07:17 18 Juli 2018
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    Zapad-2017

    Kein Spaziergang: US-Denkfabrik analysiert Risiken von Krieg gegen Russland

    © Foto : Konstantin Alysh / Russian Defense Ministry
    Politik
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    Die Denkfabrik RAND, die seit fast 70 Jahren das Pentagon in Sicherheitsfragen berät, hat einen Bericht über das Kampfpotenzial der russischen Streitkräfte publiziert. Darin analysiert sie, wie Russland gegen einen gleichstarken Gegner kämpfen würde und was die Nato bei einem offenen Konflikt fürchten müsse. Sputnik zeigt die wichtigsten Passagen.

    Zu den Zielen der Militärreformen

    Im Unterschied zu vielen westlichen Medien und Politikern behauptet RAND nicht, dass Russland seine Armee zum Angriff auf die Länder des Baltikums bzw. Osteuropas umrüstet. Im Gegenteil, die Autoren des Berichts betonen gleich zu Beginn, dass die russischen Streitkräfte vor allem auf die Verteidigung ausgerichtet seien und zum Schutz des eigenen Territoriums, großer Industrieobjekte und der Bevölkerung vor einer äußeren Bedrohung reformiert würden.

    „Die Kampfmöglichkeiten Russlands, die Struktur seiner Truppen sowie die Übungen, die es ständig durchführt, entsprechen der offiziell angekündigten Militärdoktrin des Landes“, heißt es im Bericht.

    „Demnach existieren die Streitkräfte zum Schutz der Souveränität des Staates und nicht zur Projizierung der Militärstärke auf einem globalen Niveau. Die jahrhundertelange historische Erfahrung Russlands, das mehrmals von ausländischen Armeen angegriffen wurde, beeinflusst sehr stark seine Verteidigungs- und Außenpolitik. Seine Anführer betrachten kleinere Nachbarländer als Zone ihrer Interessen, mit einigen von ihnen steht Russland in Verteidigungsverbänden und hat seit Langem dort eigene Stützpunkte.“

    Zu den größten Bedrohungen

    Im Dokument wird hervorgehoben, dass Russland die Erfahrung der Kampfhandlungen der westlichen Länder in den letzten 25 bis 30 Jahren detailliert analysiert und eine Liste der größten Sicherheitsbedrohungen erstellt habe.

    Militärübungen unter Einsatz des Flugabwehrsystems S-400 im Gebiet Leningrad
    © Sputnik / Alexandr Galperin
    Militärübungen unter Einsatz des Flugabwehrsystems S-400 im Gebiet Leningrad

    „Die Russen fürchten wohl vor allem einen massiven Luftangriff unter Einsatz von konventionellen Präzisionswaffen sowie eine Invasion auf dem Boden, den Ausbau unserer bordgestützten Raketenabwehrsysteme und den Bau neuer Nato-Militärstützpunkte nahe ihrer Grenzen“, heißt es im Dokument weiter.

    „In den letzten Jahren investierte Russland sehr viel Geld in Waffen, die diesen Bedrohungen Widerstand leisten können. So hat es eines der besten Flugabwehrsysteme der Welt. Zudem baut Russland die Zahl der Luft-, See- und Bodensysteme aus, die mit Marschflugkörpern ausgerüstet sind und sowohl Schiffe als auch Ziele auf dem Boden treffen können. Die Russen können diese Mittel zusammen mit Langstrecken-Hochpräzisionswaffen und einem breiten Spektrum asymmetrischer Maßnahmen einsetzen, um den Ausbau der Truppen des Gegners nahe seiner westlichen und südlichen Grenzen in einer frühen Etappe eines Konfliktes zu verhindern. Doch falls sich der bewaffnete Widerstand in die Länge zieht, könnten sie mit Munitionsmangel konfrontiert sein.“

    Zur organisatorischen Struktur

    RAND-Experten geben zu, dass die russischen Streitkräfte sich im letzten Jahrzehnt aus einer großen und behäbigen Struktur mit niedriger Kampfbereitschaft in eine weniger große, jedoch effektivere Armee verwandelte, die zu jedem Zeitpunkt in einen Kampf eintreten kann.

    Foto: Einheiten der Verbände Pskow, Tula und Iwanowo der russischen Luftlandetruppen bei der strategischen Übung „Zapad 2017“.

    „Sie lernen, Truppen schnell in verschiedene Richtungen zu verlegen, um sowohl äußeren als auch inneren Bedrohungen Widerstand zu leisten“, so das Dokument. „Die Boden- und Luftlandetruppen sowie die Marineinfanterie zählen rund 60 Regimente und Brigaden. Jeder Verband kann eine bzw. zwei taktische Gruppen bereitstellen, die aus Vertragssoldaten bestehen. Diese Gruppen sind immer in hoher Kampfbereitschaft. Andere Militärs der Regimente und Brigaden sind vor allem Pflichtsoldaten. Die Nutzung der zwar kleinen, aber professionellen und smarten Eliteeinheiten ist ein typisches Merkmal der russischen Streitkräfte. So waren die Luftlandetruppen im Laufe von Jahrzehnten eine ‚Feuerwehrbrigade‘ des Landes und nahmen an fast allen Militäroperationen des Staates nach dem Zweiten Weltkrieg teil.“

    Zum Risiko der nuklearen Eskalation

    RAND zufolge entwickelte Moskau seit Mitte der 2000er Jahre konventionelle Langstrecken-Angriffssysteme, damit die Führung des Landes zusätzliche Instrumente zur Lösung strategischer Aufgaben habe, ohne zu Atomwaffen zu greifen. Laut der russischen Militärdoktrin kann Russland nur dann als erstes Land Massenvernichtungswaffen einsetzen, wenn seine Existenz als Staat bedroht wird.

    russische Soldaten bei der strategischen Übung „Zapad 2017“
    © Sputnik / Igor Sarembo
    russische Soldaten bei der strategischen Übung „Zapad 2017“

    „Der Kreml kann sich in mehreren Fällen zur Anwendung von Atomwaffen entschließen“, geht aus dem Bericht ferner hervor. „Beispielsweise falls der Gegner es schafft, das Flugabwehrsystem der Russen im Gebiet Kaliningrad und bei Moskau zu vernichten und falls seine Bodentruppen schwere Verluste tragen. Das kann eindeutig als existenzielle Bedrohung für den Staat wahrgenommen werden. Zudem fürchten sie einen Angriff auf ihre Raketensilos und Kommandostellen der Strategischen Kräfte. Ihre Weltraumkomponente des Warnsystems für Raketenangriffe wurde seit den Sowjetzeiten deutlich schwächer. Die Russen wollen ihre Satellitengruppierung nach 2020 erneuern, bis dahin müssen sie sich auf Bodenradaranlagen stützen. Das erhöht die Zeit für das Reagieren auf einen Atomangriff seitens der USA bedeutend.“

    Zu einem möglichen Präventivschlag

    RAND-Experten behaupten, dass Russland bei der Truppenzahl und Wirtschaftsstärke hinter den USA, der Nato und China bleibe. Doch wenn der Kreml meine, dass ein Angriff auf den Staat unvermeidlich sei, könne er entsprechende Maßnahmen treffen und einen Präventivschlag anordnen.

    „In diesem Fall wird es für Russland kritisch wichtig sein, den Konflikt im Keim zu ersticken. Je länger die Kampfhandlungen andauern, desto weniger kampfbereit werden die Truppen. Die Möglichkeiten der Bodensysteme der Flugabwehr werden mit der Zeit sinken, zu diesem Zeitpunkt wird der Gegner es schaffen, einen Angriff zu versetzen. Die Russen können blitzschnell vorgehen – man erinnert sich da an die Krim, Georgien, Afghanistan und die ehemalige Tschechoslowakei.“

    Und weiter: „Falls Russland sich dazu entschließt, als Erstes gegen einen gleichen bzw. (im militärischen Sinn) stärkeren Staat bzw. Allianz vorzugehen, wird es drei Hauptziele verfolgen: Erstens wird der Kreml alle Kräfte darauf richten, die gegnerischen Kommandostellen zu vernichten bzw. beschädigen. Dazu werden konventionelle Waffen sowie Mittel zur funkelektronischen Bekämpfung sowie Cyberwaffen eingesetzt. Zudem greifen die Russen aktiv zur ‚Maskirowka‘ (dt.: Tarnung – Anm. d. Red.). Damit sind Maßnahmen gemeint, die darauf gerichtet sind, Motive und Absichten zu verdecken und zu Täuschungsmanövern zu greifen. Darüber hinaus wird der Hauptangriff möglichst schnell versetzt, damit der Gegner es nicht schafft, darauf zu reagieren.“

    Zur Artillerie

    Laut RAND wird sich Russland im Falle eines Kriegs bemühen, den gegnerischen Bodentruppen maximalen Schaden zuzufügen, ohne in einen direkten Feuerkontakt zu treten. Stattdessen würden die Flanken attackiert, manövriert und die gegnerischen Truppen blockiert.

    Start der Mehrfachraketenwerfer Smertsch auf dem Gelände bei Baranowitschi im Westen Weißrusslands
    © Sputnik / Andrej Alexandrow
    Start der Mehrfachraketenwerfer Smertsch auf dem Gelände bei Baranowitschi im Westen Weißrusslands

    „Bis zum letzten Moment werden die Russen umfassend Artillerie einsetzen“, so die Denkfabrik. „In diesem Bereich haben sie einen Vorteil über den westlichen Armeen. So gibt es in der Brigade der US-Landetruppen nur ein Artillerie-Bataillon. In den russischen Einheiten und Verbänden gibt es deutlich mehr Einheiten zur Feuerunterstützung. Eine motorisierte Schützenbrigade, die aus drei motorisierten Schützenbataillonen und einem Panzerbataillon besteht, wird oft mit zwei Bataillonen der Selbstfahr- und einem Raketenartillerie verstärkt. In einem direkten Kampf wird die US-Brigade mit einem Gegner konfrontiert, der über deutlich mehr Kanonen und Mehrfachraketenwerfer mit großer Reichweite verfügt. Hier haben die Russen einen eindeutigen Vorteil – falls die Amerikaner es nicht schaffen, die Herrschaft in der Luft zu gewinnen.“

    Zu den Möglichkeiten der Flotte

    Die Experten der US-Denkfabrik betrachten die Kriegsflotte nicht als wichtigsten Kampftypen der Streitkräfte Russlands und glauben nicht, dass sie die Führungsrolle in einem potentiellen Konflikt spielen würde. Dennoch würde die Kriegsflotte genug Kräfte finden, um die Armee und die Fliegerkräfte zu unterstützen und lokale Erfolge in mehreren Richtungen zu erreichen, so RAND.

    Übungen der kaspischen Flotte (Archiv)
    © Sputnik / Denis Abramow
    Übungen der kaspischen Flotte (Archiv)

    „Die russische Flotte ist immer noch imstande, Schläge mit Hochpräzisionswaffen aus großer Distanz zu versetzen, die Küstenlinie zu schützen und gegen Schiffe und U-Boote zu kämpfen. Die Russen zeigen weiter aktiv die Fahne im Weltozean, es mangelt ihnen jedoch an Schiffen. Deswegen wird die Kriegsflotte in einem Konflikt lokal in den strategisch wichtigsten Richtungen vorgehen – in der östlichen Mittelmeerregion, in der Arktis, im Schwarzen Meer und begrenzt im Östlichen Atlantik. Die Hauptprobleme sind wie früher: alte Schiffsflotte, Verzögerungen bei der Umrüstung und eine eindeutige Ungleichheit der Kampfmöglichkeiten aller russischen Flotten.“

    Andrej Koz

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    Potenzial, Analyse, Armee, USA, Russland
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