10:02 13 Dezember 2017
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    Kassettenbomben-Einsatz, Vietnam (Archiv)

    Verstreuter Tod: Warum Russland und die USA Kassettenbomben nicht ausmustern wollen

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    Politik
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    Der Pilot bringt den Bomber auf Kurs, startet das automatisierte Visiersystem. Der optimale Zeitpunkt wird berechnet, die Bombenluke geöffnet, Stahl-Container werden abgeworfen. In jedem davon liegen Hunderte Kugeln mit Sprengstoff. Über der Erdoberfläche verstreuen sie sich und explodieren synchron über den Köpfen der nichts ahnenden Infanterie.

    Das Pentagon beschloss in dieser Woche, das Programm zum Verzicht auf Kassettenmunition zu stoppen. Was diese tödlichen Massenvernichtungswaffen bedeuten und warum die größten Militärmächte der Welt immer noch keinen effektiven Ersatz für sie finden können – das erfahren Sie in diesem Artikel.

    Streu-Reaktion

    Die USA beschlossen bereits 2008, ihre „Streu“-Gefechtsköpfe durch präzisere und modernere Munition zu ersetzen, nachdem eine internationale Konvention über Kassettenmunition angekündigt worden war. Interessant ist dabei, dass die USA dieses Dokument nicht unterzeichnet haben. Doch nach Angaben der Zeitung „Jane’s 360“ verbot das Pentagon damals praktisch den Einsatz solcher Munition, jetzt musste es „wegen Befürchtungen hinsichtlich der russischen und nordkoreanischen Artillerie“ zu diesem Thema zurückkehren.

    Was die Konvention selbst betrifft, ist das ein ziemlich widerspruchsvolles Dokument mit mehreren Änderungen. Demnach gilt als Kassettenbombe gewöhnliche Munition, die zur Verstreuung von Sprengladungen mit einem Gewicht von jeweils weniger als 20 Kilogramm bestimmt ist. Solche Waffen werden wegen ihrer großen Trefffläche als lebensgefährlich für die Zivilbevölkerung eingeschätzt.

    Darüber hinaus wird darauf verwiesen, dass nicht explodierte Elemente von Kassettenbomben im Boden liegen und eine Gefahr für die Einheimischen darstellen können. Die Konvention verpflichtet alle Länder, die sich ihr angeschlossen haben, innerhalb von acht Jahren nach Erhalt des Teilnehmerstatus die Vorräte dieser Waffen zu vernichten. Der Vertrag trat am 1. August 2010 in Kraft und wurde von rund 100 Staaten unterstützt. Doch die weltweit größten Hersteller und Nutzer von Kassettenwaffen weigerten sich, das Dokument zu unterzeichnen, darunter die USA, China, Indien, Brasilien, Pakistan und Israel.

    „Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass, falls einer der Unterzeichner von einem ernsthaften Krieg betroffen wäre und es um die Souveränität des Landes ginge, sie die Produktion dieser Waffen schnell wieder aufnehmen würden“, sagte der Chefredakteur der Zeitschrift „Arsenal Otetschestwa“, Oberst Viktor Murachowski. „Für Humanismus und Toleranz kämpfen und solche Verträge abschließen kann man erst, wenn man im wohlhabenden Westeuropa und nicht in Jugoslawien lebt.“

    Gefechtskopf der US-Rakete MGR-1, gefüllt mit Sarin
    Gefechtskopf der US-Rakete MGR-1, gefüllt mit Sarin

    Auffallend ist, dass von der Konvention nicht Geschosse und Bomben mit Submunition betroffen sind, darunter selbstlenkende und andere hochtechnologische Submunition, die unter anderem in den USA vorhanden ist. Das wird mit ihrer „geringeren humanitären Gefahr“ erklärt. Eine solche selektive Herangehensweise löste ernsthafte Fragen beim russischen Außenministerium aus, das erklärte, Russland werde nicht auf den Einsatz von Kassettenmunition verzichten, vor allem nicht unter solchen merkwürdigen Bedingungen.

    Südkoreanische Militärs bereiten Kassettenbomben CBU-58B bei gemeinsamen Übungen Südkoreas und der USA zur Ladung vor. 19. August 1997
    © AP Photo/ Yonhap
    Südkoreanische Militärs bereiten Kassettenbomben CBU-58B bei gemeinsamen Übungen Südkoreas und der USA zur Ladung vor. 19. August 1997

    Nicht zu ersetzen

    „Man muss immer ein Fundament in Form konventioneller Munition haben, die seit langem ihre Effizienz bewiesen hat“, sagte Murachowski. „Die russische Militärgruppierung in Syrien löst in Abwesenheit feindlicher Flugabwehr und bei absoluter Lufthoheit mindestens 50 Prozent der Kampfaufgaben mithilfe der Artillerie. Die Fliegerkräfte setzen vor allem ungelenkte Munition ein.“

    Kassettenbomben in verschiedener Modifikation gibt es in mehreren Ländern, sie erwiesen sich als günstige und äußerst effektive Waffen. Ihre alten „Vorfahren“ – streubare Schrapnell-Granaten, gespickt mit Bleikugeln – kamen bereits Anfang des 19. Jahrhunderts auf. Jetzt wird Streumunition bei der Artillerie, Raketentruppen und Fliegerkräften genutzt. Ihr Spektrum ist sehr breit, alleine in Russland gibt es Dutzende Typen und Modifikationen – von nichtselektiven Gefechtsköpfen mit Sprengelementen bis hin zu komplizierten selbstlenkbaren Gefechtsköpfen.

    Kampfstart von Marschflugkörpern Smertsch auf dem Gelände bei Baranowitschi
    © Sputnik/ Andrej Alexandrow
    Kampfstart von Marschflugkörpern Smertsch auf dem Gelände bei Baranowitschi

    Mit solcher Munition können die meisten Marschflugkörper der russischen Armee, Raketenkomplexe Totschka-U und Iskander sowie Rohrartillerie mit dem  Kaliber 152 und 203 mm schießen. Kassettenwaffen ermöglichen die Lösung mehrerer Aufgaben, darunter ferngesteuertes Minenlegen sowie den Kampf gegen Panzertechnik und lebendige Kräfte des Gegners. Um auf sie zu verzichten, ist zumindest ein gleichwertiger Ersatz vonnöten, was in der nächsten Zukunft nicht zu erwarten ist.

    Billig getötet

    Was die Amerikaner betrifft, rechneten sie 2008 beim Start des Programms zum Ersatz von Kassettenmunition durch Hochpräzisionswaffen mit ihrer fortgeschrittenen Industrie. Doch trotz guter technologischer Voraussetzungen war diese nicht imstande, die Armee in kurzer Frist und zu einem günstigen Preis mit solchen Waffen auszustatten.

    Die USA setzten damals auf kleine Hochpräzisionsmunition, die zum Kampf gegen Panzertechnik und Fahrzeuge angewendet werden sollte. Danach ging man zu sehr kleiner Munition für Drohnen über– sie waren bis 2,5 Kilogramm schwer. Für die ferngesteuerte Lenkung wurde ein reflektierter Laserstrahl bzw. Zielsuchkopf genutzt. Später kam die so genannte Sperrmunition auf.“

    Strategischer Bomber B-1
    © AP Photo/ U.S. Air Force, Airman 1st Class Zachary Hada
    Strategischer Bomber B-1

    F-35-Kampfjets
    © REUTERS/ Australian Defence Force
    In Afghanistan setzte das Pentagon zunächst aktiv Angriffsdrohnen MQ-1 Predator und MQ-9 Reaper sowie Hochpräzisions-Kleinkaliber-Flugkörper ein. Doch als man bald schnell begriff, dass dies äußerst verlustbringend war, billige Dschihad-Mobile aus teuren lenkbaren Waffen zu bombardieren, wurden dann einfache Sprenggranaten und mobile 15-mm-Artillerie eingesetzt. „Denn der Einsatz von ausschließlich Hochpräzisionswaffen in einem realen bewaffneten Konflikt ist, als würde man mit einem Mikroskop Nägel einschlagen. Kein Land wird genug Geld dafür finden“, sagte Murachowski.

    Kassettenbombe der israelischen Armee, die am 9. November 2006 auf den Libanon abgeworfen wurde
    © AP Photo/ Mohammed Zaatari
    Kassettenbombe der israelischen Armee, die am 9. November 2006 auf den Libanon abgeworfen wurde

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    Tags:
    Gefahr, Streumunition, B-1, USA, Russland
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