05:09 18 Juli 2018
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    Frau vom IS-Kämpfer, von dem sie flüchtete (Archiv)

    Islamistinnen sind aktiver Teil der religiösen Extremisten-Szene

    © AP Photo / Hassan Ammar
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    Organisierte Gruppen von ideologisch fanatisierten Frauen spielen in der islamistischen Szene eine immer größere Rolle. „Wenn Salafisten im Gefängnis sitzen, führen deren Ehefrauen die Strukturen weiter“, erklärt Expertin Sigrid Herrmann-Marschall im Sputnik-Interview. Doch diese Frauennetzwerke haben noch weit mehr Ziele, sagt sie.

    „In bestimmten Problem-Moscheen gibt es nicht nur die Herren, die sich dort für ideologischen Austausch verabreden“, so Islamismus-Expertin Sigrid Herrmann-Marschall aus Frankfurt/Main gegenüber Sputnik. An diesen Orten gebe es den sogenannten Schwesternunterricht: „Ideologische, textfeste Salafistinnen geben Unterricht für andere Schwestern und versuchen, diese auf eine gemeinsame Linie zu ziehen.“ Frauen im Islamismus seien zudem meist genauso stark radikalisiert wie ihre Ehemänner und die männlichen Führungspersönlichkeiten in der Szene. Zu ihren Aufgaben gehöre, die Kinder im islamistischen Milieu zu erziehen, soziale Strukturen aufrechtzuerhalten und  Propagandaarbeiten zu übernehmen. 

    Medien wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichten von Online-Chats, in denen islamistisch geprägte Frauen den „christlichen Ungläubigen“ in Deutschland mit dem Tod drohen. Zudem beobachte das Amt für Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen (NRW) derzeit ein „Schwesternnetzwerk von 40 Frauen“. Außerdem gebe es verstärkt in Niedersachsen, im Ruhrgebiet, im Bergischen Land und im Rhein/Main-Gebiet salafistische Frauengruppen.

    Pool an Dschihadistinnen

    Laut Herrmann-Marschall existieren verschiedene Arten dieser Gruppen in islamistischen Strukturen. Da gebe es zum einen die Frauen, die zum Beispiel in Syrien gekämpft haben. Wichtig sei auch „die Rolle der Anwerberinnen, die versucht haben, junge Frauen nach Syrien zu locken.“ Diese würden verschiedene Strategien anwenden: „Das funktioniert teilweise über Fragen der Kindererziehung im Islam. Es geht aber auch über das Thema Gesundheit im Islam. Da gibt es Netzwerke, die erstmal Frauen sammeln. Wie eine Art Trichter.“

    Das sei wie ein riesiger Pool an potenziellen Dschihadistinnen, welche den Islamisten zur Verfügung stünden, betonte die Expertin. Diese könnten „dann jene Frauen rausfiltern, die vielleicht etwas beeinflussbarer und zugänglicher für eine fundamentalistischere Ideologie sind.“ 

    Hass-Prediger mit weiblichen Fans

    In einem Blog-Beitrag vom 3. Januar dieses Jahres beschreibt Herrmann-Marschall, wie Frauenverbände innerhalb der Muslimbruderschaft zustande kommen und arbeiten: „Während bei den Salafistinnen die Frauen eher im Verborgenen wirken (…), hat man bei den Legalisten durchaus erkannt, dass Frauen in der Öffentlichkeitsarbeit (…) nützlich sein können.“ Das Vorurteil, dass Frauen weniger fanatisch und weniger problematisch seien als Männer sei eher ein nutzbarer Vorteil. Strategisch nützlich sei für die Islamisten, „dass staatliche Stellen bei Frauen weniger nachforschen“ als bei männlichen Szene-Akteuren.

    Unter den islamistischen Frauennetzwerken befinden sich laut Medienberichten „Hardcore-Musliminnen, die teils aus dem direkten Umfeld des Hasspredigers Abu Walaa aus Hildesheim stammen.“ Abu Walaa galt bei seiner Verhaftung im November 2016 als „Nummer Eins“ des „Islamischen Staats“ in Deutschland. Derzeit muss er sich in einem Prozess vor der Staatsschutzkammer des Oberlandesgerichts Celle verantworten.

    „Die bekannteren Prediger haben oft eine große weibliche Anhängerschar“, so Herrmann-Marschall. „Man kann sich den Unterricht dieser Prediger herunterladen und anhören.“ Die interessierten Frauen würden sich dann zu Netzwerken zusammenschließen und vor allem die sozialen Medien nutzen, um Kontakt zu halten, anzuwerben und Islamismus-Propaganda zu betreiben. Oftmals hätten weibliche Führungspersonen der Szene mehrere hundert Facebook-Follower.

    Männer im Gefängnis – Frauen halten Stellung

    „Die Herren, die einsitzen, haben meistens eine fanatisierte Frau, die zuhause die ganzen Strukturen aufrechterhält“, erklärte die Expertin. Diese Männer hätten durch diese Konstellation einen speziellen Rückhalt und die Gewissheit, „dass die Frau zuhause die Stellung hält.“ Der soziale Rahmen in der Islamismus-Szene werde dadurch aufrechterhalten.

    „Diese Frauen halten nicht nur Kontakt zu ihren Männern im Gefängnis, sondern sie halten auch gegeneinander Kontakt und machen sich gegenseitig Mut, kontrollieren sich auch gegenseitig sozial. Sie tauschen sich untereinander aus. Sie machen zum Teil auch Gefangenenhilfe.“ Dies seien die Kernprobleme innerhalb islamistisch organisierter Frauennetzwerke.

    Alexander Boos

    Das komplette Interview mit Sigrid Herrmann-Marschall zum Nachhören:

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    Tags:
    Radikalisierung, Kämpfer, Frauen, Moscheen, Deutschland
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