00:38 18 Januar 2018
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    Margarita Simonjan (Archivbild)

    „Ihr habt uns über Nacht verloren“ – Sputnik- und RT-Chefin in CBS-Interview

    © Sputnik/ Alexey Nikolskiy
    Politik
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    Die Chefredakteurin von Sputnik und RT, Margarita Simonjan, hat dem US-amerikanischen Fernsehsender CBS ein Interview gegeben und erzählt, zu welchem Zweck RT ins Leben gerufen worden war, wen der Sender bei der US-Präsidentschaftswahl unterstützt hatte und warum sie jetzt zu den USA eine schlechtere Einstellung als früher hat.

    Status als „ausländischer Agent“

    Wie Leslie Stahl, Moderatorin der Sendung „60 Minutes“, sagte, hatte das Gespräch mit Simonjan stattgefunden, als das US-Justizministerium von RT gefordert hatte, sich als „ausländischer Agent“ registrieren zu lassen, so dass die RT-Chefin am Anfang des Interviews von möglichen „Spiegel-Maßnahmen“ Russlands sprach. „Vielleicht sollten wir alle US-Medien in Russland schließen – nur weil sie alle gegen Putin sind? Die Anti-Putin-Kampagne wird für keinen einzigen Tag unterbrochen. Sollten wir alle schließen? Wären Sie einverstanden? (…) Mit ihrem Vorgehen zerstören sie (die US-Behörden) unseren Ruf. Sollten wir vielleicht gegenüber allen amerikanischen Sendern in Russland dasselbe tun?“, soll Simonjan die Journalistin gefragt haben.

    Die RT-Chefin verwies darauf, dass in den USA nicht alle Medien vom „First Amendment“ beschützt seien und dass es in diesem Land eine Zensur gebe. „Was ist denn mit den amerikanischen Prinzipien passiert? Ihr hattet doch immer gesagt, dass es gut wäre, wenn es zwei verschiedene Meinungen geben würde!“

    Zuvor hatte Simonjan betont, dass kein einziger Journalist für ein Massenmedium arbeiten würde, das sich als „ausländischer Agent“ registrieren lassen müsste. Dabei gebe es in den Vereinigten Staaten viele ausländische staatliche Medien, die nicht als „ausländische Agenten“ gelten, darunter BBC (Großbritannien), CCTV (China), France 24 und „Deutsche Welle“. Als „ausländische Agenten“ gelten lediglich NHK (Japan) und die chinesischen Zeitungen „China Daily“ und „Xinmin Evening News“.

    Berichte der Geheimdienste

    Das Thema „Russlands Einmischung“ in die US-Präsidentschaftswahl war eines der wichtigsten während des Interviews. Leslie Stahl sagte, die US-Geheimdienste hielten es für bewiesen, dass sich Moskau in die Wahlkampagne eingemischt habe.

    „Und Ihr glaubt ihnen … Genauso wie Ihr geglaubt hattet, dass es im Irak Massenvernichtungswaffen gegeben hätte. Das habt Ihr doch auch geglaubt, nicht wahr? Ihr könnt natürlich an Russlands Einmischung in die US-Wahl glauben. Aber fünf Jahre später werdet Ihr erfahren, dass es so etwas nie gab“, erwiderte Simonjan.

    Sie räumte ein, dass sich Vertreter von russischen Medien auf Twitter oder Facebook zu dem Thema äußern durften, wen sie lieber auf dem US-Präsidentenposten sehen würden, doch daran gebe es nichts Illegales.

    „Ob US-Medien nicht dasselbe tun? Wir sahen doch, dass britische Medien Hillary (Clinton) unterstützten, doch darüber empörte sich niemand. Auch französische Medien waren für Clinton – auch da hatte niemand etwas dagegen. Und als einige Medien in Russland angeblich Trump unterstützten, brach sofort diese Hexenjagd aus“, so die RT-Chefin.

    Dabei unterstrich sie, dass sich ihr Sender nicht für Donald Trump ausgesprochen habe. Zum größten Problem sei für den Sender geworden, dass er im Unterschied zu vielen anderen Medien Clinton nicht unterstützen wollte. „Ich wünschte mir, dass ein Kandidat gewinnen würde, der sich zu Russland positiv verhalten würde. Ob eine solche Situation grundsätzlich möglich wäre? Da bin ich mir nicht sicher.“

    Anfang 2017 hatten die US-Geheimdienste einen Bericht veröffentlicht, in dem von angeblichen Versuchen Russlands die Rede war, die Präsidentschaftswahlergebnisse in Amerika zu beeinflussen. Dabei wurden jedoch keine Fakten angeführt, die die Position der Geheimdienstler bestätigen würden. Alle Schlussfolgerungen von Experten stützten sich nur auf indirekte Beweise.

    Im Kreml bezeichnete man die Behauptungen über eine „Einmischung“ als „absolut unbegründet“. Dieselbe Position nahm auch Washington ein. Präsident Trump erklärte beispielsweise, seine Gegner aus der Demokratischen Partei würden versuchen, die Wahlergebnisse infrage zu stellen und sich für ihre Niederlage zu rechtfertigen.

    Flynns „Kontakte“ mit der russischen Führung

    Leslie Stahl erwähnte auch das Thema „Kontakte“ zwischen RT und dem früheren Sicherheitsberater Präsident Trumps, Michael Flynn. Sie erinnerte daran, dass Flynn 2015 an einem festlichen Empfang zum 10-jährigen Jubiläum von RT teilgenommen und sogar an einem Tisch mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin gesessen habe. „Da denkst du schon daran, dass Flynn, der sich später Trump so annäherte, eine Art Vermittlungsglied gewesen sein könnte“, so Stahl. Darauf sagte Simonjan, Putin hätte gar nicht gewusst, wer neben ihm gesessen habe.

    Zuvor hatte sie sich schon zum Treffen Putins mit Flynn geäußert. Wegen des überfüllten Programms des Jubiläumsempfangs konnte sich Flynn nach ihren Worten nicht mit Putin treffen, der kein Interesse für die Person des Ex-Chefs der US-amerikanischen Militäraufklärung gehabt hätte.

    Einmischung in europäische Wahlen

    Im Laufe des Interviews wurden auch verschiedene Äußerungen europäischer Politiker zu den Schlussfolgerungen der US-Geheimdienstler angeführt. So hatte der französische Präsident Emmanuel Macron Moskau die Einmischung in den Präsidentschaftswahlkampf in seinem Land vorgeworfen und RT als „Propaganda-Medium“ bezeichnet, das „falsche und verleumdende Informationen“ verbreiten würde. 

    Dabei räumte der Chef der französischen Nationalen Agentur für Sicherheit der Informationssysteme (ANSSI), Guillaume Poupard, ein, dass seine Experten keine Spuren einer „russischen Einmischung“ in den Wahlkampf haben finden können.

    Zu Macrons Behauptungen sagte Simonjan, die Behörden in Paris haben ihre Kritik an RT und Sputnik nicht mit Fakten belegen können. „In Frankreich wurden keine Spuren von ‚russischen Hackern‘ gefunden. Auch in Bezug auf Sputnik und RT werdet ihr nichts finden, weil es nichts gibt. Ihr solltet etwas in Euren Köpfen suchen.“

    Informationskrieg

    Ein weiteres wichtiges Gesprächsthema war der „Informationskrieg“ gegen den Westen, den RT Stahl zufolge führt.

    „Ich persönlich führe keinen Krieg. Ich habe zwei Kinder und bin Journalistin. Ich arbeite als Journalistin, seitdem ich 18 Jahre alt bin“, unterstrich die RT-Chefin.

    Zugleich verwies sie darauf, dass im Grunde alle Länder bei der Beleuchtung der internationalen Ereignisse auf ähnliche Methoden zurückgreifen würden. Zur Behauptung Leslie Stahls, RT würde die Ereignisse in den USA oft negativ bewerten, sagte Simonjan, in den USA werden in solchen Fällen dieselben Instrumente eingesetzt.

    „Gucken Sie sich die Websites aller US-Medien an. Was sehen Sie dort? Dass nicht nur die russische Demokratie etwas Falsches ist, sondern auch Russland im Allgemeinen ein schlechtes Land ist, die russische Macht äußerst schlecht ist, und dass auch die Menschen in Russland ziemlich schlecht sind.“

    Zuvor hatte Simonjan hervorgehoben, dass RT sowohl mit russischen als auch mit US-amerikanischen Experten zusammenwirke. Gegen ihre Familien werde aber in den USA buchstäblich gehetzt, und zwar noch schlimmer als in den Zeiten des Kalten Krieges.

    Simonjan hatte öfter gesagt, es hätte ihr in den USA sehr gefallen, besonders während ihres Studiums in Bristol (Bundesstaat New Hampshire). Allerdings habe sich ihre Einstellung gegenüber den Vereinigten Staaten inzwischen verändert: „Das ist nicht nur mir passiert, sondern im Grunde den meisten Russen. Fast allen. Das passierte 1999, als Ihr begonnen habt, Jugoslawien mit Bomben zu bewerfen. Wir hielten das für absolut ungerecht, inakzeptabel und illegal, denn die UN hatte diesen Bombenangriffen nicht zugestimmt. Für uns war das ein Schock.“ 

    In den 1990er Jahren seien die Russen in Amerika so gut wie verliebt gewesen, betonte Simonjan. „Wir taten alles, was hr uns sagtet, und wollten für euch noch mehr und mehr tun. Das ganze russische Volk stand im Grunde da und sagte: ‚Was könnten wir noch tun, was für euch angenehm wäre? Wir wollen so wie ihr sein. Wir lieben euch.‘ Doch im Jahr 1999 habt ihr Jugoslawien zerbombt. Und das war alles – ihr habt uns über Nacht verloren. Leider“, erinnerte sich Margarita Simonjan.

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