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04:46 22 August 2019
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    US-Waffen - Eine neue Bedrohung in Europa?

    Echo des Kalten Krieges – Warum Washington neue Atomraketen nach Europa bringen will

    © AP Photo / Vincent Yu
    Politik
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    Andauernde Nato-Manöver in Osteuropa, US-Bomber an den russischen Grenzen, Aufstockung der Truppen im Osten und nun die Erklärung, Dual-Use-Raketensysteme zur „Eindämmung Russlands“ zu nutzen – der neue Vorschlag vom US-Think-Tank CSBA an das Pentagon könnte eine neue Stufe der Eskalation bedeuten. Doch einen Plan zur Reaktion hat Russland schon.

    Vor wenigen Tagen hat das amerikanische Militär-Think-Tank „Center for Strategic and Budgetary Assessments“ (CSBA) dem Pentagon vorgeschlagen, sogenannte Dual-Use-Raketensysteme, die auch Atomsprengköpfe transportieren können, in Europa zur „Eindämmung“ Russlands zu stationieren.

    Mit diesem Schritt sollen die USA nach Meinung des Think-Tanks das russische Militärpotential im Gebiet Kaliningrad neutralisieren. In erster Linie geht es hierbei um die russischen taktischen Raketensysteme „Iskander“.

    Operativ-taktisches Raketensystem Iskander (Reichweite 500 km)
    © Sputnik / Witali Ankow
    Operativ-taktisches Raketensystem Iskander (Reichweite 500 km)

    Doch inwiefern dieser Schritt sowohl vom militärischen als auch vom politischen Standpunkt sinnvoll ist, ist mehr als fraglich.

    US-Raketenabwehrsystemen THAAD
    © REUTERS / U.S. Department of Defense, Missile Defense Agency/Handout
    Im Moment ist zwar noch keine konkrete politische Entscheidung gefallen, jedoch ist das CSBA eine äußerst einflussreiche Organisation, für deren Meinung auch in der Vergangenheit nicht nur das Pentagon, sondern auch der Kongress und das Weiße Haus ein Ohr hatten.

    Einen spürbaren Einfluss hat der Think-Tank auch direkt bei US-Generälen. Die Veröffentlichung des Berichtes kann daher kaum als Spekulation oder Fantasien abgetan werden, sondern muss klar als eine Art Vorstufe zu realen politischen und militärischen Handlungen Washingtons bewertet werden.

    „Schmerzpunkt“ der US-Militärs

    Das CSBA drückt dabei auf den „Lieblings-Schmerzpunkt“ der US-Militärs – die Tatsache, dass im Konfliktfall mit Russland, Moskau in der Lage sein wird, für die USA sogenannte Anti-Access/Area-Denial-Areas ("A2/AD") im Baltikum, Osteuropa und der Krim aufzubauen. Dahinter verbirgt sich die Fähigkeit, einem technisch hoch entwickelten Gegner den Zugriff auf strategisch wichtige Regionen mit relativ einfachen Mitteln (Flugabwehrsystemen oder Anti-Schiffs-Raketen) zu verwehren.

    Russische Raketenabwehrsysteme S-400 auf der Krim
    © Sputnik / Sergej Malhawko
    Russische Raketenabwehrsysteme S-400 auf der Krim

    Die „Festung Kaliningrad“ – bewaffnet durch die Raketenkomplexe „Iskander“ und abgesichert durch Luftverteidigungssysteme S-400 und Küstenschutzsysteme „Bastion“ – könnten für konventionelle US-Waffen einfach unüberwindbar sein. Daher brauche man nun konventionell wie nuklear bestückbare Marschflugkörper in Dual-Use-Systemen – so die Logik Washingtons.

    „Für die USA sind landgestützte Systeme, die einen Militärschlag sowohl mit konventionellen als auch mit nuklearen Sprengköpfen ausführen können, überlebenswichtig“, heißt es in dem CSBA-Bericht.

    Nur so könne Washington noch den eigenen militärischen Einfluss in „kritisch wichtigen Regionen“ stärken sowie die Abhängigkeit von luftgestützten Waffensystemen verringern. Schließlich würden US-Flugzeuge die hoch entwickelten russischen Luftverteidigungssysteme einfach nicht überwinden können, so der Bericht weiter.

    Die Stationierung der Dual-Use-Raketensysteme würde die russischen Iskander nutzlos machen und Russland die Fähigkeit nehmen, baltische Staaten zu erobern, erklären die US-Spezialisten weiter.

    Der CSBA-Bericht verrät allerdings nicht, auf welcher Grundlage sie zu ihrem Schluss gekommen sind, Russland plane „die baltischen Staaten zu erobern“.

    Russland warnt vor Verletzung der INF-Verträge

    Russland hat bereits gewarnt, dass Washingtons Ideen, solche Systeme zu errichten, für das gegenseitige Vertrauen in keiner Weise förderlich seien sowie dass es ein schwerer Verstoß gegen die INF-Verträge sein werde.

    Die Verletzung der Verträge liegt nach russischer Argumentation unter anderem in der Tatsache, dass diese landbasierten Dual-Use-Raketensysteme auch atomsprengkopffähige Marschflugkörper starten können.

    Tomahawk: Neue Marschflugkörper mit einem nuklearen Sprengkopf zur Eindämmung Russlands?
    © AFP 2019 / KENNETH MOLL / US NAVY
    Tomahawk: Neue Marschflugkörper mit einem nuklearen Sprengkopf zur "Eindämmung" Russlands?

    Gerade landgestützte Marschflugkörper und ballistische Raketen mit Reichweiten zwischen 500 und 5.000 Kilometern sind aber von den INF-Verträgen ausdrücklich untersagt.

    Allerdings zeigen sich russische Militärexperten über die CSBA-Empfehlungen in keiner Weise vor vollendete Tatsachen gestellt. Solche Dual-Use Systeme werde man in Polen noch Jahre nicht sehen. Der Grund sei einfach – die USA hätten diese Systeme im Moment gar nicht einsatzbereit.

    So erklärte der Militärexperte und Chefredakteur des Militärmagazins „Arsenal Otetschestva“ Viktor Murachovskij, dass diese Empfehlungen nur „Gedankenspielchen“ wären.

    „Taktische Dual-Use-Raketensysteme haben die Amerikaner im Moment nicht. Sie hatten früher die luftgestützten Marschflugkörper Tomahawks mit einem nuklearen Sprengkopf, doch die sind außer Dienst gestellt“, erklärt der Experte.

    Zwar haben die USA im Jahr 2014 mit der Entwicklung des neuen Marschflugkörpers LRSO mit einem Atomsprengkopf begonnen, jedoch wird er nach Angaben von US-Medien nicht vor 2025 einsatzbereit sein.

    Andere Raketenkomplexe wie etwa die ATACMS würden ebenfalls nur in konventioneller Ausführung produziert werden.

    Im Moment hätten die USA somit nur gewöhnliche taktische Nuklearsprengköpfe für Flugzeuge – die wären aber ein leichtes Ziel für die russische Luftverteidigung.

    Nur konventionelle Gefährdung

    Daher haben die USA im Moment nur ihre ATACMS-Systeme in konventioneller Ausführung, um den russischen Iskander Paroli bieten zu können. Doch diese Bedrohung ist den russischen Truppen längst bekannt.

    ATACMS Army Tactical Missile System
    ATACMS Army Tactical Missile System

    Zwar entwickelt Washington auch hier eine Modifizierung, wann diese einsatzbereit sein wird, ist allerdings noch nicht einmal theoretisch angegeben worden.

    Die Amerikaner hätten Russland mehrfach der Verletzung der INF-Verträge wegen der „Kalibr“-Marschflugkörper beschuldigt mit der Begründung, diese würden weiter fliegen, als es die Verträge erlauben, erklärt in diesem Zusammenhang Sergej Sudakov, Professor der Russischen Akademie für Militärwissenschaften.

    „Aber die Kalibr nutzen wir in der seegestützten Variante – und die INF-Verbote betreffen dies nicht“, betont der Experte.

    Die USA selbst würden dagegen alles unternehmen, um diese Verbote zu umgehen – seien es eben die angesprochene ATACMS-Modernisierung, neue Raketensysteme kurzer Reichweite oder auch neue Raketenantriebe, die die Eigenschaften der Marschflugkörper stark verändern.

    „Die Amerikaner wollen sich mit keinen Verträgen einschränken lassen. Ihre Denkweise ist simpel: Wenn die Beziehungen mit Russland dermaßen aufgeheizt sind, müssen wir alle Beschränkungen fallenlassen und eigenständig ohne Rücksicht auf andere Staaten handeln“, resümiert der Professor.

    Die wirksamste Option, um diesem amerikanischen Vorgehen zu begegnen, liege dabei offen auf der Hand – die eigene Luft- und Raketenverteidigung stärken. 

    Und hier scheint Russland auf dem richtigen Weg zu sein, schließlich soll die erwartete Modifikation der S-400 – die S-500 Prometheus/Triumphator – bereits in absehbarer Zeit einsatzbereit sein.

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    Tags:
    Gleichgewicht, Atomwaffen, Tomahawk-Marschflugkörper, S-400, INF-Vertrag, Center for Strategic and Budgetary Assessments (CSBA), USA, Russland