23:59 20 November 2019
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    die deutsche V-2 (Archivbild)

    „Satans“ Urvater: Was Sowjetunion vom größten Beutestück des II. WK abbekam

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    Vor 70 Jahren hat die UdSSR erstmals ihre ballistische Langstreckenrakete getestet, die auf Basis der deutschen V-2 entwickelt wurde. Die gesammelten Erfahrungen ermöglichten später die Entsendung eines Menschen ins All und die Schaffung eines Raketen- und Atomschildes. Hier die Entwicklungsgeschichte der „Superwaffen“ und ihrer Besonderheiten.

    Die 14 Meter große Stahlspindel spuckt mit höllischem Lärm hellgelbes Feuer aus. Der Rumpf der Rakete bebt, in der nächsten Sekunde hebt sie vom Boden ab und steigt in den Himmel – immer schneller. In weniger als 30 Sekunden wird die Fackel zu einem leuchtenden Punkt – und verschwindet. Der legendäre Leiter des Entwicklungs- und Konstruktionsbüros Nr. 1 (OKB-1), Sergej Koroljow, und der Leiter des Übungsgeländes „Kapustin Jar“, Generalmajor Wassili Wosnjuk atmen auf – der Start verlief normal. Das war am 14. Oktober 1947.

    Jagd auf die Deutschen

    Das sowjetische Raketenprogramm wurde durch die US-Atomangriffe auf die japanischen Städte Hiroshima  und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 stark angetrieben. In Moskau verstand man, dass die Sowjetunion das nächste Ziel der neuen Superwaffe werden könnte, weshalb man sich parallel mit der Entwicklung des eigenen Atomprogramms auch mit der Entwicklung von Methoden zur Lieferung von Gefechtsköpfen auf das Territorium des potenziellen Gegners befasste.

    Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs waren die einzigen „fliegenden“ ballistischen Raketen in der Welt die deutschen V-2 (A-4). Das Dritte Reich versetzte mit diesen Raketen Angriffe gegen die Hauptstädte der europäischen Länder – Mitglieder der Anti-Hitler-Koalition. Die Waffe war nicht präzise und blieb nach ihren zerstörerischen Eigenschaften hinter den Angriffen der US-Bomber zurück. Doch die Möglichkeiten dieser Waffen lagen bereits auf der Hand.

    Rakete V-2 auf dem Groenplaats in Antwerpen.
    Rakete V-2 auf dem Groenplaats in Antwerpen.

    Als erste griffen die Amerikaner auf die V-2 zurück. Kurz vor der Kapitulation Deutschlands ergaben sich der „Vater“ des deutschen Raketenbaus, Wernher von Braun, und seine engsten Mitstreiter dem US-Militär. Danach schufen diese Personen de facto das amerikanische Weltraumprogramm. Zudem befand sich in der Alliierten-Besatzungszone die Stadt Nordhausen mit dem riesigen Industriekomplex Mittelwerk, wo die Vergeltungswaffe gebaut wurde.

    Die USA übergaben diese Gebiete der Sowjetunion im Sommer 1945 im Tausch gegen Westberlin, doch zu diesem Zeitpunkt waren alle fertiggestellten Raketen und technischen Dokumente schon ausgeführt, und die Ausrüstung zerstört.

    Die Sowjetunion sammelte die V-2-Raketen Stück für Stück auf dem ganzen Territorium, das von den sowjetischen Truppen kontrolliert wurde. Die Sondergruppe „Wystrel“ mit Sergej Koroljow an der Spitze begann eine regelrechte Jagd auf Zeichnungen und Fotos dieser Waffe, Bestandteile der Konstruktion sowie auf Spezialisten, die im Mittelwerk arbeiteten.

    Die Arbeit dauerte mehrere Monate, doch die Sowjetunion hat es am Ende geschafft, Informationen und Stoffe für den Bau ihrer eigenen Rakete zu sammeln. Der Zusammenbau erfolgte in Nordhausen sowie im Betrieb des Forschungsinstituts Nr. 88 in Podlipki (Gebiet Moskau), das am 16. Mai 1946 auf Basis eines Artilleriewerks geschaffen wurde. Ein Jahr später begann der Bau eines Übungsgeländes für Raketentechnik in Kapustin Jar (Gebiet Astrachan). Ende September wurde es fertiggestellt und Mitte Oktober die erste Partie von Raketen dorthin gebracht.

    „Kinderkrankheiten“

    Die RDD war eine Flüssigkeitsstoff-Einstufenrakete mit einer Länge von 14,3 Metern, einem Durchmesser von 1,65 Metern und einem Gewicht von 12,7 Tonnen. Sie bestand aus vier Segmenten – dem Gefechtsteil mit einer Tonne Amatol, dem Steuerungssektor mit Anlagen und komprimiertem Stickstoff zur Erhöhung des Drucks im Kraftstoffbehälter, dem Kraftstoffbehälter mit Kraftstoff und Flüssig-Sauerstoff und dem Heckteil mit Antrieb. Insgesamt gab es 30.000 Einzelteile in einer Rakete. Die Konstruktion dieser Waffe war nach dem Maße von der Mitte des vergangenen Jahrhunderts äußerst fortgeschritten und kompliziert.

    Der erste Start der RDD erfolgte am 18. Oktober 1947 um 10.47 Uhr Moskauer Zeit. Die Rakete stieg 86 Kilometer weit in die Höhe und erreichte nach dem Zusammenbruch beim Einstieg in feste Schichten der Atmosphäre die Erdoberfläche – 274 Kilometer von der Startplattform entfernt, mit einer Abweichung von 30 Kilometern vom Ziel. Die Präzision wurde als befriedigend bezeichnet – serienmäßige V-Raketen waren ebenfalls nicht präzise, was teilweise durch einen schlagkräftigen Gefechtsteil ausgeglichen wurde.

    Im Oktober und November 1947 wurden elf RDD-Raketen gestartet; fünf Starts waren erfolgreich. Bei der errechneten Entfernung von 250 Kilometern legten Raketen 260 bis 275 Kilometer zurück bei einer Seiten-Abweichung von fünf Kilometern. An den Tests der ersten RDD-Raketen in Naturgröße nahmen deutsche Spezialisten teil. Die Havarien bei Flugtests wurden durch das Versagen der Triebwerke oder des Steuerungssystems, durch die Undichte der Brennstoffleitungen oder mangelhafte Konstruktionselemente verursacht.

    Die Sowjetunion lernte aber aus eigenen Fehlern und verbesserte ständig die Konstruktion ihrer neuen Langstrecken-Waffen. Zu direkten Entwicklungen der „deutschen“ RDD wurden die Anfang der 1950er Jahre entstandenen sowjetischen Raketenkomplexe R-1 und R-2. Am 21. Juni 1956 kam die R-5M hinzu – die erste ballistische Rakete der Sowjetunion mit einem nuklearen Gefechtskopf.

    Entfernter Nachkomme

    Der „jüngste“ Nachkomme der RDD ist die aussichtsreiche russische Interkontinentalrakete RS-28 Sarmat (Nato-Code Satan-2) vom staatlichen Makejew-Raketenzentrum. Der silogestützte Komplex neuer Generation wird gerade entwickelt und soll erst 2020 in Betrieb genommen werden. Die meisten Eigenschaften der neuen Trägerrakete werden geheim gehalten. Doch was bekannt ist, lässt beurteilen, welch große Fortschritte in diesen 70 Jahren die russischen Raketenbauer gemacht haben.

    RS-28 Sarmat (Nato-Code Satan-2)
    RS-28 Sarmat (Nato-Code Satan-2)

    Die Reichweite der Sarmat-Rakete macht 12.000 bis 15.000 Kilometer aus, was es den strategischen Raketentruppen ermöglicht, jedes Ziel in der westlichen Halbkugel zu erreichen. Im Unterschied zum früheren „Schwergewichtler“ R-36M Wojewoda trägt die RS-28 eine kleinere Last – fünf Tonnen gegenüber neun Tonnen.

    Doch die Sarmat-Rakete ist ihren Vorgängern bei der Fähigkeit des Durchbruchs der gegnerischen Raketenabwehrsysteme deutlich überlegen. Sie wird etwa zehn Gefechtsköpfe mit individueller Lenkung mit Kapazität von jeweils bis zu 750 Kilotonnen tragen. Die Ziele werden mit Hyperschall-Geschwindigkeit angeflogen. Es wird nicht leicht sein, die Gefechtsteile abzufangen – je nach der Situation können sie wie Marschflugkörper oder Hyperschall-Raketen manövrieren.

    Die Sarmat-Raketen haben eine solche Kraftstoffreserve, dass sie über den Nord- und Südpol fliegen könnten, indem jede Raketenabwehr überwunden wird, wie der russische Vize-Verteidigungsminister Juri Borissow zuvor mitteilte. Das ist eine sehr ernsthafte Waffe, man habe Angst vor ihr. Die Arbeit an der Schaffung der Sarmart-Rakete erfolge planmäßig, die Flugtests der neuen Rakete sollen bis Ende 2017 stattfinden.

    Nach Medienangaben wurden die ersten Raketen bereits im September zum Weltraumbahnhof Plessezk gebracht. Das bedeutet, dass die Tests in der nächsten Zeit beginnen könnten.

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    Tags:
    Entwicklung, Ausrüstung, Raketenabwehr, Interkontinentalrakete RS-28 Sarmat, Zweiter Weltkrieg, UdSSR, Deutschland