15:53 11 Dezember 2017
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    Warum Russland keine Angst vor Washingtons „Prompt Global Strike“ haben muss

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    Politik
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    Die russische militärpolitische Führung und Militärexperten machen sich in letzter Zeit Sorgen über die US-Konzeption des so genannten „Umgehenden weltweiten Schlags“) (Prompt Global Strike, PGS). Theoretisch könnten davon auch die russischen strategischen Streitkräfte getroffen werden, schreibt die „Unabhängige militärische Revue“ am Freitag.

    Washington bemüht sich um die Möglichkeit, aus jedem Ort der Welt innerhalb einer halben Stunde einen nichtnuklearen Schlag zu versetzen. Das würde bedeuten, dass die USA Russland entwaffnen würden, ohne eine nukleare Katastrophe auszulösen, und dabei würde das Atomwaffenpotenzial der Amerikaner unberührt bleiben. Sollte eine geringe Zahl von russischen Interkontinentalraketen doch erhalten bleiben, würde die US-Raketenabwehr sie leicht vernichten, warnt Alexander Chramtschichin, Vizeleiter des Instituts für politische und militärische Analysen.

    Der Erfolg sollte vollständig sein

    Ein Entwaffnungsschlag kann nicht teilweise erfolgreich sein. Es ist unmöglich, 20 Prozent der russischen strategischen Kräfte zu vernichten, die Auswirkung des versetzten Schlags zu bewerten und einige Tage später einen neuen Schlag zu versetzen, denn die erhalten gebliebenen 80 Prozent der russischen Waffen würden gleich nach dem ersten US-Schlag (spätestens binnen einer Stunde) in Richtung Amerika fliegen, und das wäre die garantierte gegenseitige Vernichtung der USA und Russlands (und höchstwahrscheinlich der ganzen menschlichen Zivilisation).

    Deshalb kann es nur einen Entwaffnungsschlag geben, der die 100-prozentige Vernichtung der russischen Atomwaffen garantieren würde. Und das wäre nur dann möglich, wenn der Schlag absolut spontan versetzt würde. Mit anderen Worten dürfte Russland von dem US-Schlag zu einem Zeitpunkt erfahren, an dem die amerikanischen Raketen die russischen Interkontinentalraketen eliminieren.

    Absolut spontan können solche Schläge sein, wenn die Sprengköpfe mit strategischen Luft- bzw. Weltraumraketen befördert werden, die sich maximal schwer orten lassen, beispielsweise mit seegestützten Marschflugkörpern. Doch diese haben einen Mangel – sie können nur eine Unterschallgeschwindigkeit erreichen: Eine Tomahawk-Rakete braucht etwa zwei Stunden, um ihre maximale Reichweite zu erreichen.

    Solche Hyperschallraketen, die einen PGS ermöglichen könnten, gibt es aktuell einfach nicht (jedenfalls werden sie nicht serienmäßig hergestellt). Aber selbst wenn sie entwickelt und massenweise gebaut werden, werden PGS-Mittel weiterhin mit traditionellen ballistischen Raketen oder mit Bombern B-52 befördert. Mit anderen Worten müssten die Amerikaner zunächst Atomsprengköpfe von ballistischen Raketen abmontieren und auf Hyperschallraketen montieren – und das alles schnell und unbemerkt. Und dann noch diese Hyperschallraketen spontan  in Richtung Russland abfeuern.

    Dabei sind die russischen Radaranlagen (sowohl die neuen „Woronesch“ als auch die alten „Darjal“-Stationen) ausgerechnet für solche potenziellen Gefahren geeignet. Deshalb ist es absolut ausgeschlossen, dass US-Raketen unbemerkt Russland erreichen könnten. Russland würde das natürlich als Atomschlag deuten, und es würde sofort ein Signal zum Einsatz der strategischen Atomwaffen gegen die USA abgeben.

    Am Ende wäre das keine gegenseitige Vernichtung, sondern der einseitige Selbstmord der Amerikaner. Denn sie würden in diesem Fall einen nichtnuklearen Schlag versetzen, und Russland würde mit einem Atomschlag antworten. Selbst wenn es den Amerikanern gelingen sollte, einen Teil der russischen Atomwaffen zu vernichten, würden die meisten russischen ballistischen Raketen garantiert die USA erreichen, was ein Ende dieses Landes bedeuten würde. Auch Kanada und Mexiko würden davon teilweise getroffen. Und der gesamten menschlichen Zivilisation, auch Russland selbst, würden dadurch große Schäden zugefügt, aber sie würde überleben.

    Angesichts all dessen kann man beruhigt feststellen, dass es sich in diesem Fall um kaum begründete US-Propaganda handelt.

    Washington will Moskau Angst einjagen

    Dasselbe gilt auch für die US-amerikanische Raketenabwehr. Washington versucht schon seit fast 15 Jahren, Moskau Angst damit zu machen, aber bisher haben die Amerikaner nichts Reales entwickelt, und in Wahrheit ist der Weg zu einer vollwertigen Raketenabwehr noch länger als zum „Umgehenden weltweiten Schlag“.

    Die einzige reale Raketenabwehr-Komponente ist das seegestützte Aegis-System mit lenkbaren Flugabwehrraketen „Standard“, die aber nicht für den Kampf gegen ballistische Interkontinentalraketen geeignet sind. Das Raketenabwehrsystem mit auf Schiffen positionierten Startanlagen Mk-41, das bereits in Russland stationiert ist und demnächst auch in Polen aufgestellt werden soll, kann selbst für die in den westlichen Gebieten Russlands stationierten Raketendivisionen keine Gefahr darstellen – denn niemand konnte bisher die physikalischen Gesetze außer Kraft setzen.

    Russlands einziger Einwand gegen die US-Raketenabwehr in Europa, der als rational anerkannt werden kann, besteht darin, dass Mk41-Startanlagen theoretisch Tomahawk-Raketen abfeuern könnten, deren Flugzeit bis Russland wesentlich geringer wäre. Aber auch diese Gefahr ist in Wirklichkeit fiktiv. Die bodengestützte Mk41-Modifikation hat nur 24 Zellen, was aber viel zu wenig ist.

    Hinzu kommt, dass die Amerikaner ihre Tomahawk-Raketen vom polnischen Boden abfeuern müssten – also quasi vor der Nase der russischen Luftabwehrgruppierung im Gebiet Kaliningrad, wo unter anderem eine „Woronesch“-Radaranlage aufgestellt ist. Also kommt ein spontaner Raketenschlag nicht infrage, und die Vernichtung der entdeckten Tomahawk-Raketen wäre für Russland kein Problem.

    Und: Rumänien liegt einfach viel zu weit weg von den russischen Objekten der strategischen Atomstreitkräfte. Außerdem würden die US-Raketen an der Krim vorbeifliegen, wo inzwischen diverse Luftabwehrmittel stationiert sind.

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    Tags:
    Krieg, Waffen, Analyse, Prompt Global Strike (PGS), USA, Russland
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