19:49 22 April 2018
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    Ex-Präsident von der UdSSR, Michail Gorbatschow (Archivbild)

    Gorbatschow-Rätsel: „Er tat mehr als alle anderen für Europa“ - Zeitung

    © AFP 2018 / Wasiliy Maximow
    Politik
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    Trotz zahlreicher Memoiren und Biographien ist die Gestalt von Michail Gorbatschow nach wie vor von Geheimnissen umhüllt, schreibt „The Guardian“.

    Der ehemalige Staatschef der Sowjetunion habe mehr als andere geleistet, um Europa und die ganze Welt gegen

    Ende des 20. Jahrhunderts zu verändern. Doch viele Fragen, die seine Entscheidungen, sein Leben und seine Karriere betreffen würden, hätten bisher keine klare Antwort gefunden, so die britische Zeitung.

    Michail Gorbatschow habe von März 1985 bis Dezember 1991 an der Spitze der Sowjetunion gestanden und bleibe weiterhin ein Rätsel, heißt es.

    William Taubman, Professor am Amherst College (US-Bundesstaat Massachusetts), hat in seinem Buch „Gorbachev: His Life and Times“ die Karriere des sowjetischen Präsidenten gründlich erforscht und dabei gestanden, dass viele Fragen unbeantwortet geblieben seien. So habe Gorbatschow 1987 zu einem seiner engsten Berater gesagt, man habe den Sozialismus so verändert, dass davon nichts mehr übrig geblieben sei. In der Krisenzeit habe er sich den Reden Wladimir Lenins, des Führers der Oktoberrevolution und des Begründers des Sowjetstaates, zugewandt – in der Hoffnung, dass diese helfen würden, den Sozialismus in der damaligen  Gesellschaft zu festigen.

    Taubman betrachtet es als die größte Leistung von Gorbatschow, den Bürgern seines Landes Redefreiheit und die Möglichkeit gegeben zu haben, ein demokratisches Mehrparteiensystem aufzubauen.

    Wie der Buchautor mit Staunen bemerkt, gingen keine dauernden Diskussionen den so radikalen Veränderungen voraus. Gorbatschow habe am Tag nach dem Fall der Berliner Mauer nicht einmal eine Sitzung des Politbüros des Zentralkomitees der KPdSU einberufen. Dabei habe er den damaligen US-Präsidenten George Bush, die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher und den damaligen französischen Staatschef Francois Mitterand darüber informiert, dass die Führung von Ostdeutschland die richtige Entscheidung getroffen habe. Er sei über den Zerfall des Kommunismus in der Region keineswegs besorgt gewesen, heißt es.

    Eine der Ursachen dafür sieht der Autor in einer erhöhten Beschäftigung und der Besorgnis Gorbatschows wegen innerer Krisen in der Sowjetunion. Laut Taubman wurde der sowjetische Staatschef um diese Zeit von allen Seiten, darunter auch von den konservativen Kommunisten, massiv unter Druck gesetzt. Der Zeitung zufolge hat Taubman nicht darüber geschrieben, dass viele Einwohner Russlands vor dem Hintergrund der zunehmenden Enttäuschung über die Reformen in Gorbatschow einen „Agenten der Vernichtung“ sahen.

    Die Zeitung bedauert, dass Taubman die Antworten unbeantwortet ließ, wieso ein Lebensmittel-Engpass entstanden sei, sich ein Schwarzmarkthandel verbreitet habe und was die Entwicklung von Kleinunternehmen behindert habe.

    Auch widmet Taubman dem Afghanistan-Krieg und dem Putsch (im August 1991), einem der dramatischsten Momente in der Kariere Gorbatschows, laut der Zeitung zu wenig Aufmerksamkeit.

    Wie „The Guardian“ jedoch zugibt, hat der Buchautor damit recht, dass er die von Gorbatschow begangenen Fehler nach seiner Rückkehr nach dem gescheiterten Putschversuch nach Moskau analysiere. Taubman stellt ferner die Frage, warum der Präsident das Parlament nicht besucht und Boris Jelzin und den Teilnehmern am Widerstand gegen die Putschisten nicht gedankt habe. Der Buchautor schreibt nur dazu: „Das ist schwer zu verstehen.“

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    Tags:
    Rätsel, Buch, The Guardian, Wladimir Lenin, Boris Jelzin, Michail Gorbatschow, Sowjetunion, Großbritannien, Russland
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