22:42 20 November 2018
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    Israelische Truppen an der Grenze zu Syrien

    Israel hat Syrien „im Casino verspielt“ – Ex-Berater Netanjahus

    © AFP 2018 / Menahem Kahana
    Politik
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    Der Syrienkrieg ist auch ein Konkurrenzfeld zwischen Israel und dem Iran, die in ihrem Machtspiel um Einfluss im gesamten Nahen Osten ringen. Nun scheinen selbst israelische Sicherheitsexperten einsehen zu müssen, dass Teheran in diesem regionalen Stellvertreterkrieg die Oberhand erringen und die Grenzen Israels direkt bedrohen könnte.

    Die irakische Armee und iranische freiwillige Kampfverbände haben den strategischen Punkt Faysh Khabur erreicht und damit die Verbindung zwischen dem irakischen und dem syrischen Kurdistan unterbrochen.

    Die Militäroperationen gegen die kurdischen Peschmerga werden dennoch fortgesetzt – trotz der Bereitschaft Erbils, der Hauptstadt des irakischen Kurdistans, auf die angestrebte Unabhängigkeit zu verzichten, sowie der Aufrufe Washingtons, diese Politik einzustellen.

    Die Konsequenz, mit der der Iran in der Region vorgeht, lässt sich vor allem mit dem Wunsch Teherans erklären, die sogenannte „Schiitische Brücke“ in der Region aufzubauen, die von den iranischen Grenzen bis hin zum Mittelmeer an das israelische Staatsterritorium reichen würde.

    Die beiden „Stützen“ der Brücke wären hierbei Faysh Khabur und Abu Kamal in Syrien. Letzteres liegt auf einer Schnellstraße, welche die syrisch-irakische Grenze durchquert.

    In dieser Region hat der Iran nun eine etwa 200.000 Mann starke Schlagkraft, die sich vor allem aus verbündeten oder abhängigen Freiwilligenverbänden zusammensetzt. Sobald die „Brücke“ steht, wird Teheran problemlos Militärgüter, Munition und Kampfverbände innerhalb der Grenzen mehrerer Länder verlegen können.

    Israels größte Sorge – Iran an seinen Grenzen

    Den größten Verlust dadurch erleidet vor allem Israel, das sich vor fünf Jahren aktiv für den Sturz des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad eingesetzt hatte (sowie vor Kurzem auch für das kurdische Unabhängigkeitsreferendum), doch nun rätselt, wie es die eigenen Grenzen vor dem erstarkten Iran wird schützen können.

    „Heute betrachtet nicht nur Israel, sondern auch die Führung Saudi-Arabiens und die Regierungen anderer sunnitischer Staaten mit Sorge die subversiven Handlungen des Iran auf der arabischen Halbinsel und an der Grenze Syriens“, erläuterte in einem Interview für das russische Nachrichtenportal „Expert“ Uzi Arad, Mitglied im Konsultativrat der Nichtregierungsorganisation The International Luxembourg Forum on Preventing Nuclear Catastrophe.

    Uzi Arad, 2011
    CC BY 3.0 / Harald Dettenborn / Uzi Arad, 2011
    Uzi Arad, 2011

    Der Iran und sein Verbündeter, die Hisbollah, würden dafür kämpfen, die Regierung Assads zu bewahren.

    Die Iraner würden dabei Waffen nach Syrien und in den Libanon bringen – allerdings nicht einfach, um damit logistische Versorgung zu betreiben, sondern mit der Aussicht auf eigene Militärbasen, darunter auch Luftstützpunkte, in der Region, unterstrich Arad, der zuvor als Berater in Fragen der nationalen Sicherheit für den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu aktiv war und ein Mossad-Veteran mit 25 Dienstjahren ist.

    Diese Entwicklung sei extrem gefährlich und zeige, wie instabil die Region sei.

    „Praktisch die gesamte Region befindet sich im Kriegszustand. Die Kampfhandlungen, in die eine Vielzahl von freiwilligen Kampfverbänden involviert ist, dauern an“, betonte der Ex-Sicherheitsberater.

    Die meisten Mitglieder dieser Gruppierungen seien feindlich gegenüber Tel Aviv eingestellt. So habe Israel extrem schwierige Beziehungen sowohl zu der Hisbollah im Libanon als auch zu der Hamas im Gazastreifen, auch würden andere extremistische Gruppen existieren. Insgesamt gebe es ausgesprochen viele „brandgefährliche Stellen“.

    „Darum haben wir Verhandlungen mit Russland, mit den USA, mit den Seiten, die an einer Regulierung der Territorialkonflikte in Syrien interessiert sind, geführt, um die Präsenz iranischer Militärs in Syrien zu vermeiden“, unterstrich Arad.

    Sollten sich iranische Soldaten doch in Syrien aufhalten, so brauche man eine Art „sanitäre Absperrung“.

    Israels Strategie – Luftschläge in Syrien, Gespräche mit Russland

    Zudem gebe es wichtige Gründe für die Dementierung seitens Israels seiner eigenen militärischen Operationen in Syrien – selbst wenn nun international allgegenwärtig bekannt ist, dass beispielsweise die israelische Luftwaffe Bombenangriffe in dem Land durchführt.

    Man sollte die syrische Regierung nicht mit Anerkennung der israelischen Militäroperationen in eine unbequeme Position bringen und sie nicht provozieren, so der Mossad-Veteran.

    „Oft ist es beispielsweise so, dass die Luftschläge nicht von Jets über syrischem Territorium ausgeführt werden, sondern von Kampfflugzeugen, die ihre Raketen starten, wenn sie sich im israelischen Luftraum befinden“, rechtfertigte Arad das Vorgehen Israels.

    Die Luftschläge seien dabei nur gegen die illegalen Waffenlieferungen an die Hisbollah gerichtet. Sobald Israel die Informationen über einen Waffentransport oder die Vorbereitung eines Waffentransportes erhalte, schlage es zu.

    Diese Art von Vorgehen habe das israelische Militär aber bereits früher angekündigt, so der Ex-Sicherheitsberater Netanjahus.

    Um Stabilität zu erreichen, habe die israelische Regierung zudem die Situation bereits mehrfach mit Russland besprochen und Kontakte zur Regulierung möglicher Zwischenfälle im Luftraum hergestellt.

    „Wir würden gerne sehen, dass Russland diese Konzepte der Stabilität unterstützt und sich an der Gewährleistung der Sicherheit beteiligt, sodass sich die Iraner möglichst weit entfernt stationieren und sich verantwortungsbewusst benehmen“, so Arad weiter.

    Dennoch, einige Fehler der israelischen Führung im syrischen Bürgerkrieg kann der Sicherheitsberater nicht leugnen. In den sechs Kriegsjahren habe es „viele Überraschungen“ gegeben. Oft habe man nicht die richtige Reaktion gewusst, weil es noch keine „historischen Präzedenzfälle“ gegeben habe.

    Niemand habe sich vor fünf Jahren vorstellen können, dass etwa Russland in den Krieg eingreifen werde, niemand habe mit dem Iran gerechnet.

    „Heute wissen wir, dass manche Positionen, die damals verlautbart wurden, fehlerhaft waren, aber damals schienen sie richtig zu sein“, gab Arad zu.

    Als der Bürgerkrieg in Syrien losging, sei die Situation absolut neu für die israelische Regierung gewesen. Wenn er gefragt wurde, was er davon halte, habe er immer geantwortet, er wisse es nicht.

    „Es ist wie ein Spiel im Casino. Die israelische Politik bestand darin, sich nicht einzumischen und keine Seite einzunehmen und nur die Sicherheit unserer Interessen im Bereich der Sicherheit zu gewährleisten. War diese Politik richtig? Ich weiß es nicht“, merkte der Sicherheitsexperte an.

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    Tags:
    Stellvertreterkrieg, Bürgerkrieg, Hamas, Hisbollah, Uzi Arad, Benjamin Netanjahu, Israel, Iran, Syrien