11:12 12 Dezember 2017
SNA Radio
    Rechtsextremisten (Archiv)

    Kluge Wessis versus dumme Ossis? Ein Graben durchzieht Deutschland

    © AFP 2017/ CHRISTOPH SCHMIDT / DPA
    Politik
    Zum Kurzlink
    3110313

    „Rechtsextremismus ist ein ostdeutsches Problem.“ Das ist ein Vorurteil, das sich in Westdeutschland beharrlich hält. Dagegen ist eine Tatsache 27 Jahre nach der Einheit: „Ostdeutschen geht es im Durchschnitt wirtschaftlich schlechter als Westdeutschen." Armutsforscher Michael Klundt beschreibt die Lage.

    „Eindeutig sind in Ostdeutschland Armutsquoten und Arbeitslosigkeit höher und auf der anderen Seite Löhne, Renten, Ausbildungsvergütung niedriger als im Westen“, sagt der Politologe Michael Klundt. „Ein Drittel der in Ostdeutschland Beschäftigten arbeitet für weniger als 10 Euro in der Stunde. Viele Westdeutsche können sich das gar nicht vorstellen.“ Klundt weiß, wo von er spricht. Er ist Professor für Kinderpolitik an der Fachhochschule Magdeburg-Stendal und lebt in Ostdeutschland. Forschungsschwerpunkt des Politikwissenschaftlers sind Kinderarmut und Reichtum.

    Speziell bei der Verteilung des Reichtums durchzieht ein Graben Deutschland. So sagt der Politikwissenschaftler:

    „Es gibt keinen einzigen Ostdeutschen unter den 500 vermögensreichsten Menschen in Deutschland und fast keinen unter den 17.000 Einkommensmillionären – außer den Zugezogenen wie etwa Günther Jauch.“

    Zur Erinnerung: Deutschland ist seit 27 Jahren wiedervereinigt. Doch genau da sieht der Wissenschaftler das Problem. Im Einheitsprozess sei festgelegt worden: Keine Vereinigung mit gemeinsamer Verfassung und Volksabstimmung  wie es im Grundgesetz festgelegt wurde. Dagegen erfolgte ein Beitritt mit vollständiger Übernahme des gesamten westdeutschen Systems auf den Osten.

    Dadurch wurden fast alle Spitzenpositionen in Wirtschaft, Justiz, Militär, Politik, Bürokratie und Wissenschaft in Ostdeutschland an Westdeutsche vergeben. Laut Klundt hat sich daran bis heute nichts geändert. Im Gegenteil: „Die neusten Studien, die letzte aus dem Jahr 2016, sagen, es ist an mehreren dieser Stellen noch extremer geworden.“ Die einzige gesamtdeutsche Ausnahme sei die Kanzlerin Angela Merkel.

    „Kluge Wessis gegen dumme Ossis“

    Rechtsextrem und fremdenfeindlich – diese beiden Attribute werfen Westdeutsche ihren ostdeutschen Mitbürgern häufig vor. Die Wahlerfolge der rechtskonservativen AfD gelten manchen als Bestätigung dafür: Die Partei wurde bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt zweitstärkste Kraft. Bei der Bundestagswahl bekam sie in Sachsen die meisten Stimmen. Klundt  weist daraufhin, dass bei der Bundestagswahl insgesamt 68 Prozent der Stimmen für die AfD aus Westdeutschland kamen. Trotzdem bestreitet er nicht, dass die Partei in Ostdeutschland populärer ist. Der Wissenschaftler geht auf Ursachenforschung und fragt:

    „Was haben eigentlich die westdeutschen Eliten, die in Ostdeutschland seit 27 Jahren an der Spitze sind, in dieser Zeit gegen den Rechtsextremismus getan? Mit dieser Frage wäre in der Rechtsextremismus-Diskussion dieser paternalistische (bevormundende – Anm. d. Red.), gönnerhafte Blick von oben nach unten und von ‚Wir klugen, aufgeklärten Wessis gegen euch dumme Ossis‘ heraus.“

    Aber diese Frage stelle niemand. Weil es laut Klundt leichter und angenehmer ist, „über blöde Ossis zu lästern“ als sich mit der Beantwortung und der Verantwortung auseinander zu setzen.

    Die westdeutsche Dominanz in Führungspositionen zeige sich selbst in der AfD: Auch die sei in der Spitze ein fast durch und durch westliche Partei, angefangen bei ihrem Bundesspitzenduo bis hinein in die Landesverbände. 

    Laut Klundt wurde schon vor Jahren über eine Quote für Ostdeutsche diskutiert – auch in Zeitungen wie der „Frankfurter Rundschau“ und „Die Zeit“. Es habe Forscher gegeben, die gesagt hätten: „Wenn die Ostdeutschen phänotypische Merkmale wie lange Ohren oder eine andere Hautfarbe hätten, dann hätte es in den letzten 27 Jahren längst eine Quotendebatte gegeben, weil die Verteilung so ungeheuerlich ist.“

    Untätige Wessis – auch im NSU-Komplex?

    Die Situation sei so ungeheuerlich, dass sich für Klundt wiederholt die Frage aufdrängt: „Was haben die Führungskräfte im Osten, die fast alle aus Westdeutschland kommen, in den letzten 27 Jahren gemacht? Das ist ganz wichtig, wenn wir über die Entstehung des Rechtsextremismus in Ostdeutschland sprechen. Denken sie nur an die Landesgeheimdienste und ihre Verstrickungen mit dem NSU-Komplex und die verschiedenen Tolerierungen von Rechtsextremismus beispielsweise in Sachsen oder in Thüringen, die von der Spitze her, Probleme entweder nicht sehen wollten oder sie mit zugedrückten Augen tolerierten.“

    Wenn das alle wichtigen gesellschaftlichen Institutionen wie staatliche Führung, Geheimdienste und Schulen über Jahrzehnte tolerierten, dann gebe in diesen Landstrichen irgendwann so verankerte Strukturen, dass sich Neonazis und andere Rechtsextremisten gut etablieren können. Warum – diese Frage bleibe bis auf weiteres unbeantwortet.

    Matthias Witte

    Das komplette Interview mit Michael Klundt zum Nachhören:

    Zum Thema:

    „Mit AfD auf keinen Fall, mit Linken vielleicht“: Platzeck für „mutige Ostpolitik“
    Keine Ruhe bei AfD: Landeschef in Rheinland-Pfalz stößt auf Widerstand
    Zeitung: AfD-Vorstand Driesang zieht sich aus Politik zurück
    CDU-Politiker in Freiberg (Sachsen) für Merkel-Rücktritt und Kooperation mit AfD
    Tags:
    Rechtsextremismus, Reichtum, Arbeitslosigkeit, Partei Alternative für Deutschland (AfD), Deutschland
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren