15:27 19 August 2018
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    Türkischer Soldat auf einem Panzer in der Nähe der syrischen Grenze während der Militäroperation Olivenzweig

    Sputnik-Exklusiv: Könnte Türkei ohne Nato-Waffenlieferungen bestehen?

    © AFP 2018 / OZAN KOSE
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    Das türkische Militär führt eine Groß-Offensive in Nordsyrien durch, um die kurdischen Kämpfer aus der Grenzregion zur Türkei zu vertreiben. Damit stellt Ankara sich direkt gegen die Interessen einiger Nato-Staaten, vor allem der USA. Zwei türkische Ex-Militärs haben Sputnik erklärt, wie sie einen möglichen Bruch der Türkei mit der Nato bewerten.

    Die türkische Armee rückt in Nordsyrien zur Stadt Afrin vor und stößt dabei auf heftigen Widerstand von kurdischen Kämpfern sowie ausländischen Freiwilligen und Söldnern.

    Der türkische Einmarsch ist jedoch auch ein Schlag gegen die eigenen Partner – denn die Kurden werden massiv von verschiedenen Nato-Staaten unterstützt, allen voran von den USA, die mit Hilfe der Kurden eine „Grenzschutztruppe“ in Syrien aufbauen wollen.

    Auch Deutschland wird durch die türkische Offensive in eine paradoxe Lage gebracht.

    Türkische Haubitze an der Grenze zwischen der Türkei und Syrien (Archiv)
    © REUTERS / Umit Bektas
    Das hängt vor allem mit den deutschen Waffenlieferungen in die Region zusammen. Berlin liefert nämlich einerseits Panzer an die Türken und andererseits Panzerabwehrwaffen, wie etwa das Panzerabwehrsystem „Milan“, an die Kurden.

    Zwar gehen die „Milan“-Systeme in erster Linie an irakische Kurden, jedoch kann davon ausgegangen werden, dass die Waffen ohne größere Mühe an die Kurden in Syrien weitergereicht werden können.

    Eine fast schon satirische Situation ist dadurch entstanden: Deutschland beliefert zwei sich nun bekämpfende Parteien, von denen eine ein Nato-Staat ist und die andere von einem Nato-Staat unterstützt wird – die einen mit der Waffe, die anderen mit der entsprechenden Gegenwaffe.

    Diese Situation scheint nun selbst für die Bundesregierung zu weit zu gehen. Nach Angaben des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ hat die Bundesregierung vorerst weitere Rüstungslieferungen an Ankara eingefroren und will die Entwicklung der Situation abwarten.

    Auch soll das Programm der Nachrüstung und der Modernisierung für die deutschen „Leopard“-Panzer bei der türkischen Armee gestoppt werden.

    Nato-Waffenembargo gegen Türkei möglich?

    Nun könnte sich die Frage stellen, ob die Reaktion der Bundesregierung eine Art Vorstufe zu einem umfassenden Nato-Waffenembargo gegen die Türkei darstellen könnte.

    In der Tat, was würde passieren, wenn die Nato ab nun keine Lieferungen mehr an den Nato-Partner Türkei vornehmen würde?

    Armağan Kuloğlu, Generalmajor der türkischen Streitkräfte a.D., erklärte in einem Interview für Sputnik zuallererst, dass die Kritik von Deutschland unbegründet sei.

    Die Türkei hätte das Recht, selbst zu entscheiden, wofür und wie es die Waffen einsetze, die es im Besitz habe.

    Im Rahmen der Militäroperation in Syrien nutze sie erfolgreich eine ganze Reihe von Waffensystemen.

    „Die türkischen Streitkräfte führen den Kampf mit den eigenen Kräften und haben das Recht, hierfür alle vorhandenen militärischen Ressourcen einzusetzen. Unter diesen (…) sind auch Panzer, darunter sowohl aus amerikanischer Produktion als auch die deutschen modernisierten ‚Leopards‘“, erklärte Kuloğlu.

    Die Entscheidung der Bundesregierung, das Modernisierungsprogramm für diese Panzer einzustellen, werde dabei „nicht im Geringsten den Verlauf der Operation ‚Olivenzweig‘ in Afrin negativ beeinflussen“.

    „Die Reaktion Deutschlands ist ziemlich widersprüchlich. Auf der einen Seite verbinden Bündnisbeziehungen in der Nato die beiden Staaten, auf der anderen Seite (…) existiert ständig eine Anspannung zwischen den Ländern“, betont der Militär a.D.

    Die Tatsache, dass Berlin die türkische Operation in Afrin zwar offiziell nicht verurteile, das Modernisierungsprogramm jedoch eingestellt habe, zeuge vermutlich eher von innenpolitischen Diskursen und Motiven.

    Deutschland habe nämlich eine große kurdische Diaspora sowie viele Kriegsgegner unter den „Grünen“ – genau um jene Stimme „zum Verstummen zu bringen“ und die eigene innenpolitische Position zu verbessern, habe die Bundesregierung den Stopp der Modernisierung angekündigt, so die Meinung von Kuloğlu.

    Keine Abhängigkeit von Deutschland

    Der türkische Brigadegeneral a.D. Ali Er, der lange Zeit in Nato-Strukturen gearbeitet hatte, unterstrich in diesem Zusammenhang auch, dass der Modernisierungsstopp in keiner Weise die aktuelle Kampffähigkeit der türkischen Truppen negativ beeinflussen werde.

    Die Türkei sei nämlich von Deutschland wie auch von anderen Nato-Staaten nicht abhängig, wenn es um die Instandhaltung und die Versorgung der bereits vorhandenen Militärtechnik gehe.

    „In der Türkei funktioniert ein System, durch das die eingekauften Panzer für viele Jahre effektiv durch die türkischen Streitkräfte eingesetzt und versorgt werden. Außerdem befinden sich in den Lagerstandorten Ersatzteile und Komponenten für die Panzer für mindestens die nächsten zehn Jahre“, unterstrich der Brigadegeneral a.D.

    Er glaube zudem nicht, dass die Türkei auch in der Zukunft abhängig von Deutschland sein würde, da Ankara „signifikante Fortschritte bei der Entwicklung eigener Feuersysteme“ gemacht habe.

    Schließich sei die Armee die „wohl am meisten institutionalisierte Struktur“ in der Türkei und habe Planungen für Jahrzehnte im Voraus.

    „Daher kann diese Spannungssituation, die heute zwischen der Türkei und der Nato besteht, nicht früher als in zehn bis 15 Jahren anfangen, sich negativ auf die türkische Sicherheitsstrategie auszuwirken“, so der Militär a.D. abschließend.

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    Tags:
    Deutsche Waffenlieferungen, Panzerabwehrwaffen, Grenzschutztruppe, Abhängigkeit, Intervention, Angriff, Panzer, Kurden, Militäroperation, Embargo, Leopard, MILAN, YPG, Demokratische Kräfte Syriens (SDF), Bundesregierung, NATO, Recep Tayyip Erdogan, Sigmar Gabriel, Angela Merkel, Afrin, Türkei, Syrien, Deutschland, Russland
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