16:04 11 Dezember 2017
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    Jalta, Krim

    „Zypern-Modell für die Krim“ – Politologe Rahr: Die Russen sind pragmatisch geworden

    © Sputnik/ Konstantin Tschalabow
    Politik
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    Alexander Rahr vom Deutsch-Russischen Forum nimmt seit vielen Jahren am Petersburger Dialog, dem wichtigsten Gesprächsforum zwischen Russland und Deutschland teil. Im Sputnik-Interview bedauert er die ständige Kritik der deutschen Seite und spricht sich für ein Zypern-Modell für die Krim aus.

    Herr Rahr, die letzten beiden Jahre Petersburger Dialog waren auch geprägt von Vorwürfen der deutschen Seite an die russische in Bezug auf die Krim, in Bezug auf die Ukraine. Hat sich das in diesem Jahr geändert?

    Ich glaube, dass die Russen einfach eine andere Taktik gewählt haben. Sie kennen die Automatismen der deutschen Kritik. Diese Vorwürfe sind auch für eine breite Öffentlichkeit hier in Deutschland bestimmt, für die Medien. Und die Russen hören sich die Kritik an, dann lächeln sie, was sie früher nicht gemacht haben, und laden alle zur Fußball-Weltmeisterschaft nach Russland ein.

    Nicht mehr beleidigt und verletzt, sondern mehr pragmatisch?

    Sie haben sich darauf eingestellt, dass der Dialog jetzt so geht. Sie sind sehr pragmatisch geworden. Das ist natürlich auch kein Dialog. Man stellt sich nicht den Fragen und Herausforderungen. Aber in meiner Erinnerung war der Dialog auch vor der Krim sehr schwierig. Unsere Politik der deutschen Seite ist sehr moralisch. Und leider haben wir in Russland von Anfang an dieses Objekt des Schülers gesehen. Russland muss zur Demokratie erzogen werden. Russland muss zu einer funktionierenden Bürger-Zivilgesellschaft erzogen werden. Russland muss zu einem Rechtsstaat erzogen werden. Russland muss dies, Russland muss das – es war einfach zu viel.

    Ronald Pofalla hat gestern auf der Pressekonferenz gesagt, dass die Kritik der Deutschen an der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim auch im Laufe der Zeit nicht nachlassen wird. Teilen Sie diese Meinung? Und wie stehen Sie zu der Personalie Ronald Pofalla als Chef des Petersburger Dialogs?

    Herr Pofalla ist schon sehr wichtig für den Petersburger Dialog, das muss man schon sagen, weil er der einzige war, der diesen Petersburger Dialog in diese neue Zeit hinüberretten konnte, muss ich heute zugeben. Er hat es wirklich verstanden, die einzelnen Kräfte zu binden. Und es ist niemand aus dem Petersburger Dialog rausgegangen. Es ist schon okay. Wir brauchen ihn auch, weil er den direkten Kontakt zum Kanzleramt hat.

    Und was die Kritik an der Krim angeht: Ich glaube, dass wir hier eher von einem Zypern-Modell sprechen müssen. Über die Annexion Nordzyperns durch die Türken wurde auch jahrelang gesprochen, viel kritisiert, viele brachen die Beziehungen zur Türkei ab. Nichtsdestotrotz ist die Türkei in der NATO geblieben. Jetzt fährt der türkische Präsident Erdogan nach Griechenland. Das hat es früher auch nicht gegeben. Ich denke, es wird eine Zypriotisierung des Konflikts geben. Und ich denke, dass Christian Lindner Recht hat mit seiner Äußerung, dass die Krimfrage zu einem Provisorium gemacht werden muss, das allerdings dann ewig dauert.

    Ist man denn zumindest hier beim Petersburger Dialog soweit, Dinge auszuklammern und offen zu reden?

    Es tut mir wirklich leid, dass wir kaum mehr Foren haben, wie früher, wo man sich tatsächlich austauschen kann. Ich finde es auch schade, wenn zum Beispiel hier ein politisches Forum wie die Arbeitsgruppe Politik angesagt wird und Politiker dort praktisch entweder überhaupt nicht hinkommen oder nach ihren Vorträgen gehen. Das ist dann auch kein Dialog.

    Ich glaube, dass wir eines überwinden müssen in unserer Sprachlosigkeit: das Denken, dass der andere Propaganda betreibt. Wenn wir weiter auf diesen Standpunkt beharren, dass wir unsere Wahrheit haben und die andere Wahrheit in Wirklichkeit reine Propaganda ist, werden wir diesen Konflikt nicht lösen.

    Armin Siebert

    Das Interview mit Alexander Rahr zum Nachhören:

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    Tags:
    Anerkennung, Volksentscheid, Sanktionen, Petersburger Dialog, Alexander Rahr, Krim, Deutschland, Russland, Ukraine
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