22:58 20 November 2018
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    Alexander Rahr: „Westliche Politiker haben es verlernt, andere Meinungen zu hören“

    © REUTERS / Kai Pfaffenbach
    Politik
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    Wohin steuert das Abendland? Hat es seine Glanzzeit noch vor sich – oder droht ihm der geopolitische Niedergang? Darüber – und über die künftige Rolle Russlands und Chinas in der Weltordnung – sprach der bekannte Politologe Alexander Rahr in einem Interview mit der Zeitung „Rossijskaja Gaseta“.

    Menschen in Europa würden an der Überzeugung festhalten, im Westen sei alles in Ordnung, der Westen werde siegen.

    „Sie lesen keine russische Presse, das russische Denken kennen sie nicht, interessieren sich nicht dafür. Die heutige Ideologie, Politik und Philosophie des Westens haben sich im Verlauf von 500 Jahren herausgebildet, seit der Aufklärung. In Europa glaubt man, der Niedergang sei schlicht unmöglich, weil er das Ende der Geschichte bedeuten würde“, sagte Rahr der Zeitung.

    Indessen erkläre Russland von seinem Standpunkt aus, der derzeit übrigens von anderen neuen Polen der Weltpolitik mitgetragen werde: „Die Welt ist sehr viel komplizierter als sie bislang war“ – und die westliche liberale Ideologie erlebe inzwischen deutliche Fehlschläge.

    Der Experte betonte: Wir seien Zeugen dessen, wie zwei Wahrheiten, zwei Informationswelten aufeinanderprallten. Das Problem des Westens bestehe darin, dass er seine Fehler nicht sehe. Einige Vertreter aus dem Westen würden behaupten, der Nationalismus und Populismus in Europa seien einfach zu besiegen, weil diese Erscheinungen in der Gesellschaft nicht verwurzelt seien.

    Das Wichtigste aber: „Westliche Philosophen und Politologen sehen keinerlei Alternativen, wollen das Vorhandensein von Alternativen aus Prinzip nicht wahrhaben.“

    Russland sei da klar im Vorteil: „Denn Russland hatte in den Neunzigerjahren den westlichen Standpunkt in vielerlei Hinsicht selbst übernommen, ging dann aber dazu über, eine eigene Identität und eine eigene Sicht zu suchen.“ Und: Russland sei sehr viel hellhöriger gegenüber jener neuen Musik, die in China gespielt werde. Deshalb spüre es sehr viel deutlicher, „wie die neue multipolare Welt aufgebaut sein wird“.

    Die Welt von heute gerate indes zusehends in ein Wettrüsten, so der Politologe:

    „Gott sei Dank ist noch kein heißer Krieg ausgebrochen. Aber wir sehen, dass neue Waffen getestet werden – Cyber-Waffen, die ganze Informationskriege auslösen, in denen wir inzwischen versunken sind. Diese Informationskriege entstellen Menschen psychisch und führen zu Wirtschaftskriegen.“

    Man erlebe ja derzeit, wie die Vereinigten Staaten ihre Wirtschaftsmacht ausnutzen, um durch Sanktionen Druck auf alle auszuüben, die mit ihnen nicht mitgingen. Dadurch zerstöre Amerika aber auch die Regeln des Welthandels.

    Doch zurück zu den unterschiedlichen Sichtweisen. „Die Menschen im Westen haben es verlernt, andere Meinungen wahrzunehmen“, sagt der Politologe. Sie seien überzeugt: Alles, was aus Russland komme, sei notwendigerweise Propaganda. „Gründe, die Russland anführt, muss man nicht ernst nehmen – wie auch die russischen Ideen.“

    Wozu das führe, sei auch deutlich zu sehen:

    „Der Westen schlägt Russland Frieden vor. Aber nur unter der Bedingung, dass Moskau seine angeblichen Fehler bereut und sich so verhält wie einst in den Neunzigern.“ Das zentrale Thema wolle der Westen dabei unberührt lassen – ein Anliegen, das in den zurückliegenden zehn Jahren seit der Rede Putins auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2007 hätte diskutiert werden müssen: „Die Fehler des gemeinsamen europäischen Sicherheitssystems“, betonte der Politologe.

    Stattdessen höre Europa nur auf Amerika. „Allerdings wird die Situation gerade durch Trump erschwert. In den Vereinigten Staaten werden die Europäer wie Vasalen wahrgenommen, die nicht mehr sonderlich von Interesse sind, weil der Größe Amerikas nicht mehr dienlich. Klar, dass die Europäer sich mit so einem Zustand nicht zufriedengeben.“

    Doch Ambitionen hin oder her: „In Europa leben nur sieben Prozent der Weltbevölkerung. Und trotz hochentwickelter Technologie, trotz hochentwickelter politischer Kultur und Wirtschaft sinkt die Einwohnerzahl in Europa stetig.“

    Natürlich habe auch Europa erkannt, dass an der neuen Weltmacht China kein Weg vorbeiführe. „Die EU versucht, mit China fast schon eine Freihandelszone einzurichten, damit Europa wirtschaftlich nicht so isoliert dasteht. Aber kann Europa sich mit China auf gemeinsame Werte verständigen? Natürlich nicht. Da hat China ein eigenes Verständnis.“ Deshalb werde Peking Druck auf Europa ausüben. „Chinas Einfluss auf die europäische Wirtschaft, auf die europäischen Finanzen, auf die Hebel der wirtschaftlichen Existenz Europas wird sehr viel größer sein, als die Europäer es sich überhaupt vorstellen können.“

    Dennoch sieht der Politologe auch Anlass zur Hoffnung. Man werde, sagte er, in solchen Ländern wie Deutschland, Frankreich, England – „wo es sehr starke diplomatische Schulen gibt, wo die Weltpolitik sehr viel objektiver wahrgenommen wurde“ – letztlich doch einsehen, dass ein Dialog über die unterschiedlichen Interessen im Westen und in Russland wieder begonnen werden müsse.

    Leider aber, monierte Rahr, gebe es in Europa auch andere diplomatische Schulen – besonders in den osteuropäischen Ländern, „die durchweg ideologisiert sind und sich selbst als ständiges Opfer einer angeblichen russischen Aggression sehen“. Diese Länder hätten ganz Europa mit dieser Angst „und teils auch mit Russophobie“ angesteckt.

    Das Ergebnis davon:

    „Der Westen gibt immer mehr Geld für den Kampf gegen die sogenannte russische Propaganda aus“ – Millionen würden in dubiösen neuen Strukturen versenkt – „ohne Mittel bereitzustellen für die Wiederaufnahme des aus meiner Sicht sehr notwendigen, konstruktiven Dialogs mit Moskau“, sagte der Politologe Rahr.

    Die Zukunftsprognose des Experten: „Wir leben in einer Welt von großem Chaos. Nicht alles wird freundschaftlich, mittels eines Dialogs und gegenseitigen Verständnisses ablaufen – in vielen Fällen eher umgekehrt. Natürlich werden sehr starke Versuche unternommen, einen Keil zwischen Russland und China zu treiben.“ Diese Aufgaben würden allerlei Denkfabriken im Westen übernehmen.

    Russland seinerseits werde Verbündete innerhalb der EU suchen, denn „direkt mit der EU-Führung zu reden, ist unmöglich“. Russland werde Kontakte zu politischen Kräften suchen, „die an einem Dialog interessiert sind“.

    US-Präsident Donald Trump bei Nato-Gipfel in Brüssel
    © REUTERS / Jonathan Ernst
    Dabei warnte der Experte vor einer Gefahr, die in der Öffentlichkeit vielleicht zu wenig Beachtung findet: „Die heutige Generation von Politologen, die in den Denkfabriken arbeiten; Journalisten, die jeden Tag aufs Neue Ideen, Gedanken und Kommentare über die neue Weltordnung in die Runde werfen – all diese Menschen haben offenbar keine Ahnung, was der Einsatz von Atomwaffen bedeutet“, so Rahr. Hiroshima und Nagasaki seien für diese Menschen der Beginn jener Zeit, in der westliche, liberale Ideen herausgebildet worden seien. „Nachdem die Amerikaner die Atombomben abgeworfen hatten, entstand im Westen die Demokratie“ – so die Sichtweise der heutigen Politologen und Journalisten im Westen laut Rahr.

    Ein gewisser Militarismus habe sich im europäischen Denken eingenistet, „die Überzeugung, das liberale System müsse mit Gewalt verteidigt werden“, warnte der Experte. Doch „dieses Säbelrasseln, das die Vereinigten Staaten und einige Vertreter des Westens betreiben“, führe nur zu Folgendem: „Länder, die einst westliche Kolonien waren, werden immer mehr Massenvernichtungswaffen anschaffen.“

    Dieser Teufelskreis sei nur zu durchbrechen, „wenn die wichtigsten Club-Mitglieder, die Atomwaffen haben, von sich aus damit anfangen, sich selbst zu entwaffnen.“ Dies wäre dann ein Vorbild für die jüngeren Mitglieder des Atom-Clubs. „Auf andere Weise ist das Wettrüsten nicht aufzuhalten.“

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    Tags:
    Mangel, Internationale Beziehungen, Populismus, Nationalismus, Krisenlösung, Dialog, Sanktionen, EU, Alexander Rahr, Westen, Europa, Deutschland, Russland, China