23:59 20 November 2017
SNA Radio
    Eine verbrannte kurdische Flagge in Kirkuk, Irak

    „Chaos-Macht“ USA und die Kurden – Experte: „Mehr Unsicherheit für den Nahen Osten“

    © REUTERS/ Stringer
    Politik
    Zum Kurzlink
    241875012

    Was bedeutet ein möglicher neuer kurdischer Staat für den Nahen Osten? Was erhoffen sich die USA von Kurdistan? Ein Militär-Experte erklärt für Sputnik die politische und geostrategische Dimension dieser Sachlage. Er schätzt: Die Schaffung von Kurdistan könnte nützlich für die Ausrichtung der US-Geopolitik sein.

    Die Schaffung eines souveränen Kurdistans könne für die US-Amerikaner die Garantie dafür sein, dass „der Krieg in diesem Gebiet weitergeht“. Das erklärte Oberstleutnant a.D. der Bundeswehr, Jürgen Rose, gegenüber Sputnik.

    „Ich schätze, die Amerikaner haben die strategische Absicht, in einem Kurden-Staat eine riesige Militärbasis einzurichten. Wie sie es zuvor schon im Kosovo getan haben in James-Bond-Stil. Wie sie es in Bagram getan haben.“

    irakischer Polizist steht beim Plakat für kurdische Unabhängigkeit (Archivbild)
    © REUTERS/ Alaa Al-Marjani
    Der Vorteil für die US-Amerikaner laut Rose: Sie säßen mitten im Geschehen, könnten von dort aus eine „ungeheure militärische Machtprojektion“ für die gesamte Region Nahost betreiben. „Derart verlockend muss das sein aus US-amerikanischer Sicht, dass sie alles tun werden, um dieses Projekt zu verwirklichen.“

    Beim Referendum im Nordirak Ende September stimmten über 93 Prozent der Kurden für die Unabhängigkeit eines  irakischen Kurdistan. Nun finden am 1. November bereits allgemeine Parlaments- und Präsidentschaftswahlen in Kurdistan statt. Das teilte laut Medienberichten das Präsidialbüro der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak mit.

    Gründung Kurdistans: Langzeit-Plan von US-Militärs?

    In Syrien hat laut Rose die US-Armee in letzter Zeit massiv Bodentruppen aufgebaut mit Hilfe der kurdischen Peschmerga. „Die nennen sich jetzt: ‚Syrian Democratic Forces‘. Das sind im Prinzip die Kurden. Also, die kurdischen Kämpfer stellen die Bodentruppe der USA. Die USA selbst haben mittlerweile auch in erheblichem Umfang Bodentruppen in Syrien stationiert. Das sind sogenannte ‚Special Operation Forces‘, also Geheimverbände, von denen niemand etwas wissen darf. Da können auch westliche Journalisten nicht darüber berichten. Die werden nämlich dann ruck-zuck dieses Gebietes, in dem sich diese Verbände aufhalten, verwiesen.“

    Rose beschrieb die Hintergründe der kriegerischen Auseinandersetzung in Syrien: „Es geht im Kern darum, dass die USA einen Krieg gegen den Iran führen wollen. Um den Iran einzudämmen, um das Mullah-Regime zu stürzen. Und der Weg nach Teheran führt nun mal über Damaskus.“ Das sei ein klassischer Macht- und Hegemonialkonflikt. Außerdem spielten wirtschaftliche Interessen eine große Rolle, es sei auch ein Kampf um Rohstoffe. In der Region gebe es Pläne für zwei unterschiedliche Pipeline-Projekte, um Gas nach Europa zu liefern. Die eine Gasroute sollte über Irak, Syrien und die Türkei führen. „Das war das von den Europäern und den US-Amerikanern präferierte Projekt. Das andere Projekt lief über Iran, Irak und Syrien. Dafür hat sich Assad entschieden und genau zu diesem Zeitpunkt war der Startpunkt des Bürgerkrieges.“ Nach Assads Entscheidung, die „gegen westliche Interessen“ gerichtet war, begann „der vom Westen instrumentierte“ Konflikt in dessen Land.

    Mögliches Szenario: „KSZE“-Frieden für Region?

    „Es ist völlig klar, dass gegen Russland und gegen Assad keine Lösung zu finden sein wird“, betonte Militär-Experte Rose. Es sei die Frage, wie lange es dauert, bis der Westen und vor allem die USA das einsehen. „Und man sich dann eben an einen gemeinsamen Verhandlungstisch setzt. So wie man das während des Kalten Krieges in Helsinki gemacht hat mit der KSZE. Um dann eine Gesamtregelung für den Raum Naher Osten zu vereinbaren, die dann auch tragfähig ist.“ Der blockübergreifende KSZE-Prozess wurde in den 70ern in der finnischen Hauptstadt Helsinki in Gang gesetzt, um eine Annäherung von Ost und West im Kalten Krieg zu gewährleisten.

    Eine solche Lösung stehe für den Syrien-Konflikt aktuell jedoch kaum an. „Im Gegenteil. Ich sehe das momentan so, dass die Chaos-Macht USA das Chaos in der Region noch verstärken will. Weil die nahezu zwingende Folge der Instrumentalisierung der kurdischen Kämpfer im Krieg sowohl gegen den IS als auch gegen das Assad-Regime sein wird, dass die Kurden ihren eigenen Nationalstaat gründen werden: Kurdistan. Die entsprechenden Referenden haben im Nordirak ja schon stattgefunden.“ Er schätze, dass diese Gemengelage die Unsicherheit im Nahen Osten eher noch vergrößern werde.

    Alexander Boos

    Das komplette Interview mit Militär-Experte Jürgen Rose zum Nachhören:

    Zum Thema:

    Lawrow kommentiert Zusammenstöße zwischen Kurden und Regierungsarmee in Irak
    Neuer Krieg im Irak? Gefechte zwischen Kurden und Regierungsarmee in Kirkuk
    Kurdisches Referendum: Irakisches Gericht erlässt Haftbefehl gegen Organisatoren
    „Kurdistan hält Termin für Präsidenten- und Parlamentswahl ein“
    Tags:
    Chaos, Instabilität, Krise, Unsicherheiten, Kurden, Demokratische Kräfte Syriens (SDF), Pentagon, Nahost, Kurdistan, USA, Irak
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren