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    Proteste von Migranten in Griechenland (Archiv)

    Wieso sich Europa paradox entwickelt – Experte

    © AP Photo / Thanassis Stavrakis
    Politik
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    In seinem Buch „After Europe“ will Iwan Krastev vom Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien der Frage nachgehen, warum in Osteuropa, wo es keine Flüchtlinge und Migranten gegeben hat, die Ablehnung gegen sie und die Weigerung, Probleme im Zusammenhang mit der Migrationskrise in Europa zu lösen, so stark ausgeprägt sind.

    Der Politologe Iwan Krastev präsentierte die russische Ausgabe seines Buches „After Europe“ am Rande des aktuell in Moskau stattfindenden Gaidar-Forums. Mit dieser Publikation versucht er nach eigenen Worten, die Krise in Europa der letzten drei bis vier Jahre aus osteuropäischer Sicht darzustellen. „Wir leben in einer Welt, in der man besser begreift, wie es dem Nachbarn als wie es einem selbst geht. Im Hinblick darauf habe ich versucht herauszubekommen, was sich wandelt, wie es sich wandelt und was wir von Europa halten sollen, indem wir in die Zukunft statt in die Vergangenheit blicken.“

    Die letzten zwei Jahre seien für Europa ziemlich dramatisch ausgefallen, so der politische Experte im Sputnik-Gespräch. „Der Brexit kam für viele absolut unerwartet. Erstmals seit dem Bestehen der EU hat einer von den Mitgliedsstaaten die Union verlassen. Dann kam auch noch die Migrationskrise dazu. Ein Paradoxon liegt allerdings darin, dass nach diesen zwei Krisen das Vertrauen zur Europäischen Union gewachsen ist.“

    Man habe nämlich eingesehen, urteilt der Politikwissenschaftler, dass „es Großbritannien nun nicht so gut geht, wie man geglaubt hatte. Auch haben die kleinen und mittleren EU-Mitgliedsstaaten verstanden, dass sie außerhalb der Union keine Zukunft haben würden. Innerhalb der EU wird es sicher Veränderungen geben, aber höchstwahrscheinlich keine radikalen.“

    Europa der zwei verschiedenen Geschwindigkeiten?

    Krastev fährt fort: „Nach den Wahlen in Frankreich und Macrons Machtantritt lautet die Frage nicht mehr, ob es Europa geben wird oder nicht, sondern, wie die Europäische Union aussehen wird. Ob es ein Europa der zwei verschiedenen Geschwindigkeiten sein soll? Und wie werden sich die Beziehungen zwischen West- und Osteuropa im Zusammenhang mit der Migrationskrise gestalten?“

    Flüchtling an der griechisch-mazedonischen Grenze
    © AFP 2018 / DIMITAR DILKOFF
    Der bulgarische Politologe hat hierfür noch keine Antwort. Er glaubt aber, dass die Befürchtungen von früher, wonach die Union infolge der Krisen zerfallen könnte, allmählich abklingen. Der Buchautor zieht historische Parallelen, um ein besseres Verständnis der Prozesse im heutigen Europa zu gewährleisten. „Im Hinblick darauf war für mich wichtig“, sagt der Buch-Autor, „was in Europa vor hundert Jahren geschehen ist. Ich gehe von dem bekannten Roman des österreichischen Schriftstellers Joseph Roth,Radetzkymarsch‘ aus, der von dem Untergang der Habsburgermonarchie handelt.“

    „Eine Garnison am Rande des österreichisch-ungarischen Reichs, Offiziere sitzen da, es kommt das Gerücht, der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand sei ermordet worden. Ein Offizier beginnt ungarisch zu sprechen, ein anderer slowenisch. Da sagt jemand: ‚Lasst uns deutsch reden, deutsch, deutsch, deutsch‘“. Das Fazit von Iwan Krastev: „Es hat sich erwiesen, dass während der Krise jeder sich seiner nationalen Sprache bedient. Es war gewissermaßen das Ende des Kaiserreichs, für das die Armee sehr wichtig war. Übrigens durfte man dort in sechs Sprachen Befehle erteilen.“

    Der bulgarische Politologe gab zu, dass die Erforschung der Nationalpolitik in der EU für ihn interessant und wichtig war. „Die Migrationskrise hat gezeigt, dass Osteuropa die kosmopolitischen Werte, auf denen Europa basiert, für eine Gefahr hält, während für viele im Westen gerade diese kosmopolitischen Werte an der neuen europäischen Identität das Wichtigste sind.“

    der Politologe Iwan Krastew (Archiv)
    © Sputnik / Witalij Belousow
    der Politologe Iwan Krastew (Archiv)

    Krastev ist der Meinung, dass „die Länder im Osten Europas weniger als früher das westliche gesellschaftliche Modell anstreben und dass viele die liberale Elite als heuchlerisch empfinden.“

    Das Buch erschien vergangenen Sommer in englischer Sprache und wurde bereits in zehn Sprachen übersetzt.

    Nikolaj Jolkin

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    Analyse, Buch, Macht, Untergang, Krise, Politik, Migranten, EU-Länder