17:31 18 Dezember 2017
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    „Wirtschaftskiller“ Perkins: „Ich half den USA beim Ausnehmen armer Länder“ EXKLUSIV

    © AFP 2017/ Jewel Samad
    Politik
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    John Perkins war ein „Economic Hitman“ – ein Wirtschafts-Killer. Sein Bestseller „Bekenntnisse eines Economic Hitman“ erschien kürzlich in einer aktualisierten Neuausgabe. Er zeigt, wie US-Firmen mit Weltbank-Krediten ganze Länder abhängig machen. Auch Russland steht in ihrem Visier, so der Insider in Teil 1 des EXKLUSIV-Interviews.

    Mr. Perkins, Ihre Kritik am derzeitigen US-dominierten Wirtschaftssystem der Welt stützt sich auf Ihre eigene Erfahrung. Sie haben einst als „Economic Hitman“, also als Wirtschaftskiller, gearbeitet. Was haben Sie da eigentlich gemacht? 

    Meine offizielle Berufsbezeichnung lautete: Chef-Ökonom und Wirtschaftsberater bei einem großen Wirtschaftsberatungs-Unternehmen.  Mein Job war es, Länder mit großen Rohstoffvorkommen zu identifizieren, die unsere US-amerikanischen Unternehmen haben wollten. Sie wollten Öl und andere Dinge. Dann organisierte ich über die Weltbank und über deren Schwesterorganisationen riesige Kredite für diese Länder. Doch diese Gelder gingen nie in diese Länder. Stattdessen ging das Geld auf dem Umweg direkt an unsere US-Firmen, an Bauunternehmen wie Halliburton oder an Zulieferer wie General Electric und andere Unternehmen.

    Die Firmen begannen dann Infrastruktur-Projekte in diesen Ländern. Projekte wie der Aufbau von Stromnetzen, auch Industrie-Gebiete oder Autobahnbau brachten riesige Gewinne. Davon profitierten aber nur die US-Unternehmen und ein paar wenige reiche Familien in den Ländern – aber die Länder wurden dann mit riesigen Schulden hinterlassen und die armen Schichten sowie die Mittelklasse dort hatten dann schrecklich darunter zu leiden.

    Ex-Chef-Ökonom und Wirtschaftsberater bei einem großen Wirtschaftsberatungs-Unternehmen John Perkins
    Ex-Chef-Ökonom und Wirtschaftsberater bei einem großen Wirtschaftsberatungs-Unternehmen John Perkins

    Sie haben im Rahmen Ihrer Tätigkeit für das US-Wirtschaftsberatungsunternehmen Chas T. Main große Kredite an Entwicklungsländer vergeben. Wie groß waren diese Kredite? Über welche Summen sprechen wir da?

    Wissen Sie: Es ist schwer, sich konkret daran zu erinnern. Weil ich meine Arbeit bereits in den 70ern getan habe. Die Kreditsummen von damals waren ganz andere als heute. Manche der Aufträge waren milliardenschwer. Es kam immer auf das Land, auf das konkrete Projekt an. Aber in manchen Ländern waren es millionenschwere Budgets, um landesweite Stromnetze aufzubauen. Das umfasste den Bau von Stromkraftwerken, von Stromleitungen und Verteilungsnetzwerken. Da ging es immer um riesige Summen.

    Was haben Sie ganz konkret gemacht? Können Sie da ein Beispiel nennen: Vielleicht Panama oder Honduras? Wie läuft das ab, wenn ein Wirtschafts-Killer seine Arbeit in einem Entwicklungsland aufnimmt?

    Im Fall von Panama ging es um ein landesweites Stromnetz, das aufgebaut werden sollte. Dafür haben wir der Regierung große Kreditsummen gegeben. Unser tatsächliches Ziel in Panama war es aber, den Staatschef Omar Torrijos zu kompromittieren, also bestechlich zu machen und ihn in eine Position zu bringen, wo er uns jede Menge Geld schuldete. Und auf dieser Grundlage konnten wir ihn erpressen und steuern.

    Torrijos hatte versucht, den Panama-Kanal den USA aus den Händen zu entreißen und wieder für den eigenen Staat zurückzugewinnen. Was aber noch wichtiger war: Er wurde in ganz Lateinamerika – und auch im Rest der Welt – als ein Politiker aus einem kleinen Land gesehen, der sich der Großmacht USA widersetzen konnte. Er war der Mann, der den Kanal wieder an das Volk von Panama geben wollte. Aber es ging nicht nur um den US-kontrollierten Panama-Kanal. Torrijos hatte zudem einen starken Standpunkt gegen den US-Imperialismus. Er wurde zu einer weltweiten Führungsfigur, in politischer wie spiritueller Hinsicht.

    (Anm. d. Red.: Torrijos schloss 1977 mit den USA einen Vertrag, der dem Staat Panama ab Ende 1999 die volle Kontrolle über den Kanal garantierte. 1981 kam er bei einem Flugzeugunfall ums Leben. Perkins war in jener Zeit in Südamerika aktiv. Ihm zufolge war es ein Mord durch den US-amerikanischen Geheimdienst CIA. Das beschreibt Perkins in seinem Buch „Bekenntnisse eines Economic Hitman – Unterwegs im Dienst der Wirtschaftsmafia“, erweiterte Neuausgabe 2016, Goldmann, München ab Seite 229)

    Also wurden diese Kredite und damit Schulden dazu genutzt, um Regierungs- und Staatschefs zu erpressen, zu steuern und zu kontrollieren?

    Die Kredite wurden vielfältig eingesetzt. Panama war eine Ausnahme, hier ging es um die politische Staatsführung. Passendere Beispiele sind Ecuador, Indonesien oder Kolumbien: Dort waren wir hinter dem Öl her. Wir vermuteten dort viele Ölquellen. Wir brachten die Regierungen dieser Länder dazu, unsere riesigen Kredite anzunehmen und sie mussten ihre Ölvorräte als Sicherheit hinterlegen. Also sagten wir: „Hey, ihr habt euch jetzt von uns diese Millionen Dollar geborgt – und dafür haben unsere US-amerikanischen Öl-Unternehmen Zugang zu eurem Öl zu sehr geringen Preisen und Marktbedingungen. Ohne dabei auf irgendwelche umweltpolitischen Bestimmungen oder Regularien achten zu müssen.“

    Wenn diese Länder dann diese Kredite nicht mehr bedienen konnten, dann sagten wir oft: „Ok, ihr könnt jetzt eure Schulden nicht bei uns bezahlen. Dafür stimmt euer Land jetzt bei der nächsten UNO-Abstimmung pro USA. Oder ihr gebt uns die Erlaubnis, dafür eine US-Basis auf eurem Territorium zu errichten.“ Oder etwas Ähnliches in der Art. Wissen Sie, das ist eine sehr alte Form, die Kontrolle über einen fremden Staat zu übernehmen. Es ist eine sehr alte Taktik, jahrtausendealt, von vielen Weltreichen praktiziert. Auch von der Sowjetunion.

    Sie waren selbst bis 1981 aktiv. Wo sehen Sie heutzutage Spuren der „Economic Hitmen“? Ist Russland im Visier der Wirtschaftskiller?

    Natürlich ist Russland ein Ziel. Und die USA sind Ziel der Russen. Ich habe erst vor zwei Monaten beim Internationalen St. Petersburger Wirtschafts-Forum gesprochen. Ich stand dort auf der Bühne mit Präsident Wladimir Putin und dem UN-Generalsekretär António Guterres. Ich war ziemlich beeindruckt von Putin. Er sagte: Spioniert Russland in den USA? Absolut, ja. Spionieren die USA bei uns? Natürlich, ja. Natürlich passiert das alles, keine Frage. Aber Putin sagte auch: Das sind eigentlich „Old News“.

    Wir müssen jetzt lernen zu verstehen, dass wir alle eine neue globale Krise zu bewältigen haben, die uns alle betrifft: Klimawandel, Unsicherheiten, Ungerechtigkeit, Atomkriegsgefahr. Ich meine, viele führende Politiker der Welt beginnen zu realisieren, dass das alte System nicht mehr funktioniert. Wir müssen das System ändern. Nur Donald Trump, US-Präsident, scheint es nicht zu kapieren. Er hinkt da hinterher.

    Im zweiten Teil lesen Sie, wie der ehemalige Wirtschafts-Killer Perkins herausfand, dass sein Arbeitgeber indirekt für die US-Geheimdienste CIA und NSA arbeitete. Ebenso erklärt er, warum er ausstieg und was ihn motivierte, die Machenschaften der „Economic Hitmen“ offen zu legen …

    Alexander Boos

    Das erste Interview mit John Perkins zum Nachhören:

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    Tags:
    Unternehmen, Hilfe, Interview, USA, Russland
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