18:34 23 Januar 2018
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    Migrantenstrom (Symbol)

    Wie Schweden zur „Geisel“ der Einwanderer wird

    © AP Photo/ Darko Bandic
    Politik
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    Eine Untersuchung der schwedischen Rechtsschutzorgane besagt, dass vier Prozent der schwedischen Frauen in den Jahren 2012 bis 2016 Opfer von Sexualstraftaten wurden. Die Oppositionsparteien wollen jetzt die Rolle konkreter sozialer Gruppen, besonders der Einwanderer, bei diesen Straftaten genauer untersuchen. Ein Artikel von Igor Gaschkow.

    „Flüchtlinge verantwortlich zu machen – ist politisch inkorrekt“

    Nicht jedes Verbrechen mit einem sexuellen Hintergrund ist eine Vergewaltigung. Oft handelt es sich um Übergriffe auf Frauen, um Verletzungen der sozialen Normen. Allerdings sind die Schwedinnen von dieser Tendenz allgemein beunruhigt. Noch bis vor kurzem stand das Problem der sexuellen Gewalt in Schweden nicht auf der Tagesordnung in Schweden.

    „Die Angst entstand in den letzten Jahren“, sagt Anna Burtina, die einen Schweden heiratete und nach Stockholm zog. In Moskau war sie als Designerin tätig. In ihrer neuen Heimat hilft sie ihrem Mann in einem Architektenbüro. „Falls Sie am Stadtrand wohnen, wo es viele Einwanderer gibt, sollte man am späten Abend lieber nicht hinausgehen. Man sollte nicht in diesen Vierteln vorbeischauen, wenn man im Zentrum wohnt. Man kann nicht sagen, dass alle Angst haben. Doch die Atmosphäre der Angst ist zu spüren.“

    Ihr zufolge war es für die schwedischen Frauen überraschend, dass die Bedrohung von den Flüchtlingen ausgeht – jenen, gegenüber denen die offiziellen Medien mehr Mitgefühl fordern. „Viele fürchten den Vorwurf des Rassismus, der Intoleranz. Man wird sagen, dass sie voreingenommen sind. Ich habe gehört, dass man sich an die Polizei nur im äußersten Fall wendet. Ich kenne zwei Frauen – sie wurden bedrängt, sie konnten fliehen, es gab keine Vergewaltigung. Doch es gab den Versuch! Und sie haben beschlossen, sich nicht an die Polizei zu wenden. Nur weil die Angreifer Einwanderer waren“, sagte Burtina.

    Sie rebellieren – Gibt es schon No-Go-Areas?

    Schwedens Premier Stefan Leven sagte 2015, dass sein Land keine neuen Mauern in Europa zulassen werde. So wurden 163.000 Flüchtlinge, meistens aus dem Nahen Osten, ins Land gelassen. Somit nahm Schweden im Jahr 2015 die meisten Flüchtlinge im Pro-Kopf-Verhältnis aller EU-Länder auf. Seitdem hat sich die Rhetorik der Regierung in Stockholm stark gewandelt.

    Es gab auch Anlässe dafür: Im Februar 2017 brachen Unruhen in dem vorwiegend von Einwanderern bewohnten Stockholmer Vorort Rinkeby aus. Im April verübte der aus Usbekistan stammende Rahmat Akilow einen Massenmord im Zentrum der schwedischen Hauptstadt. Im Sommer musste ein Musikfestival verschoben werden, weil die Zahl der Rechtsverstöße bei solchen Veranstaltungen seit 2015 um 1000 Prozent angestiegen war.

    ein Flüchtling (Archiv)
    © AP Photo/ Thanassis Stavrakis
    ein Flüchtling (Archiv)

    In Schweden wird derzeit intensiv über die Entstehung von No-Go-Areas diskutiert. Laut offizieller Mitteilung der schwedischen Regierung gibt es keinen einzigen solchen Ort im Königreich. Widerspruch kam jedoch aus dem Nachbarland Norwegen. Die norwegische Integrationsministerin Sylvi Listhaug zählte 60 No-Go-Zonen im benachbarten Land. Der Schlagabtausch zu diesem Thema führte zu einem großen Skandal – ein Schweden-Besuch Listhaugs wurde abgesagt. Dass sich eine norwegische Ministerin mit der Frage der Migranten in Schweden befasst, wurde mit dem Wahlkampf in Oslo erklärt.

    Allerdings muss Stockholm eindeutige Tatsachen zugeben. Die überaus große Einwanderung wurde zu einem Problem für das Land. Im Vorfeld der Wahlen im September erklären die schwedischen Behörden nun, dass sie eine Wiederholung der Ereignisse von 2015 nicht zulassen werden. Es sind Andeutungen zu hören, dass die Einwanderer gezwungen werden, in die Heimat zurückzukehren. Solche Pläne waren bereits im Januar aus dem benachbarten Dänemark zu hören.

    „Wo sind Wohnungen für die Migranten?“

    Am schärfsten gegen Einwanderer äußerte sich die Finanzministerin Magdalena Andersson. Auf die Frage der Zeitung „Dagens Nyheter“, ob Schweden genug Kraft haben wird, alle Migranten zu integrieren, sagte sie, dass sie mehr Möglichkeiten für sich finden werden, wenn sie sich in ein anderes Land begeben. Andersson zufolge entstehen Schwierigkeiten nicht nur mit der hohen Zahl der Einwanderer, sondern auch wegen der mangelhaften Infrastruktur in Schweden. „Wir bauen seit langem nicht mehr genügend Wohnungen, weshalb es für die Einwanderer nicht so einfach ist, bei uns eine Unterkunft zu bekommen. Und wenn ein Mensch kein Zuhause hat, wird es für seine Kinder schwerer sein, in die Schule zu gehen“, so die Politikerin.

    Viele der Einwanderer – und nicht nur aus dem Nahen Osten, sondern auch aus der Ukraine – müssen in beengten Verhältnissen leben – einige Dutzend Menschen in einer kleinen Unterkunft. Man darf nicht so streng urteilen über die Migranten – das sind Menschen mit einem gebrochenen Schicksal. Sie kamen aus sehr problematischen Orten in Länder, von denen sie nur ein Bild aus Hollywood-Filmen hatten. Sie fanden sich in einer Gesellschaft wieder, in der sie ausschließlich als billige Arbeitskraft gebraucht werden“, sagt der in Schweden lebende Alexej Sachnin.

    Ihm zufolge beruht die Nachfrage nach Migranten auf egoistischen ökonomischen Gründen, doch im Ergebnis wird sie sich negativ auf die gesamte schwedische Gesellschaft auswirken. „In den 1980er Jahren war zum Beispiel der Beruf eines Briefträgers für viele akzeptabel.“ Heute sei das nicht mehr der Fall. Solche Arbeitsstellen werden immer schlechter bezahlt.

    Flüchtlinge aus dem Iran, Schweden (Archiv)
    © AP Photo/ David Keyton
    Flüchtlinge aus dem Iran, Schweden (Archiv)

    Zugleich werden sie von vielen Arbeitslosen aus den ärmsten Ländern beansprucht. Die Arbeitskosten sinken. Vor diesem Hintergrund werden die Positionen der Rechtsextremen immer stärker. Menschen in der schwedischen Provinz und Vertreter der Arbeiterklasse sind über den Ansturm von Fremden erschrocken, die bereit sind, für einen Niedriglohn zu arbeiten, so Sachnin.

    *Die Meinung des Autors muss nicht mit dem Standpunkt der Redaktion übereinstimmen.

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    Angaben, Frauen, Angst, Straftaten, Strom, Migranten, Flüchtlinge, Naher Osten, Schweden
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