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    Bei der Suche nach einem Abbau der Spannungen mit Nordkorea nimmt der südkoreanische Präsident die einstige Ostpolitik von Willy Brandt ins Visier. Wären solche geschichtlichen Parallelen stichhaltig? Mit der Frage beschäftigt sich der russische Auslandsexperte Fjodor Lukjanow.

    Lukjanow schreibt in einem Gastbeitrag für die „Rossijskaja Gaseta“, das relativ stabile Modell der Koexistenz der beiden koreanischen Staaten habe in letzter Zeit an seiner Balance verloren.

    Einerseits habe Nordkorea nach seinen langjährigen Bemühungen endlich ein Potenzial der nuklearen Abschreckung erzielt: „Zwar streiten Fachleute nach wie vor darüber, welche Möglichkeiten Pjöngjang in Wirklichkeit hat; laut Skeptikern (alias Optimisten) übertreibt das Regime bewusst seine eigene Gefährlichkeit. Doch selbst wenn das stimmt, hat niemand Lust auf eine Überprüfung, denn vielleicht blufft Nordkorea nicht. Das politische Image einer Atommacht ist also zustande gekommen – die Militärs sind geneigt, daran zu glauben, und die technologischen Zweifel sind einem engen Kreis der Feinschmecker vorbehalten. Wie dem auch sei, die Wahrnehmung Nordkoreas als Atommacht schafft eine völlig neue Situation in Ostasien.“

    „Andererseits rätselt die Regierung in Seoul – ebenso wie die anderen US-Verbündeten – erstmals in der Geschichte über die Absichten ihres Patrons. Die Spezifik von Präsident Trump sowie die Probleme der Beziehungen innerhalb des US-Regierungssystems laufen darauf hinaus, dass eine konsequente Linie ausbleibt, während die Zickzacke in solch einer sensiblen Frage die Situation äußerst nervös machen“, so Lukjanow.

    „Der vor einem halben Jahr als Südkoreas Präsident vereidigte Neuwahl-Gewinner Moon Jae-in vertritt im Gegensatz zu seinen beiden Amtsvorgängern den linken Flügel der südkoreanischen Politik, der traditionell versucht, einen ‚Sonnenschein‘ in Richtung Norden auszustrahlen. Anfang Juli hatte er in Berlin unterwegs zum G20-Gipfel eine Serie von Initiativer zum Abbau der Spannungen vorgeschlagen und sich dabei auf die deutschen Erfahrungen bezogen. Wenn Pjöngjang seine Provokationen stoppt, wäre Seoul, wie es hieß, bereit, die Methode der ‚Ostpolitik‘ von Willy Brandt zu verwenden“, schreibt Lukjanow. Er erläutert, der südkoreanische Präsident habe wirtschaftliche und politische Kontakte mit Nordkorea gemeint, und zwar trotz der weiterbestehenden grundlegenden Differenzen – wie einst zwischen der BRD und der DDR.

    Nach Ansicht von Lukjanow wirkt diese Parallele allerdings ziemlich sonderbar: „Wäre die DDR eine Atommacht, wäre ihre Schicksal wahrscheinlich anders gewesen. Doch selbst wenn dieser Faktor ausgeklammert wird, hat Südkorea nicht einmal jenen Bewegungsraum wie die BRD während des Kalten Kriegs. Zwar war Westdeutschland ebenfalls ein potenzielles Schlachtfeld äußerer Kräfte, doch das Land hatte einen gewissen Einfluss auf Washington, was alle Kanzler (besonders ab Brandt) demonstrierten. Die westdeutschen Spitzenvertreter unterstrichen stets ihre hundertprozentige Loyalität gegenüber den USA, nutzen dies aber, um das Fenster der Möglichkeiten mit der Sowjetunion und der DDR auszubauen.“

    Seoul sei zu so etwas kaum fähig, denn seine Abhängigkeit von der US-Politik sei aus objektiven und subjektiven Gründen nahezu absolut. Angesichts der militärstrategischen Situation Südkoreas, sei mit dessen Selbstständigkeit kaum zu rechnen, schreibt Lukjanow.

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    Tags:
    Problem, Experte, Konfliktlösung, BRD, DDR, Südkorea, Nordkorea