09:46 23 April 2018
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    „Krieg und Chaos in Nahost“: Wie der Westen seit 1991 der arabischen Welt Leid bringt

    © AP Photo / Khalil Hamra
    Politik
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    „Krieg und Chaos in Nahost“ nimmt der Ex-Deutschland-Korrespondent von Al-Dschasira, Aktham Suliman, in seinem jüngst erschienenen gleichnamigen Buch unter die Lupe. Er präsentiert darin „eine arabische Sicht“, wie es im Untertitel heißt. Das Chaos habe 1991 mit dem Krieg der USA gegen den Irak begonnen, erklärt Suliman im Interview.

    Der Westen habe seine Interessen ohne Rücksicht auf die Araber durchgesetzt, stellte der frühere Al-Dschasira-Korrespondent Aktham Suliman im Studio-Gespräch fest. Für diese habe das Ende des Kalten Krieges keine „Epoche des Friedens“, sondern eine des Krieges und Leides gebracht, so Suliman gegenüber Sputnik. Er betonte, dass er ganz bewusst in seinem Buch „eine arabische Sicht“ darstelle, nicht „die arabische Sicht“. Seine eigene Sicht wolle er nicht auf die 450 Millionen Menschen übertragen, die im Nahen Osten leben. Der Journalist fügte hinzu:

    „Allerdings haben die 450 Millionen Menschen hier und da vieles Gemeinsames in der Sicht auf die Ereignisse in der Region, angefangen bei der Palästina-Frage bis hin zur Frage der ‚guten Regierung‘. Es ist kein Geheimnis, wenn ich sage: Alle Araber wurden verletzt und beleidigt mit dem Irak-Krieg 2003. Alle Araber waren verzweifelt, als später rauskam, es gab gar keine Chemiewaffen.“

    1991 als Beginn einer langen Leidenszeit

    Wenn es eine „Tränen-Bank“ gäbe, „hätten die Araber auf jeden Fall als Großinvestoren einsteigen können, denn da wurde viel geweint und gelitten in den letzten 25 Jahren“, sagte Suliman. Er widersprach dem ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama ausdrücklich, der in seiner letzten Rede vor der UN-Generalversammlung 2016 die letzten 25 Jahre als die besten in der jüngeren Menschheitsgeschichte bezeichnet habe. In Arabien heiße es dazu: „Moment mal, wir haben das ganz anders erlebt. So positiv waren die Jahre nicht: Mit Millionen Toten, Millionen Verletzten, Obdachlosen, Flüchtlingen.“ Für den früheren Korrespondenten hat das eine Linie, die 1991 begann, nicht erst mit dem 11. September 2001 oder dem Krieg gegen den Irak 2003.

    Der arabische Journalist widersprach jenen Beobachtern und Autoren, die den „Arabischen Frühling“ ab 2011 als Auslöser der gegenwärtigen Umbrüche und Kriege in der arabischen Welt sehen: „Das ist das Ergebnis und nicht die Ursache. Das ist eine weitere Entwicklung, eine bedauerliche, muss man inzwischen sagen.“ Suliman ist sich bewusst, dass das in Deutschland komisch klingt, wenn er das so einschätzt. 1991 seien ganze Staaten und Ideologien zerstört worden, „die Welt wurde ärmer“. Nachdem die linke Ideologie beiseite gedrängt und die Nationalisten mit sich selbst beschäftigt gewesen seien, breiteten sich die Islamisten aus, erinnerte der Journalist. Zehn Jahr später, nach „Nine Eleven“, habe sich der Westen gewundert, warum die Islamisten so stark geworden sind. „Wenn man die Säule einer Gesellschaft zerstört, trägt man dazu bei, dass solche Phänomene sich verbreiten, viel mehr, als es der Fall gewesen wäre, wenn es die westlichen Angriffe nicht gegeben hätte“, erklärte Suliman dazu. In der Folge habe sich der islamistische Wahnsinn breitgemacht.

    Innere Konflikte durch westliche Politik genutzt und verschärft

    Das „Arabische Frühling“ sei auf jeden Fall eine Protestbewegung gewesen, schätzte der Autor ein. Es habe sich aber nicht wie vom Westen dargestellt um eine Demokratiebewegung gehandelt, denn es habe die für eine solche typische Zukunftsvision gefehlt. Im Zuge des „Arabischen Frühlings“ habe der Westen mit den Islamisten zusammengearbeitet, unter denen es auf einmal gemäßigte Islamisten gegeben haben soll. „Die gab es nach dem 11. September 2001 gar nicht.“ Zehn Jahre später seien aber die Muslimbrüder in Ägypten und Tunesien an der Macht begrüßt worden, was auch für Syrien vorgesehen gewesen sei. Daraus entstehe aber für viele in der arabischen Welt die Frage: „Was will der Westen?“ Diese stelle auch sein Buch, so Suliman.

    Er bestätigte, dass es innere Probleme in den arabischen Staaten gebe. Doch die aktuellen Konflikte und Kriege wie in Syrien ließen sich nicht darauf reduzieren, wie sie auch nicht allein auf den westlichen Einfluss zu begrenzen seien: „Die Realität ist dazwischen.“ Natürlich habe die westliche Politik die Entwicklung befördert, betonte er. Er nannte als Beispiel dafür die Zerstörung der gesellschaftlichen Struktur und Wirtschaft des Irak durch die westlichen Sanktionen vor dem Krieg von 2003. Diese „humanitären Vernichtungsinstrumente“ bedeuteten für die Menschen in dem Land ganz konkrete Verluste. Er fragte: „Da will man, dass Leute sich öffnen, toleranter werden, sich entwickeln?“ Die Region sei durch die westliche Politik nicht modernisiert, sondern barbarisiert worden. „Jeder Mensch kann barbarisiert werden. Er braucht nur genug Hunger und genug Schläge.“ Im Nahen Osten seien ganze Staaten zum Zusammenbruch gebracht worden, hob Suliman hervor.

    Der deutsch-syrische Journalist kritisierte, die westliche Sicht beachte zu wenig die Empfindungen in der arabischen Welt und diskutiere nur über rechtliche Aspekte. Während der Westen immer einen Konflikt zwischen Diktatur und Demokratie sehe, gebe es in der arabischen Welt eher einen Kampf zwischen Traditionalisten und Modernisierern. Die dortige Demokratiebewegung spiele dabei nur eine geringe Rolle. Die ersten beiden Kräfte seien nicht unbedingt Demokraten, betonte Suliman und fügte hinzu: „Das ist aber kein Grund zu sagen: Die sind gleich. Die sind nicht gleich.“

    Was Russland und China anders machen

    Russland und China würden in Arabien wie der Westen eigene Interessen vertreten, erklärte er, gefragt, wie er zum Beispiel  die russische Rolle in Syrien einschätze. Es gebe aber deutliche Unterschiede: „Sie kommen in kein Land rein und bekämpfen Terrorismus, ohne mit der Regierung des jeweiligen Landes zu sprechen. Das ist internationales Recht. Und sie haben nicht mit den Terroristen taktiert. Die Russen haben, egal, wie ich das finde, die Terroristen in Syrien bekämpft und nicht Politik mit ihnen gemacht.“ Moskau habe die Terroristen auch nicht benutzt, um den Staat zu Fall zu bringen. Das habe der Westen gemacht, um dann zu sagen, er müsse einmarschieren, weil die Regierung ihre Bevölkerung nicht mehr schützt.

    „Krieg und Chaos in Nahost – Eine arabische Sicht“ von Aktham Suliman
    © Sputnik / Tilo Gräser
    „Krieg und Chaos in Nahost – Eine arabische Sicht“ von Aktham Suliman

    Zudem habe Russland „taktische Klugheit“ bewiesen, indem es nicht nur die syrische Regierung unterstützte, sondern auch mit allen oppositionellen Kräften, außer Al Qaida und IS, geredet habe – „das ist der Eckstein einer jeden Politik!“ Das nicht getan zu haben, das sei dem Westen vorzuwerfen. „Da waren die Russen viel klüger“, stellte Suliman fest und ergänzte: „Deshalb haben sie praktisch derzeit die Fäden in der Hand. Wer etwas in Syrien will, auch bei den Rebellen, der muss mit den Russen reden, nicht mit den Amerikanern.“ Diese wären nur daran interessiert, ihre militärische Präsenz auszuweiten. Doch in Syrien gelte für die USA: „Das Spiel ist aus – Game over!“

    Aktham Suliman: „Krieg und Chaos in Nahost – Eine arabische Sicht“; Nomen Verlag 2017, 232 Seiten; 17,90 €; ISBN: 978-3-939816-40-9

    Tilo Gräser

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    Buch, Kritik, Journalist, Arabischer Frühling, Al-Jazeera, Barack Obama, Westen, Nahost, USA
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