10:50 14 Dezember 2017
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    Zentrum für Politische Schönheit

    „Der rechte Mob war auch schon da“ – Stimmen zum Holocaust-Denkmal vor Höckes Haus

    © Foto: Patryk Witt
    Politik
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    Ein Holocaust-Denkmal steht seit Mittwochmorgen vor dem Haus Björn Höckes. Und das Künstlerkollektiv, das die Stelen dort aufgebaut hat, beobachtet den AfD-Politiker rund um die Uhr – so lange, bis er einen Kniefall leistet. Die Polizei ist auch im Einsatz zum Schutz von Höckes Haus, aber auch zum Schutz der Künstlergruppe.

    „Denkmal der Schande“ – diese Worte verwendete der AfD-Politiker Björn Höcke im Januar 2017 für das Holocaust-Denkmal in Berlin, das an die von den Nationalsozialisten ermordeten Juden erinnert. Seine Äußerung hatte für eine Welle der Empörung gesorgt, auch in den Reihen der AfD, und eine Diskussion über einen Ausschluss des Politikers aus seiner Partei provoziert.

    Höcke wurde nicht ausgeschlossen, verschaffte der AfD mit seiner Äußerung sogar noch bessere Werte, und die Erregung ebbte mit der Zeit ab. Aber nicht bei allen. Denn das Ereignis rief das Berliner Künstlerkollektiv Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) mit einer neuen Kunstaktion auf den Plan:

    Bau und Erhalt des Holocaust-Denkmals

    Ohne dass Björn Höcke etwas davon erfuhr, mietete das Kollektiv ein Grundstück an, das an Björn Höckes Haus im thüringischen Bornhagen angrenzt, und begann mit der Planung der Gedenkstätte für den Politiker. Rund zehn Monate später, um sechs Uhr früh am Mittwochmorgen, wurde schließlich Björn Höckes persönliches Holocaust-Denkmal direkt vor seiner Haustür eröffnet: „ein Mahnmal für die ermordeten Juden Europas direkt im Garten neben einem bekennenden Rechtsradikalen“, wie es Cesy Leonard, Chefin des Planungsstabs des ZPS, im Sputnik-Interview bezeichnet. Höcke selbst habe bei dieser Eröffnung auch schon am Fenster gestanden und habe „neugierig auf das Mahnmal heruntergeschaut“, bemerkt Leonard.

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    Die größte Schwierigkeit sei dabei die gewesen: „Wie kann man das Mahnmal so aufbauen, dass Herr Höcke davon nichts mitbekommt?“ Die Stelen wurden möglichst originalgetreu nachgebaut und aus derselben Sorte Beton gefertigt wie ihre Berliner Vorbilder. Die kleinste von ihnen soll 420 Kilogramm wiegen, die größte eine Höhe von knapp zweieinhalb Metern aufweisen. Insgesamt stehen derzeit 24 Stelen vor dem Haus des AfD-Politikers. Und wer sehen will, was rund um das Mahnmal passiert, kann einen Blick durch drei Kameras eines Livestreams werfen, den die Künstlergruppe eingerichtet hat:

    Die Stelen bleiben noch lange stehen, wenn es nach der Künstlergruppe gehen soll, und um das zu ermöglichen, haben sie eine Crowdfunding-Seite ins Leben gerufen, auf der für das Projekt Spenden eingereicht werden können. In erster Linie ginge es um den Fortbestand des Mahnmals, erklärt Leonard, es würden aber auch „im besten Falle weitere anliegende Grundstücke gemietet werden, damit man das Mahnmal erweitern kann“.

    Das Mahnmal hat dabei innerhalb von nur einem Tag so viele Spenden erhalten, dass es nach Auskunft des ZPS für die nächsten fünf Jahre finanziert werden kann. Das Ziel von 54.000 Euro wurde mit aktuell 83.000 bei weitem übertroffen.

    „Zeichen für Zivilcourage“ – Verfassungsschutz für Höcke

    Aber in den zehn Monaten seit Höckes Ausfall gegen das Denkmal in Berlin hatten die Mitglieder des ZPS nicht nur die Bornhagener Ausgabe des Denkmals vorbereitet. Sie gründeten auch den „künstlerisch überhöhten Zivilgesellschaftlichen Verfassungsschutz Thüringen“ und sollen dabei den Politiker auf Schritt und Tritt beobachtet haben. Der Grund: Da der Thüringer Verfassungsschutz „beim NSU kläglich versagt“ habe, wolle man „mit dem Beobachten eines Nazis ein wichtiges Statement zur Zivilcourage setzen“, die Verantwortung also in die eigene Hand nehmen.

    Welche Beobachtungen sie gemacht haben, wollte Leonard noch nicht sagen, das werde in den nächsten Tagen öffentlich bekanntgegeben. Immerhin: Bei der Observation wurden auch persönliche Gegenstände Höckes entwendet, die nun auf der Crowdfunding-Seite gekauft werden können. Dazu wurden private Aufnahmen vom AfD-Politiker gemacht. Die Gruppe bewegt sich hier auf juristisch dünnem Eis, wenn nicht auf Wasser.

    Eine Bedingung zur Aufhebung ihrer Überwachung haben die Künstler übrigens auch aufgestellt: „Wenn Herr Höcke bereit ist, einen Kniefall zu machen, ähnlich wie Willy Brandt damals in Warschau, zurückzurudern und den Holocaust anzuerkennen, dann würden wir auch diesen Verfassungsschutz auflösen und nicht dazu aufrufen, ihn weiterhin zu beobachten“, so Leonard.

    „Der rechte Mob war auch schon da“: Polizeieinsatz und Proteste

    Zwar habe es bis jetzt keine Reaktion Höckes gegeben, aber am Mittwochmittag sei auf seinem Grundstück „eine Horde von Menschen gewesen, die den Namen Höcke skandierten und Sprüche gegen das Zentrum für Politische Schönheit gerufen haben“, teilt Leonard mit. „Der rechte Mob war auch schon da“. „Ins Gespräch gekommen sind wir nicht, aber – typisch für die AfD – ins Pöbeln sind sie gekommen“, so die Sicht der Chefin des Planungsstabs. Teilweise hätten die Menschen Jacken von der AfD getragen und Journalisten daran gehindert, das Mahnmal zu besuchen.

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    Die AfD äußerte sich zu dem Thema in zwei Pressemitteilungen, kritisierte die Beobachtung des Politikers als einen Akt der „Spionage“ und bezeichnete die Künstler als „Kriminelle“, die die Menschenwürde angegriffen hätten und das Ziel verfolgten, eine menschliche Existenz zu zerstören. Die AfD Thüringen sprach am Mittwoch laut der Berliner Zeitung außerdem von „psychologischer Kriegsführung“ und kündigte an, Höcke werde sich juristisch wehren.

    Polizeieinsatz mit Hubschrauber in Bornhagen

    Die Polizei sei seit Mittwoch im Einsatz und habe dazu auch einen Hubschrauber eingesetzt, wie eine Polizeisprecherin der Landespolizeiinspektion Nordhausen mitteilt. Das Hauptziel sei es, Höckes Haus und seine Privatsphäre zu schützen und zu verhindern, „dass womöglich noch andere Aktionen, die geplant sein könnten, durchgeführt werden können.“ Ebenso soll das Künstlerkollektiv vor Übergriffen beschützt werden.

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    Die Übersichtsaufnahmen des Hubschraubers hätten gezeigt: „Gegenwärtig können wir davon ausgehen, dass es keine weiteren sichtbaren Aktionen gibt.“ Über die Aktion sei die Polizei von einem Mitglied des Künstlerkollektivs und von Medien informiert worden. Höcke selbst habe sich nicht mit der Polizei in Verbindung gesetzt. Ob die Aktion selbst strafrechtliche oder ordnungstechnische Konsequenzen haben wird, sei noch Gegenstand von Ermittlungen. Die Polizei sei gegenwärtig immer noch im Einsatz.

    Valentin Raskatov

    Das komplette Interview mit Cesy Leonard zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit der Polizei zum Nachhören:

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    Tags:
    Rechtsradikale, Denkmäler, Holocaust, Partei Alternative für Deutschland (AfD), Deutschland
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