11:22 09 Dezember 2019
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    Schauspieler bei einer Theaterinszenierung zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution in St. Petersburg

    Revolution 1917: Mit Kampfparolen schreibt westliche Presse Russlands Geschichte neu

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    Man stelle sich vor, der Bundespräsident hätte ganz Deutschland eine gleichgeschaltete Sicht auf die Ereignisse von 1918 oder 1989 vorgegeben. Ähnliches aber fordern westliche Zeitungen geradezu vom russischen Präsidenten hinsichtlich der Russischen Revolution, wie der Kolumnist Wladimir Kornilow für die Agentur „Sputnik“ schreibt.

    Die Russische Revolution von 1917 – ein zwiespältiges Ereignis, mit dessen Aufarbeitung Russland noch heute, 100 Jahre danach, beschäftigt ist. Eine einheitliche Meinung dazu gibt es in der russischen Gesellschaft nicht, auch ordnet der russische Staat hier keine Narrative an. Statt dies als Ausdruck einer offenen Diskussion zu würdigen, ergießen sich westliche Medien geradezu in Kritik.

    Waren es nicht westliche Zeitungen selbst, die Russland einst zu einer offenen Aufarbeitung seiner Geschichte aufriefen? Kann es angesichts dessen schlecht sein, dass es in Russland keine staatlich verordnete Sicht auf die Revolution von 1917 gibt?

    Die Londoner Zeitung „Financial Times“ moniert jedenfalls, Russland feiere die Revolution von 1917 nicht gebührend: Präsident Putin wolle nicht mal an der Kundgebung der Kommunistischen Partei anlässlich dieses Datums teilnehmen. Ja, muss er denn? fragt der Kolumnist. Wäre es kritikwürdig, würde die Bundeskanzlerin etwa ihre Teilnahme an einer Veranstaltung der Linken vor dem Brandenburger Tor verweigern, möge der Anlass noch so bedeutend sein?

    Derzeit werde im Westen mehr über die Russische Revolution geschrieben als in Russland selbst – und zwar einseitig und oberflächlich, mit beherztem Griff in den Setzkasten ideologischer Plattitüden und Mythen, die für Fakten ausgegeben würden, schreibt Kornilow.

    Manche Zeitungen gehen soweit, die russische Wirklichkeit zu verdrehen: Es sei in Russland verboten, ruft demnach die britische Zeitschrift „The Economist“, die 100 Jahre der Revolution zu feiern.

    Dieselbe Zeitschrift ernennt überdies aus Anlass des 100. Revolutionsjubiläums Putin zum neuen Zaren: Dieser habe nämlich 1999, noch bevor er im Amt des Präsidenten bestätigt wurde, einen Artikel über Russlands weiteren Weg an der Wende der Jahrtausende verfasst. So weit, so richtig. Was das britische Magazin an Putins Artikel so ärgere, schreibt Kornilow, sei ein für das russische Verständnis ganz normales Wort: „Gossudarstwo“ – zu Deutsch schlicht und einfach „der Staat“.

    Dieser Ausdruck meine aber, so die Zeitschrift weiter, dass nicht Recht und Gesetz die Staatlichkeit garantierten, sondern der Monarch. Und weil Putin dieses Wort verwende – ein anderes für „Staat“ kennt das Russische nicht – wolle er eben der neue Zar sein. Ist doch klar, oder?

    Um solche „zaristischen“ Tendenzen in der russischen Gesellschaft nachzuweisen, ist der westlichen Presse jede Verbrämung recht, wie der Kolumnist schreibt. Die Nachrichtenagentur „AFP“ aus Frankreich etwa habe neulich unter Berufung auf eine Umfrage des Befragungsinstituts WCIOM erklärt, 28 Prozent der Russen würden die Einrichtung einer Monarchie in ihrem Land unterstützen.

    Schaue man sich die Umfrage genauer an, so Kornilow, sehe man aber ein anderes Bild: Auf die Frage, welche Staatsform für Russland besser geeignet sei, haben laut dem Kolumnisten nur acht Prozent der Befragten „Erbmonarchie“ angegeben – 88 Prozent haben sich jedoch für eine Republik ausgesprochen. Das sind überdies sechs Prozent mehr als 2013. Doch mit solchen „Kleinigkeiten“ wolle man bei „AFP“ den westlichen Leser offenbar nicht behelligen.

    Eine weitere Zeitung aus Großbritannien – der „Sunday Express“ – schrieb laut dem Kolumnisten klipp und klar, im November 1917 hätten die Bolschewiki „die Romanovs gegen die roten Zaren des Bolschewismus“ ausgetauscht. Damit erspare das Blatt seinen Lesern ein paar Monate russischer Geschichte – die Zeit zwischen Februar und Oktober 1917 nämlich.

    In dieser Zeit ist Russland in „ein liberal-soziales Experiment“ gestürzt worden, wie Kornilow schreibt – „ein recht erfolgloses Experiment“. Dass die westliche Zeitung es in der Berichterstattung ausspare, habe jedoch seine Gründe: Sonst hätte man ja die liberalen Looser von damals, „die der Staatsführung unfähig gewesen waren“, mit den heutigen russischen Liberalen vergleichen müssen.

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    Medienberichte, Oktoberrevolution, Sunday Express, AFP, Financial Times, The Economist, Großbritannien, Frankreich, Russland