02:05 20 Oktober 2018
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    „Die 500-jährige Dominanz des Westens geht zu Ende“: Weltordnung im Wandel

    © AFP 2018 / DPA/ Arne Dedert
    Politik
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    Nach der gegenwärtigen Übergangsphase wird es den Europäern auf globaler Ebene kaum gelingen, sich dem amerikanischen Machtzentrum wieder anzuschließen. Ein eigenes Zentrum des Einflusses zu bilden, wäre für sie auch kaum machbar. Diese Prognose liefert zumindest der russische Politik- und Wirtschaftsexperte Sergej Karaganow.

    Karaganow sagte der russischen Zeitschrift „Expert“, die Situation weltweit sei derzeit chaotisch: „Die 500-jährige Dominanz des Westens geht zu Ende. Die sogenannte liberale Weltordnung, die ungefähr von 1990 bis 2007 funktioniert hatte, bricht zusammen. Die bipolare Weltordnung ist verfallen bzw. im endgültigen Verfall begriffen.“

    „Chaos und fehlender Dialog der Großmächte (nicht nur Russlands und der USA, sondern auch aller anderen) macht die Situation viel gefährlicher als während des Kalten Krieges“, postulierte Karaganow.

    Die gegenwärtige Situation sei eine Übergangsphase und könne sehr lange dauern: „Wenn wir sie überleben, wird es in zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren ein anderes System in der Welt geben, das wahrscheinlich zwei große Zentren haben wird. Eines davon wäre eurasisch mit einer chinesischen Führung, aber auch mit einer Ausbalancierung Chinas durch eine ganze Reihe anderer Mächte, darunter durch Russland, den Iran, Indien, Südkorea und Japan. Das andere Zentrum würde sich um die USA konzentrieren.“  

    Mit Blick auf Europa sagte Karaganow: „Dieses sieht vorerst nicht als künftiges Zentrum der Welt aus, obwohl es völlig klar ist, dass es in Europa eine immense Konzentration von Kapital, Menschen und Märkten gibt.“

    „Europa ist seinem eigenen Erfolg zum Opfer gefallen“, fügte er hinzu und erläuterte, die europäische Ordnung beruhe auf Kompromiss und Soft Power. Leider sei diese Ordnung auf die gegenwärtige harte Welt wenig zugeschnitten.

    Ein Ausweg für die Europäer könnte laut Karaganow darin bestehen, sich einem Machtzentrum anzuschließen: „Allerdings sehen sie bereits ein, dass es ihnen nicht mehr gelingen wird, sich dem amerikanischen Zentrum zuzugesellen. Die Amerikaner wollen sie nicht mehr in Schutz nehmen und Geld dafür ausgeben.“

    Freiheitsstatue, USA (Archivbild)
    © AFP 2018 / LOIC VENANCE
    Den Europäern bleibe nur, entweder sich dem eurasischen Zentrum anzuschließen oder ein eigenes Zentrum zu schaffen: „Dafür wären allerdings reale Streitkräfte notwendig, aber auch eine reale Sicherheitspolitik, die in der Lage wäre, ihre Interessen in der Welt zu sichern und das europäische Projekt zu schützen. Doch dies widerspricht der Logik dieses Projekts selbst. Deshalb weiß ich nicht, wie sie aus dieser Situation herausfinden könnten.“

    Sehr traumatisch für die westlichen Eliten sei ihre überraschende Blamage, die dem Zerfall der Sowjetunion gefolgt sei: „Sie wähnten, sie seien Gewinner und diese Welt gehöre ihnen für immer. Die inneren Widersprüche, die dort zunahmen, wurden eben durch das Gefühl eines herrlichen Sieges verwischt, aber auch durch eine extensive Erweiterung des Marktes, weil dieser nun auch Osteuropa und Russland umfasste (…) Doch dann bröckelte all dies auf einmal. Ihre Rolle spielte die politische Niederlagenserie der USA, die dummerweise und arrogant in Militärkonflikte einstiegen und verloren. Auch der Beginn einer harten Konkurrenz neuer Mächte spielte seine Rolle – ebenso wie jene vielschichtige Krise, mit der Europa konfrontiert wurde.“

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    Tags:
    Weltordnung, Wechsel, Untergang, Macht, Krise, Prognose, Westen, Osteuropa, Europa, China