07:49 24 Oktober 2018
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    Soldaten der ukrainischen Armee in Donbass

    „Der einzige Sieg“ – Warum ukrainische Armee ihren unnötigen Eroberungsfeldzug feiert

    © REUTERS / Oleksandr Klymenko
    Politik
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    In der selbsternannten „Volksrepublik“ Donezk behauptet man, die ukrainischen Streitkräfte würden eine neue Offensive vorbereiten. Zuvor hatten sie bereits zwei Dörfer im neutralen Gebiet unter ihre Kontrolle genommen und das als Erfolg ausgegeben.

    Vor einigen Tagen wehrte das Volksheer einen Versuch der ukrainischen Militärs ab, noch weiter vorzurücken. Sputnik erzählt, wie die Menschen in den „befreiten“ Dörfern leben und warum es für Kiew so wichtig ist, von seinen „Erfolgen“ zu berichten.

    Funkstille an der Front

    Die ukrainischen Kräfte versuchten nämlich, eine Stellung in der Nähe von Dolomitnoje (bei Grolowka) auf dem Territorium der Volksrepublik Donezk einzunehmen. Das Volksheer hatte die Gruppe der Ukrainer allerdings rechtzeitig entdeckt und neutralisiert. Die ukrainische Seite hatte Dolomitnoje und das naheliegende Dorf Golmowski beschossen.

    Kurz zuvor hatte die „Volksrepublik“ gewarnt, dass die Ukrainer eine umfassende Offensive in alle Richtungen im Donezbecken planen würden. Der Einsatz solle zwischen dem 8. und 15. Dezember beginnen.

    Davon zeugt nämlich die allmähliche Verlegung von Artilleriewaffen und Raketenanlagen an die Trennungslinie. Die Führung des ukrainischen Sicherheitsdienstes (SBU) ist offenbar auf die Idee gekommen, an der Trennungslinie einen Raum einzurichten, wo es keine Mobiltelefonie gibt. Zu diesem Zweck müssen die Mobilfunkanbieter ihre Stationen innerhalb von 50 Kilometern um die Trennungslinie ausschalten. Offenbar hatten die ukrainischen Soldaten bei ihren privaten Telefonaten verschiedene Geheimnisse ausgeplaudert.

    Darüber hinaus setzt Kiew in letzter Zeit immer öfter Drohnen zu Aufklärungszwecken ein. Am 6. Dezember schossen die Volksheer-Kämpfer eine Drohne ab, die bei der Feuerlenkung auf Golmowski eingesetzt worden war. Das Territorium der Volksrepublik hatten die Kämpfer des Bataillons „Aidar“ beschossen, die zuvor die Dörfer Trawnewoje und Gladossowo eingenommen hatten.

    „Schauten mit Feindseligkeit in den Augen“

    Mit der „Eroberung“ dieser Dörfer in der „grauen Zone“ hatte man ebenfalls eine Offensive der Ukrainer verbunden, die am Ende jedoch abgesagt wurde. Die beiden Dörfer liegen in der neutralen Zone, und bis zuletzt hatte es dort weder ständig ukrainische Kräfte noch Volksheerkämpfer gegeben.

    Der Journalist Andrej Zaplijenko aus Kiew beschrieb das Auftauchen der ukrainischen Soldaten im Dorf als „Befreiung“.

    „Unsere Soldaten haben dort eine medizinische Stelle eingerichtet und viele humanitäre Hilfsgüter unter den Einwohnern verteilt. Viele von ihnen weinten vor Dankbarkeit und sagten, endlich sei die Ukraine hierhergekommen.“

    Allerdings ergänzte der Reporter, dass manche Einwohner die Ukrainer „mit unverhohlener Feindseligkeit“ ansahen.

    Was jetzt in den eroberten Dörfern passiert, erzählt man inzwischen nicht nur in den ukrainischen Medien, sondern auch in Donezk. Der Sprecher des operativen Kommandos der Volksrepublik, Eduard Bassurin, berichtete über Repressalien gegenüber den Einwohnern seitens der ukrainischen Soldaten.

    „Im Laufe einer Woche wurden 24 Einwohner dieser Dörfer gefasst. Elf von ihnen werden immer noch in Kellern gehalten. Sie alle traten offen gegen die Okkupation ihrer Dörfer durch die ukrainische Armee auf.“

    Über die Situation in Trawnewoje und Gladossowo erzählte auch ein Volontär der humanitären Hilfsgruppe „Engel“ namens Roman. Er versorgt nämlich die Einwohner mit Lebensmitteln, Medikamenten und mit Kleidung, unter anderem die Einwohner der in der „neutralen Zone“ liegenden Ortschaften. „Seit der Eroberung dieser Dörfer durch die ukrainische Armee werden dorthin keine Vertreter der Uno, der OSZE und des Roten Kreuzes gelassen. Den Einwohnern wurde verboten, ihre Häuser zu verlassen. Die Stadtverwaltung Gorlowkas ist bereit, 60 Menschen aus Gladossowo und Trawnewsoje aufzunehmen, aber es gibt keinen normalen Verkehr mehr.“

    „Einige Einwohner wurden für reale oder auch vermeintliche Kontakte mit der Volksrepublik Donezk Repressalien unterzogen. Was man mit ihnen machte und um wie viele Menschen es dabei geht, ist unbekannt – es gibt kaum Informationen von der anderen Seite“, betonte der Volontär.

    Allerdings hofft er nach eigenen Worten, dass sich diese Situation nicht auf anderen Abschnitten der „grauen Zone“ wiederholen wird, so dass die Volontäre den kleinen Einwohnern der „grauen Zone“ Neujahrsgeschenke bringen können.

    Medialer Militäreinsatz

    In ihren Berichten über die Eroberung der Dörfer in der „grauen Zone“ erzählten die ukrainischen Militärs, sie hätten ursprünglich eine große Offensive geplant. Die „Silowiki“ wollten nach ihren Worten den Stadtrand von Gorlowka erreichen. Aber der Blogger Juri Mysjagin hätte in einem sozialen Netzwerk alle geheimen Pläne veröffentlicht, und die Offensive sei gescheitert. Deshalb mussten sich die Ukrainer „nur“ mit Trawnewoje und Gladossowo „begnügen“.

    Fahrzeuge der UN-Mission in der Ukraine (Archivbild)
    CC BY 2.0 / UN Ukraine / Donors’ field trip to the East of Ukraine facilitated by the United Nations in Ukraine
    Volontär Mysjagin entblößte im Gegenzug eine Absprache des Leiters eines Übungsplatzes der 54. mechanisierten Brigade der ukrainischen Armee mit Journalisten. Nach seinen Worten hatten die Militärs tatsächlich einen Einsatz vorbereitet, aber keinen militärischen, sondern einen medialen: Sie wollten nämlich ihr Auftauchen in den Dörfern als einen „Sieg“ darstellen. Das Brigadekommando habe die Journalisten gebeten, eine entsprechende exklusive Reportage zu machen, aber Mysjagin habe alles vermasselt. 

    Auch in der Volksrepublik Donezk behauptete man, die Ukrainer hätten anfangs eine große Offensive vorbereitet. Wie der Sprecher des operativen Kommandos, Bassurin, mitteilte, hatten die Aufklärungskräfte des Volksheeres entsprechende Informationen auf Fotos des Pressedienstes des ukrainischen Verteidigungsministeriums gesehen. Darauf seien Generalstabschef Viktor Muschenko und mehrere Offiziere mit verschiedenen Landkarten abgebildet gewesen.

    Die Eroberung von Gladossowo und Trawnewoje war aber nicht nur durch rein militärische Gründe bedingt.

    „Diese Dörfer liegen in einer Niederung, und von diesen Positionen aus ist es schwer, das Feuer zu führen. Aus rein operativer Sicht ist es ein Problem, sich dort zu befinden – man kann sie nur schwer verteidigen und nur schwer angreifen von dort aus“, erläuterte der Parlamentssprecher des so genannten „Noworossija“ („Neurussland“), Oleg Zarjow.

    Er verwies auf den propagandistischen Effekt dieser Aktion der ukrainischen Seite. „Die Ukrainer haben Hilfsgüter der Uno dorthin gebracht, diese für eigene Hilfsgüter ausgegeben und unter den Einwohnern verteilt, zu denen zuvor ein Lastwagen mit Brot nicht hatte durchkommen können – wegen der Gefahr von Artillerieangriffen. Das wurde im Fernsehen gezeigt – und so will Kiew eben die Eroberung Donezks sehen. Man kann immer Menschen finden, die vor laufenden Kameras ihre ‚Befreier‘ mit Blumen empfangen. Die ukrainischen Massenmedien stellen diese ‚Eroberung‘ als ihren einzigen Sieg während der ganzen Konfrontation in der Region dar. Und aus politischer Sicht wäre es für Kiew jetzt falsch, diese Dörfer zu verlassen“, so Zarjow.

    Die militärischen Aktivitäten Kiews in der Donbass-Region sind auch von rein politischen Aspekten bedingt. Angesichts der andauernden innenpolitischen Krise müssen die Behörden den Mitbürgern dringend von irgendwelchen Siegen berichten. Und dieser Umstand kann manchmal wichtiger als jegliche rationale Gründe sein.

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    Tags:
    Offensive, Ukrainische Armee, Oleg Zarjow, Volksrepublik Donezk, Gorlowka, Donbass, Ukraine