächen mit den Spitzenkandidaten anschließen.

    Sputnik spricht mit Bernd Althusmann im Auto – zwischen zwei Wahlkampfterminen. Der 50-jährige ist seit vergangenem Jahr Landesvorsitzender und Spitzenkandidat der CDU. Vor ein paar Wochen sah die Welt des Christdemokraten noch rosig aus. 12 Prozent lag die CDU in Niedersachsen vor der SPD. Seit der Bundestagswahl ist dieser Vorsprung nicht bloß geschmolzen, sondern auch verschwunden. Einige Institute sehen Stephan Weil und die Sozialdemokraten jetzt sogar vorn. Darauf gibt Althusmann nicht viel: „Ich gebe zu, der anfängliche Rückenwind hat sich in ein laues Lüftchen verwandelt, aber ich spüre speziell nach dem TV-Duell einen unglaublichen Rückhalt. Das hat einen Ruck gegeben.“

    Althusmann zum Fall Twesten: Die Grünen haben sie weggemobbt

    Einen gewaltigen Ruck hatte es im August gegeben. Da verließ die Grüne Elke Twesten völlig überraschend die Landtagsfraktion und wechselte ins Lager der CDU. Das hatte  Folgen: Der Ein-Stimmen-Vorsprung der rot-grünen Koalition in Hannover war hin – Neuwahlen mussten her. Statt wie geplant Anfang kommenden Jahres müssen die Niedersachsen jetzt am Sonntag wählen.

    Der Fall Twesten ist noch längst nicht vergessen: Im besagten TV-Duell attackierte Ministerpräsident Weil seinen Herausforderer. Althusmann habe damit gegen demokratische Spielregeln verstoßen. Der CDU-Politiker hat sich selber aber nichts vorzuwerfen: „Es ist Verschulden von rot-grün, vor allem von den Grünen. Sie haben eine freigewählte Abgeordnete so gemobbt, dass diese mit den Inhalten der Politik von Herrn Weil nicht mehr einverstanden war." Daraufhin habe sich Frau Twesten eine neue politische Heimat gesucht – und in der CDU gefunden.

    Grüne-Spitzenkandidatin: Fall Twesten hat uns nicht geschadet

    Auch Anja Piel erreichen wir irgendwo zwischen Wahlkampfauftritten in Meppen, Nienburg oder Hessisch-Oldendorf. Für die Grüne-Spitzenkandidatin in Niedersachsen stellt sich der Fall Twesten nicht ganz so einfach dar wie für Althusmann. Frau Piel erinnert sich, dass sie vom Austritt Twestens über das Sekretariat der CDU erfahren hat: „Da war ich erst einmal sehr empört.“

    Zumal Twesten nicht von ihrem Landtagsmandat zurücktrat. Inzwischen hat die ganze Sache für die 51-jährige etwas Gutes: „Wir haben politische Rückendeckung aus den eigenen Reihen bekommen. Ich habe nicht den Eindruck, dass unsere Wähler Abstand von uns nehmen, eher im Gegenteil.“ Trotzdem steht der Fall Twesten zwischen den Grünen und der CDU. Eine Jamaika-Koalition, die ja schon im Bund ein schweres Unterfangen ist, gilt in Hannover als nahezu ausgeschlossen. Piel strebt für ihre Partei ein zweistelliges Ergebnis an. Sie will drittstärkste Kraft in Niedersachsen werden – auch um eine große Koalition zu verhindern.

    Linke: Rot-rot-grüne Koalition ist möglich

    Von zweistelligen Ergebnissen in Niedersachsen kann Anja Stoeck nur träumen. Die Spitzenkandidatin der Linke erwischen wir zu Hause. Sie hofft auf den Einzug ins Parlament. Der wurde 2013 mit 3,1 Prozent deutlich verpasst. Jetzt ist Frau Stoeck aber zuversichtlich: „Beim Thema soziale Gerechtigkeit wird der SPD einfach nichts mehr zugetraut.“ Damit will die Linke punkten. Rein rechnerisch ist rot-rot-grün eine Option für Niedersachsen.

    Ministerpräsident Weil scheint kein großer Freund dieser Idee zu sein. Für Frau Stoeck ist das Wahlkampfgetöse: „Er ist Politiker genug, wenn er einfach mal durchrechnet, dass es eine Mehrheit nur gemeinsam mit der Linken gibt, dann wird er uns auch ansprechen. Davon gehe ich aus.“

    Das fürchtet auch Althusmann. Der CDU-Spitzenmann warnt ausdrücklich vor einer rot-rot-grünen Koalition. „Ich möchte verhindern, dass die Niedersachsen am 16. Oktober aufwachen, ihnen die Kaffeetasse aus der Hand fällt — und plötzlich haben wir hier ein Linksbündnis.“ Auf ihrer Website warnt die CDU mit einem flammenden Feuer vor diesem Szenario.

    „Mich erinnert das an einen angstbeißenden Hund“, kommentiert die Linke Frau Stoeck diese Kampagne. Darin zeige sich, dass sich die CDU um Bernd Althusmann große Sorgen mache, die Wahl zu verlieren.

    CDU-Spitzenkandidat: Landwirte kritisieren Russland-Sanktionen

    Niedersachsen ist ein Agrarland. Hier werden dreimal so viele Güter exportiert wie konsumiert. Viele Landwirte spüren die Sanktionen gegen Russland. Landwirte sind klassische CDU-Wähler. Althusmann weiß das und beantwortet die Frage, wie seine Russland-Politik aussehen wird, klar und ehrlich: „Wir werden uns an den vorgegebenen Kurs der Bundesregierung halten. Über die Aufhebung der Sanktionen können wir derzeit nicht sprechen. Auch Landwirte in meiner Region, aus dem Hamburger Raum, haben mir häufig gesagt, dass sie das alles kritisch sehen, aber haben Verständnis für die außenpolitisch sehr schwierige Situation“, sagt der CDU-Spitzenkandidat und verabschiedet sich zum nächsten Wahlkampftermin, irgendwo zwischen Gifhorn, Emden und Cloppenburg.

    Das komplette Interview mit Bernd Althusmann zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit Anja Piel zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit Anja Stoeck zum Nachhören:

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    Tags:
    Interviews, Wahlen, Die Grünen, Die LINKE-Partei, CDU, Russland, Deutschland