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    „Es muss bluten“ – Was die Krise der Medien ausgelöst hat

    © AFP 2019 / Laurent EMMANUEL
    Politik
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    Die meinungsmachenden Medien sind zu sehr auf die Eliten fixiert, kritisiert ein Kommunikationswissenschaftler. Er wirft den Journalisten Narzissmus vor. Ein Kulturtheoretiker zeigt, dass die Krise der Medien etwas mit der Digitalisierung zu tun hat. Alles nichts Neues, meint eine Analyse, die auf die Auswahlkriterien der Medien hinweist.

    „Die Journalisten der Leitmedien suchen die Nähe zu den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Eliten in Wort, Ton und Bild.“ Diesen Befund sieht der Kommunikationswissenschaftler und frühere „Spiegel“-Redakteur Michael Haller als eine der Ursachen der gegenwärtigen Vertrauenskrise der Medien. Über diese schreibt er in einem Beitrag im Januar-Heft der Zeitschrift „Cicero“.

    Die Journalisten der meinungsmachenden deutschen Medien übernehmen laut Haller „die Phraseologie der Berliner Politszene und kommentieren gern in der Pose des Politinsiders“. Das hätten mehrere Studien belegt. Der Autor nennt als Beispiel, „dass die für die Beurteilung der Außenpolitik zuständigen Redakteure bei Leitmedien die Politik der Nato gegenüber Russland oder den Truppeneinsatz in Afghanistan wortreich befürworten“. Dieselben seien „zugleich in einschlägigen Gremien und Thinktanks aktiv“, so bei der Münchner Sicherheitskonferenz, dem „Aspen Institute“, der „Atlantik-Brücke“ oder der „Trilateralen Kommission“. Das Ergebnis laut Haller: „In den fraglichen Medien war von Vielfalt keine Spur; abweichende Auffassungen kamen praktisch nicht zu Wort.“

    Erregungslust statt Sachlichkeit

    Viele Journalisten hätten die „simple Funktion der Informationsmedien“ vergessen, über das Geschehen in der Welt zu informieren und nicht die eigenen Vorurteile zu transportieren. „Die Bürger sollen sich zuerst informieren, ehe sie ein politisches Urteil fällen oder eine Überzeugung fassen“, beschreibt Haller ein „in Zeiten von Fake News aktuelles Prinzip“. Dazu gehöre, dass die Medien „auch die für Machtinhaber unbequemen Nachrichten, Gegenpositionen und abweichende Auffassungen“ vermitteln. Doch es zeige sich, dass „die mediale Erregungslust oft mächtiger ist als der Wille zur Sachlichkeit“. Oft würden Meinungen als Berichterstattung verpackt. Der renommierte Kommunikationswissenschaftler meint: „Das Publikum ist nicht doof, es hat ziemlich genaue Vorstellungen davon, was der Journalismus leisten soll.“

    Der frühere „Spiegel“-Redakteur findet, dass die Krise der Medien nicht allein mit der „brutalen Kommerzialisierung“ und dem Konkurrenzdruck erklärt werden könne. Für Haller gehört der Generationenwechsel auf der Leitungsebene der Medien dazu: Die „eher nüchtern denkende Nachkriegsgeneration“ sei von den mehr narzisstisch geprägten „Babyboomern“ abgelöst worden, die in einem „dekadenten Ich-Kult“ gefangen seien. Ein prägnantes Beispiel dafür sei der ehemalige „Bild“-Chef Kai Diekmann.

    Konfliktscheue statt demokratiefördernder Streit

    Der Trend zum entpolitisierten Nachrichtenjournalismus sei ebenso durch „die im vereinigten Deutschland verbreitete Scheu vor Konflikten“ befördert worden, ist sich Haller sicher. Das zeige sich derzeit an der Berichterstattung über die Versuche, eine neue Bundesregierung zu bilden. Für die Konfliktangst stehe das Wort GroKo. Dagegen gehöre zur Demokratie der konfliktreiche Streit, wird der Politologe Karl-Rudolf Korte zitiert. Hallers eigene Alternative: „Nur der offene Journalismus kann bewirken, dass die Andersdenkenden nicht mehr in ihre Community-Echokammern flüchten, wo sie sich im Kreis ihrer Meinungsfreunde verstanden fühlen.“

    „Nicht reden, sondern recherchieren“, fordert der Ex-Redakteur die Journalisten auf. Vielleicht hat das Problem auch etwas mit der „Aufmerksamkeitsökonomie“ zu tun, in der wir leben und die der Kulturtheoretiker Martin Burckhardt in der Ausgabe Dezember 2017 der Zeitschrift „Merkur“ beschreibt. Unter dem Titel „Was Quote macht“ zeigt er, wie in Folge von Überproduktion und Marktsättigung sowie der digitalen Reproduzierbarkeit von Informationen „Knappheit – und damit der Wert eines Gutes – simuliert werden“ muss. Das gilt angesichts der „Informationsflut“ auch für die Medien und ihre Angebote.

    Aufmerksamkeit statt Bildungsauftrag

    Das Einzige, was durch den „Siegeszug der Digitalisierungslogik“ noch knapp sei, sei „die begrenzte Zeit des Konsumenten selbst“, stellt der Kulturtheoretiker fest. Die Aufmerksamkeit der Konsumenten sei das neue Kapital, das von vielen begehrt wird, auch von Medienunternehmen. Damit bestimmen aus seiner Sicht nun die Nutzer, was Medien anbieten und verkaufen.

    Schon der Ökonom John Maynard Keynes habe den Massengeschmack gepredigt – „also das, was Quote macht“, schreibt Burckhardt. Die „Aufmerksamkeitswährung“ präge die Gesellschaft und halte sie zugleich zusammen. Damit lässt sich für den Autor „die rasante Karriere“ erklären, die die Quote in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten gemacht hat – ohne „irgendeine ökonomische oder inhaltliche Zwangsläufigkeit“: „Des Bildungsauftrags überdrüssig, nahm man Zuflucht zur Quote, um die sich der ganze Sendebetrieb zu drehen begann. Weil nur gut sein kann, was Quote bringt, wurde jeder endogene (innere) Qualitätsmaßstab geopfert.“ Die Folge sei eine „geistige Verarmungs- und Abwärtsspirale“, weil das Programm nur noch „den Blick des dahindämmernden Zuschauers“ halten solle.

    Strukturen statt Manipulation

    Der Kulturtheoretiker warnt vor einer „fatalen Einseitigkeit der Aufmerksamkeitsökonomie“: Wenn die Quote das entscheidende Kriterium ist, werde „die Beschaffenheit der Welt“ zum Rätsel. Für Burckhardt ist der Aufstieg des Populismus wie auch der Wahlsieg des Donald Trump „eine geradezu folgerichtige Konsequenz“ dieser Entwicklung. Zugleich erinnert er, dass das, was Quote macht, zuvor „als Begehren und soziale Praxis vorgeprägt ist“. Hier trifft er sich mit den Erklärungsversuchen von Haller.

    Was Quote macht, beschreibt eine Analyse, die die Zeitschrift „Katapult“ in ihrem ersten Heft (Ausgabe Januar – März 2018) in diesem Jahr veröffentlicht hat: „Es muss bluten.“ Autor Sebastian Haupt erklärt in seinem mit anschaulichen Karten versehenen Beitrag, warum zum Beispiel Tragödien und Katastrophen in den USA auf den Titelseiten der Medien landen, während Krisen in den sogenannten Entwicklungsländern in deutschen Nachrichten „meist nur erwähnt“ würden. Der Autor empfiehlt einen Blick auf die Struktur der Medienlandschaft, „statt den Nachrichtenmachern pauschal Manipulation zu unterstellen“. Haupt erinnert an die sogenannten Nachrichtenwerte als „relativ konstante Auswahlmuster“ der Mediennutzer.

    Zerstörung statt Zusammenhang

    „Fließt Blut, dann zieht die Geschichte“, gibt der Autor in „Katapult“ einen „alten Leitsatz in der Nachrichtenbranche“ wieder: „Gewalt und Konflikt, Kriminalität und Zerstörung sind Garanten für zielgruppenwirksame Beiträge – unter bestimmten Bedingungen.“ Wichtig sei ebenso die Nähe des Ereignisses zu den Empfängern und die Prominenz der Beteiligten. „Zudem gilt: Je einfacher sich ein Ereignis darstellen lässt, desto eher eignet es sich für die Berichterstattung.“ Und: „Statt über strukturelle Zusammenhänge wird häufig über einzelne Akteure berichtet.“

    Journalisten hätten „nicht nur den Auftrag, Informationen zu recherchieren und verständlich aufzubereiten, sondern auch ein möglichst großen Publikum zu erreichen“, so Haupt. Das führe dazu, dass komplexe Themen entweder vereinfacht oder ganz weggelassen würden. Die „Nachrichtenwerte“ seien aber nicht feststehend oder objektiv und würden von den Journalisten wie vom Publikum bestimmt: „Das persönliche Selbstverständnis und Weltbild des Berichterstatters haben darauf ebenso einen Einfluss wie die Konkurrenz durch andere Meldungen.“

    Mainstream statt Widerspruch

    Trotz Internet und „sozialen Medien“ bleiben laut Haupt die Massenmedien „noch immer die zentrale Quelle, über die sich Menschen mit gut recherchierten Nachrichten und Orientierungswissen versorgen“. In ihnen finde „ein Großteil der öffentlichen Auseinandersetzung statt“.

    Der Autor meint, dass die Kommunikation im Internet und den „sozialen Medien“ nicht überschätzt werden sollte. Eine Forschungsarbeit des Kommunikationswissenschaftlers Marc Ziegele zeige, dass „Medienberichte kaum die Macht dazu (haben), dass Leser ihr eigenes Weltbild grundlegend hinterfragen“, sondern höchstens Diskussionen anstoßen. Zudem würden die Nachrichtenwerte dazu führen, dass entsprechend wirkende Beiträge auch die meisten Kommentare bekommen. Haupts Analyse widerlegt zum Teil Hallers Kritik, weil sie zeigt, dass auch in Zeiten der digitalen „Aufmerksamkeitsökonomie“ Mechanismen wirken, die schon immer für die Medien und deren Nutzer eine Rolle spielten.

    Tilo Gräser

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