15:58 11 Dezember 2017
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    „Unschuldige Wehrmacht-Soldaten“: Schülerrede im Bundestag schlägt Wellen in Russland

    © REUTERS/ Hannibal Hanschke
    Politik
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    Der Auftritt eines russischen Schülers im Bundestag zum Volkstrauertag hat im russischsprachigen Internet mächtig Wellen geschlagen. Nikolaj Dessjatnischenko aus der sibirischen Stadt Nowy Urengoi hat in seinem Vortrag über „unschuldige Wehrmacht-Soldaten“ gesprochen.

    Dessjatnischenko erzählte die Geschichte eines deutschen Soldaten namens Georg, der während des Zweiten Weltkriegs bei der Schlacht um Stalingrad zusammen mit anderen Soldaten von den sowjetischen Truppen eingekesselt worden sei.

    Der Soldat sei später in russische Gefangenschaft gekommen, wo er „unter schweren Bedingungen am 17. März 1943 verstarb“. Er sei einer von 2000 anderen deutschen Soldaten gewesen, die nahe der russischen Stadt Kopeisk beerdigt worden seien. Laut Dessjatnischenko wollten viele Wehrmacht-Soldaten während des Zweiten Weltkriegs nicht kämpfen. Außerdem befänden sich ihre Gräber in Russland aktuell in schlimmem Zustand.

    „Die Geschichte von Georg und die Arbeit am Projekt haben mich berührt und dazu inspiriert, die Gräber der Wehrmacht-Soldaten nahe der Stadt Kopeisk zu besuchen. Dies hat mich zutiefst verärgert, weil ich Gräber unschuldig ums Leben gekommener Menschen sah, von denen viele friedlich leben und nicht kämpfen wollten. Sie erlebten unglaubliche Schwierigkeiten während des Krieges“, so der Schüler.

    Wehrmacht-Truppen in Stalingrad, September 1942
    © AP Photo/
    Wehrmacht-Truppen in Stalingrad, September 1942

    Seine Rede sorgte für Empörung unter einigen Politikern und im russischsprachigen Internet. Einige Netzuser riefen die Lehrer des Schülers zu Verantwortung auf. Die Vorsitzende der Diplomatie-Kommission in der Gesellschaftlichen Kammer Russlands, Jelena Sutormina, erinnerte dabei an die zahlreichen Opfer seitens der Sowjetunion während des Zweiten Weltkriegs.

    „Dutzende Millionen unserer Bürger haben ihr Leben für den Frieden geopfert. Und unsere Jugend muss wissen, dass es sich um eine Armee von Eroberern handelte, dass viele von ihnen gewaltig unsere Vorfahren verhöhnten. Deshalb ist es, entschuldigen Sie mich, etwas absurd, über den Zustand ihrer Gräber zu sprechen – seitens eines Landes, das all das überlebte. Sie kamen mit Schwert und Feuer auf unser Land zu.“

    Der Bürgermeister der Stadt Nowy Urengoi, Iwan Kostogris, verteidigte seinerseits Desjatnischenko und rief zu Vernunft bei der Bewertung des Vortrags auf.

    „Der Schüler teilte seine Entdeckungen darüber, dass nicht alle Soldaten kämpfen wollten. Viele wollten einfach friedlich leben. Das kann man auf keinen Fall als Beziehung des Jungen zum Faschismus bewerten“, so Kostogris.

    Auch die Deutschlehrerin des Schülers stellte sich auf dessen Seite und erläuterte, seine Worte seien aus dem Kontext gerissen worden. Dessjatnischenko rechtfertige auf keinen Fall die Taten der Faschisten.

    Die Mutter des Jungen erläuterte, dass die Rede ihres Sohnes ursprünglich sieben bis acht Minuten lang sein sollte, aber später auf zwei Minuten gekürzt werden musste. Dies habe zu Missverständnissen geführt. Ursprünglich sei im Vortrag auch die Geschichte über seinen Urgroßvater enthalten gewesen, der auf sowjetischer Seite im Zweiten Weltkrieg gekämpft und mehrere Orden erhalten habe.

    Der italienische Historiker Giovanni Savino von der Universität Neapel Federico II sagte im Gespräch mit der Agentur RIA Novosti, man sollte an Schulen mehr über die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs erzählen.

    „Über die Konzentrationslager erzählen, über die Millionen Menschen – Juden, Zigeuner, Slawen, Vertreter demokratischer Parteien – die von den Händen der Faschisten vernichtet wurden. Weil die Frage nicht in der ‚Unschuld‘ besteht, sondern es um einen schrecklichen Krieg gegen die Menschheit geht. Es gab deutsche Soldaten, die gegen den Nazismus waren, aber sie desertierten und wurden zu Partisanen“, sagte er.

    Am Sonntag erinnerte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Totengedenken an alle Opfer von Krieg und Gewalt. An der Veranstaltung haben unter anderem Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble teilgenommen. Schüler aus Kassel erzählten gemeinsam mit Schülern aus Nowy Urengoi Geschichten deutscher und russischer Kriegsgefallener.

    Mittlerweile äußerte sich der Schüler selbst zu den Reaktionen rund um seinen Vortrag vor dem Bundestag. Ihm sei gesagt worden, langsamer zu reden, damit die Dolmetscher Schritt halten können. So sei seine Rede länger geworden. Auf dem YouTube-Video sei diese dann gekürzt worden. „Dort war aber das Wichtigste, dass ich aufrichtig hoffe, dass es keine Kriege mehr geben wird“, so Dessjatnitschenko.

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    Tags:
    Schüler, Zweiter Weltkrieg, Bundestag, Deutschland, Russland
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