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    Fahrt zum westlichen Euphrat Ufer

    Deir ez-Zor: Die Stadt im Euphrat Tal kehrt ins Leben zurück - EXKLUSIV

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    Am 5. September 2017 hat die syrische Armee mit ihren Verbündeten (Russland, Iran, Hisbollah) die Belagerung von Deir Ezzor durch den selbst ernannten „Islamischen Staat im Irak und in der Levante“ (ISIS) durchbrochen. Langsam kehrt das Leben in die Stadt am Euphrat zurück.

    Rund 1,7 Millionen Menschen lebten vor dem Krieg in der östlichsten syrischen Provinz Deir Ezzor. Die Einwohnerzahl der Provinzhauptstadt Deir Ezzor lag bei etwa 200.000. Traditionell leben in den östlichen Gebieten Syriens diesseits und jenseits der Grenze zum Irak Beduinen und Stämme, deren Lebensrhythmus weit von dem der städtischen Bevölkerung entfernt ist. Die Entwicklung der Öl- und Gasindustrie hatte Ingenieure und Facharbeiter, Lehrer, Ärzte und modernen Lebensstandard nach Deir Ezzor gebracht. Diese Mittelschicht gehörte zu den ersten, die von den selbst ernannten Freiheitskämpfern der „Freien Syrischen Armee“ (FSA) bedroht und vertrieben wurden. Der FSA sei die Nusra Front gefolgt, erinnert sich der Apotheker Ayman Diab im Gespräch mit der Autorin in Deir Ezzor. Schließlich habe Da’esh das Kommando übernommen. Da’esh ist die arabische Abkürzung für „ad-Dawlah al-Islāmiyah fī 'l-ʿIrāq wa-sh-Shām“ (Islamischer Staat im Irak und in der Levante  – IS).

    Ayman Diab ist einer von sechs Apothekern die geblieben sind
    © Foto : Karin Leukefeld
    Ayman Diab ist einer von sechs Apothekern die geblieben sind

     

    Männer aus Deir Ezzor seien von einer Gruppe zur nächsten gewechselt, sie hätten „eine Fahne nach der anderen getragen“, so der Apotheker. Mit Da’aesh aber seien Ausländer gekommen: „Männer aus Tunesien, Jemen, Tschetschenien und Afghanistan, aus Frankreich, England, Deutschland, aus Saudi Arabien und Katar.“ Sie hätten Geld an die lokale Bevölkerung verteilt und Versprechungen gemacht. Die Männer aus Deir Ezzor hätten sich für Lohn verdingt, auch um ihre Familien zu ernähren. Er sei damals mit seiner Frau aus Abu Kamal in die Provinzhauptstadt Deir Ezzor gekommen und habe eine neue Apotheke eröffnet. Vor dem Krieg habe es mehr als 1000 Apotheken in Deir Ezzor Stadt gegeben, so Ayman Diab: „Heute haben wir noch sechs Apotheken.“ Die Apotheker seien ins Ausland geflohen und von mehr als 1500 Ärzten in Deir Ezzor Stadt blieben letztlich 19 Ärzte zurück, die die Menschen auch während der dreijährigen Belagerung durch den „IS“ versorgt hätten.

    Lebensgrundlagen durch „IS“ zerstört

    Die Belagerung von Deir Ezzor begann im April 2014. Die Regierung kontrollierte mit der Armee das Zentrum der Stadt am Westufer des Euphrat und den Flughafen. Im Umland bis zur irakischen Grenze, in den Dörfern und Städten zwang der „IS“ den Menschen, die nicht fliehen konnten oder wollten, seine blutige Ideologie auf. Öl- und Gasfelder sowie historische Stätten wurden geplündert und über die Türkei zu Geld gemacht. Die Wasserwerke am Euphrat wurden zerstört, die Stromversorgung für Deir Ezzor gekappt.

    Das Assad Krankenhaus in Deir Ezzor
    © Foto : Karin Leukefeld
    Das Assad Krankenhaus in Deir Ezzor

    Die Bevölkerung in der Provinzhauptstadt ging auf rund 35.000 zurück. Lebensmittel und Medikamente, militärischer Nachschub und Soldaten wurden über den Flughafen eingeflogen. Flugzeuge des Welternährungsprogramms warfen Pakete ab, eine unter humanitären Helfern umstrittene Weise, Menschen in einem Belagerungsring zu versorgen.

    „Unsere Kinder wussten nicht, was Obst oder Gemüse ist“, sagt Fathiye Moula, eine Mutter von drei Kindern.

    Der jüngste, 2014 Geborene, habe bis heute Essstörungen und sei im Wachstum zurückgeblieben. Fathiye Moula sucht an diesem Abend auf dem Markt nach warmer Kleidung für die Kinder. Der Winter stehe bevor, doch warme Kinderkleidung sei nicht zu finden.

    Medikamente und Waffen aus dem Westen für den „IS“

    Aufgrund des Mangels an Vitaminen und Proteinen hätten die Menschen neue Krankheiten entwickelt, bestätigt Apotheker Diab. Und natürlich habe es die vielen Verwundeten und Verletzten gegeben. Immer weniger Medikamente seien erhältlich gewesen. Die europäischen Länder hätten  Sanktionen gegen Syrien verhängt, so Diab. Und die pharmazeutischen Fabriken in Damaskus, Homs und Aleppo seien geplündert und zerstört worden.

    „Nach der Befreiung durch die Armee hat man an uns Apotheker die Medikamente verteilt, die man in den medizinischen Zentren von Da’esh gefunden hat. Die meisten kamen aus der Türkei.“

    Diab greift ins Regal und legt einige Packungen auf den Tisch, deren Verfallsdatum mit 2020 und später angegeben ist. Frankreich, Italien und Deutschland sind nur einige der westlichen Herkunftsländer.

    • IS-Waffen, die in Al Majadin sichergestellt wurden. Sie kommen aus aller Welt
      IS-Waffen, die in Al Majadin sichergestellt wurden. Sie kommen aus aller Welt
      © Foto : Karin Leukefeld
    • IS-Waffen, die in Al Majadin sichergestellt wurden. Sie kommen aus aller Welt
      IS-Waffen, die in Al Majadin sichergestellt wurden. Sie kommen aus aller Welt
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    © Foto : Karin Leukefeld
    IS-Waffen, die in Al Majadin sichergestellt wurden. Sie kommen aus aller Welt

    Die Offensive der syrischen Armee und ihrer Verbündeten aus Russland, Iran und von der libanesischen Hisbollah kam von drei Seiten, ist von militärischer Seite zu erfahren. Unterstützt von massiven Luftangriffen der russischen und syrischen Kampfjets rückten die Truppen seit August 2017 von Rakka am Westufer des Euphrat, von Palmyra und aus dem Südwesten durch die Wüste vor.

    Eliteeinheit hinter den „IS“-Linien

    Wiederholt setzte die russische Armee moderne Langstreckenraketen ein, um „IS“-Basen zu zerstören und den Bodentruppen den Vormarsch zu erleichtern. Kämpfer der Spezialeinheit der „Tiger Forces“ (Qawat al Nimr) operierten verdeckt jenseits der Front in den Reihen des IS. Mit langen Haaren und großen Vollbärten drangen sie in die „IS“-kontrollierten Gebiete vor, ihre Aufgabe war Aufklärung und Sabotage. 

    Die „Tiger Forces“ durchbrachen Anfang September 2017 schließlich den Belagerungsring um den Flughafen von Deir Ezzor, ein Stadtviertel nach dem anderen am Westufer wurde befreit. Weil alle vier Brücken von Deir Ezzor durch Luftangriffe der US-geführten „Anti-IS-Koalition“ zerstört worden waren, wurde mit Hilfe der russischen Armee eine Pontonbrücke über den Euphrat errichtet.

    Eine der größten Gefahren bleiben die vielen Sprengfallen und Minen, die vom „IS“ ausgelegt wurden. Am 18. Oktober wurde General Issam Zahreddine außerhalb von Deir Ezzor (bei Hijat Sakr) durch eine Sprengfalle getötet. Seit Beginn des Krieges war der aus Sweida stammende Zahreddine verantwortlicher Kommandeur und unverwüstliches Rückgrat der Truppen in Deir Ezzor gewesen.

    Karin Leukefeld in Damaskus
    © Foto : Karin Leukefeld
    Karin Leukefeld in Damaskus

    Die „Tiger Forces“ und die Armee sind nach Süden weitergezogen. In Al Mayadin haben sie das Waffenlager des „IS“ ausgeräumt und auf einem weiten Lagergelände in Deir Ezzor ausgestellt. Waffen, Munition, Funkgeräte, Drohnen aus aller Welt sind dort zu sehen, darunter Howitzer-Artilleriegeschütze, hergestellt in den USA, die Raketen und Granaten bis zu 40 km weit feuern können. Viele der Waffen sind zwar alt, doch die noch original verpackte schwere Munition kann auch aus alten Gewehren gefeuert werden. Vielleicht werde man eines Tages ein Museum mit den „IS“-Waffen eröffnen, sagt ein verantwortlicher Offizier. „Ihre Länder verdienen an dem Krieg, der unser Land zerstört“, wendet er sich direkt an die Autorin. „Ihre Regierung ist mit verantwortlich für den Tod und die Verstümmelung von Frauen und Kindern.“

    Zurückhaltende russische Soldaten

    Das am Stadtrand von Deir Ezzor gelegene Lager wird von der syrischen und russischen Armee kontrolliert, wie an den gehissten Nationalfahnen der beiden Staaten zu sehen ist. Russische Soldaten aber sind nicht zu sehen, wie überall im Land halten sie sich deutlich zurück. Man sieht russische Konvois auf den Straßen im Kriegsgebiet, Spezialkräfte und Ausbilder sind an den Frontlinien im Einsatz, doch in Wohngebieten und unter Zivilisten sind russische Soldaten kaum zu finden. So entschieden, diskret und zurückhaltend wie die Soldaten operiert auch das „Russische Zentrum für die Versöhnung der verfeindeten Seiten in Syrien“ auf dem Flughafen Hmeimin (Latakia). Mehr als 2000 lokale Waffenstillstände hat das Zentrum seit Anfang 2016 vermittelt.

    Russische Militärs in Deir ez-Zor
    © AP Photo / STR
    Russische Militärs in Deir ez-Zor

    Am Wochenende wurde gemeldet, dass die syrische Armee auch das Omari-Ölfeld, das größte Ölfeld Syriens, eingenommen hat. Der Wettlauf um die Kontrolle der syrischen Ressourcen scheint entschieden. Politisch und militärisch ist vieles in Bewegung im Osten Syriens. In den Dörfern und Ortschaften zwischen Rakka und Deir Ezzor im Euphrat-Tal aber scheint die Zeit an dem Tag stehen geblieben zu sein, an dem die syrische Armee und ihre Verbündeten wie ein Wirbelwind hindurch zogen. Zerstört und menschenleer reihen sich die Geisterorte entlang der Straße von Deir Ezzor nach Rakka aneinander. Noch vor einem halben Jahr führte diese Straße durch den selbst ernannten „Islamischen Staat“, wie an vielen Inschriften, Fahnen und Transparenten entlang des Weges zu erkennen ist. Der „Islamische Staat“ liegt in Trümmern. Wann und ob die einstigen Bewohner in die geschundenen Orte im Euphrat-Tal zurückkehren werden, weiß niemand.

    Karin Leukefeld, Deir Ezzor

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    Reportage, Terrorbekämpfung, Befreiung, Al-Nusra-Front, Terrormiliz Daesh, Freie Syrische Armee (FSA), Deir ez-Zor, Syrien, Russland