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    Soldat der türkischen Armee an der syrischen Grenze

    „Türkische Zuchtrute“: Kriegsreporter warnt vor langem Konflikt in Afrin

    © REUTERS / Murad Sezer
    Politik
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    Paul Linke
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    Der Kriegsreporter Kirill Romanovskiy war bereits vier Mal seit Kriegsbeginn in der syrischen Stadt Afrin und fährt wieder hin. Der Militäreinsatz gegen die YPG werde kein Spaziergang, weder für die Türkei noch für die Freie Syrische Armee (FSA), sagt er gegenüber Sputnik.

    Als einer der ersten Journalisten seit Beginn des Krieges in Syrien 2011 berichtet der Kriegsreporter Kirill Romanovskiy aus der Stadt Afrin im Norden Syriens. Der Korrespondent der russischen Föderalen Nachrichtenagentur (RIA-FAN) sagt im Sputnik-Interview, dass bei der türkischen „Militäroperation Olivenzweig“ in Afrin vorrangig die zivile Bevölkerung zu Schaden gekommen sei und dass die türkische Bodenoffensive bislang keine eindeutigen Ergebnisse gebracht habe. Er schätzt, dass der Konflikt nicht so bald enden wird. Vor allem in der Gebirgslandschaft im Norden sowie im Süden Afrins:

    „In diesem Gebirge gibt es zig befestigte kurdische Gebiete, wie Qestel Cindo im Nordwesten. Dort waren wir zweimal. Und man muss sagen, dass sogar Luftangriffe dort relativ ruhig vertragen wurden“, erklärt der Reporter. 

    Außerdem müsse man verstehen, dass das türkische Heer nur sehr mittelbar an dieser Operation teilnimmt: „Die Hauptkräfte sind nicht die türkischen Soldaten, sondern die sogenannten Oppositionstruppen“, bemerkt der Experte. Doch diese würden nicht zu den leistungsfähigsten Kräften in Syrien zählen, schätzt Romanovskiy.

    Das Warten auf die kurdische Position

    Die zurückhaltende Reaktion der Internationalen Gemeinschaft bei dem Konflikt zwischen der Türkei und den kurdischen Milizen, die zu US-Verbündeten im Kampf gegen Daesh (ISIS) zählen, erklärt der Nahost-Korrespondent so:

    „Es geht darum, dass die internationale Gemeinschaft die Gebrauchsvorteile von Kurden im Rahmen des Geschehens kaum beurteilen kann. Einerseits kämpfen die syrischen Kurden gegen ISIS. Andererseits sind die Kurden laut der Türkei, die auch die zweitgrößte Nato-Kraft ist, Terroristen.“

    Die internationale Gemeinschaft beobachte das Geschehen geduldig und warte auf einen gewissen Konflikt der Meinungen zwischen den USA und Russland in Bezug auf Afrin. Die USA und Russland warten ihrerseits auf die kurdische Meinung, gibt Romanovskiy zu bedenken: „Wenn die Kurden sich Pro-Damaskus aussprechen, werden sie von den Russen unterstützt. Wenn eindeutig kontra, dann werden sie eine gewisse Unterstützung von der amerikanischen Seite erhalten.“

    „Keine deutschen Waffen in Afrin“

    Dass die kurdischen Milizen mit deutschen Waffen kämpfen, kann der Moskauer Journalist nicht bestätigen. Hier würde man die irakischen Kurden mit syrischen verwechseln, unterstrich Romanovskiy:

    „Deutsche Waffen habe ich zumindest in dieser Region nie gesehen. Doch die irakischen Kurden werden direkt mit deutschen Waffen unterstützt. Dort habe ich die Heckler & Kochs fast überall an den Frontlinien gesehen, als ich im Norden Iraks war.“

    Dass die türkische Armee mit deutschen Panzern gegen die YPG-Einheiten vorgehe, sei allgemein bekannt, betont der Korrespondent.

    Die türkische Organisation UETD (Union Europäisch-Türkischer Demokraten) behauptete gegenüber Sputnik, dass die Operation den Zweck habe, die Integrität Syriens zu schützen. Im Gegenzug erklärt der Syrien-Experte von RIA-FAN, dass die Souveränität und Integrität Syriens durch die Intervention der Türkei gefährdet sei: „Denn die Türken benoten den Norden Syriens im Rahmen des Krieges als Einflussgebiet. Und wenn die Türken es doch schaffen, nach Afrin zukommen und vielleicht auch in die anderen Kantone, dann werden sie dort bleiben. Dann wird ein neuer Dialog mit Damaskus aufgemacht werden müssen, warum die Türken da sind und warum sie das Territorium nicht verlassen möchten.“

    Die Rolle Russlands

    Russland versuche, die Kurden Afrins mit einer „türkischen Zuchtrute“ zu einem Dialog mit Damaskus zu bewegen. „Das Bestehen des syrischen Staates wurde bereits zu Beginn der russischen Präsenz im Rahmen des Krieges als Hauptziel des russischen Verteidigungsbeitrages anerkannt.“ So würde man hier nun auf die Reaktion der Kurden warten. Ein Spaziergang werde dieser Konflikt jedenfalls weder für die FSA noch für die türkische Armee werden, warnt der Experte.

    Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte kamen seit Beginn der Militär-Offensive 46 Zivilisten, darunter 13 Kinder zu Tode. Nach Angaben von Recep Tayyip Erdogan wurden bislang sieben türkische Soldaten und 13 FSA-Kämpfer getötet. Die Menschenrechtsbeobachter sprechen hingegen von mehr als 60 getöteten FSA-Mitgliedern. Die türkischen Streitkräfte meldeten, dass bislang 484 gegnerische Kämpfer „neutralisiert“ worden seien. Die kurdischen Milizen haben das zunächst jedoch nicht bestätigt. Beobachter sprechen hier von 59 getöteten kurdischen Kämpfern.

    Das Interview mit Kirill Romanovskiy zum Nachhören:

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    Tags:
    Rüstungslobby, Panzerdeal, Olivenzweig, Kurden, Rüstung, Leopard, UETD, Heckler & Koch, Kurdenpartei PYD, kurdische Selbstverteidigungskräfte YPG, Freie Syrische Armee (FSA), AKP (”Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung”), Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), Kirill Romanovskiy, Recep Tayyip Erdogan, Sigmar Gabriel, Baschar al-Assad, Afrin, Kurdistan, Türkei, Syrien