14:42 25 September 2018
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    Franz Alt während seiner Rede auf der 16. „Münchner Friedenskonferenz“

    Krieg und Frieden: „Kommt endlich zur Vernunft!“ – Franz Alt EXKLUSIV

    © Sputnik / A. Boos
    Politik
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    Alexander Boos
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    Franz Alt zählt zu den renommiertesten Vertretern der Friedensbewegung. Der Dalai Lama und der frühere Kreml-Chef Michail Gorbatschow gehören zu seinen Freunden. Im exklusiven Sputnik-Interview verrät Alt: „Ein Buch von mir war der Grund, dass Gorbatschow den Kalten Krieg beendet hat.“ Darüber hinaus gibt er Tipps für die heutigen Weltpolitiker.

    Er war langjähriger Fernseh-Journalist und gilt bis heute als prominenter Vertreter der Friedensbewegung: Franz Alt (79). Am Freitag sprach er auf der Veranstaltung „Münchner Friedenskonferenz“, einer kritischen Gegen-Veranstaltung zur „Münchner Sicherheitskonferenz“, die am Sonntag zu Ende ging. Zuvor gewährte er Sputnik ein exklusives Interview. Darin verwies er auf sein neues Buch, das er zusammen mit seinem Freund Michail Gorbatschow geschrieben hat. „Es ist ein Appell von Gorbatschow, dass die heutigen Politiker das machen sollen, was er und Reagan in den 80ern gemacht haben“, nämlich miteinander reden, sagte er gegenüber unserer Agentur.

    „Wenn einer berechtigt ist, das zu sagen, dann mein Freund.“ Der frühere Staatspräsident der Sowjetunion habe ihn seit Ende der 80er Jahre tief geprägt. „Er war es, der begriffen hat: Wir können so nicht weitermachen. Es gab damals in US-amerikanischen Reisebüros Plakate mit dem Werbetext: ‚Besuchen Sie Europa, solange es den Kontinent noch gibt.‘ Das heißt: Wir standen am Abgrund. Die atomare Apokalypse war jeden Tag möglich.“

    Leitete Jesus-Satz Ende des Kalten Kriegs ein?

    Es sei kein westlicher Politiker gewesen, der die Wende brachte. „Sondern der Chef der Kommunistischen Partei und das spätere sowjetische Staatsoberhaupt, Michail Gorbatschow.“ Der habe übrigens Alts Buch „Frieden ist möglich: Die Politik der Bergpredigt“ von 1983 gelesen. „Er hat sich das ins Russische übersetzen lassen. Ein Kommunist in Moskau hatte begriffen, was das heißt.“ Später habe ein Militärberater aus dem Kreml Alt mitgeteilt, dass der Oberste Sowjet bereit sei, abzurüsten: „Wir machen das!“ Gorbatschow ist laut Alt auf einen Jesus-Satz angesprungen: „Feindesliebe heißt: Sei klüger als dein Feind. Also gar nicht romantisch. Sondern ganz pragmatisch. Einer muss anfangen aufzuhören.“

    Dass gerade ein christlicher Satz den Untergang des kommunistischen Reichs heraufbeschwor, wundere Alt nicht. Obwohl Religion von den politische Führern häufig missbraucht werde, stehe doch „in allen Heiligen Schriften aller Religionen der Menschheit: Liebe, Liebe, Liebe. Dennoch war Religion in der gesamten Menschheitsgeschichte ein Hauptkriegsgrund.“ Machtspielchen seien hier das Hauptproblem. Alt zitierte seinen Freund, den Dalai Lama: „Ethik ist wichtiger als Politik.“ Diese Erkenntnis müsse zum weltpolitischen Leitspruch werden.

    „Wenn Du Frieden willst …“

    Heutige Weltpolitik, „auch hier in München auf der Sicherheitskonferenz“, werde immer noch gemäß dem altrömischen Mott:

    „Wenn Du Frieden willst, musst Du den Krieg vorbereiten“ betrieben. „Im Sinne Gorbatschows sage ich heute: Wenn Du Frieden willst, musst Du den Frieden vorbereiten.“

    Dies müsse zur Leitlinie außen- und sicherheitspolitischer Entscheider werden. Weil das alte Motto „Jahrtausende lang“ immer nur Krieg gebracht habe.

    Im Atomzeitalter könne jeder Krieg der letzte sein. „Weil es danach niemanden mehr gäbe, der danach noch Krieg führen kann. Das sagt auch Gorbatschow in seinem Appell.“ Die Sicherheitskonferenz sei „mehr eine Rüstungs- als eine Abrüstungs-Konferenz“. Der Appell setze einen lange notwendigen „Kontra-Punkt. Und dazu ist Micha Gorbi einer der Hauptakteure.“

    „Journalisten transportieren überholte Feindbilder“

    Als ehemaliger TV-Journalist beobachtet Alt die mediale Berichterstattung über weltpolitische Ereignisse genau.

    „Sie spielen das Spiel auf beiden Seiten mit“, sagte er im Interview. „Leider. Sie haben noch nicht begriffen, was das heißt, dass in einer schwierigen Situation wirklich einer anfangen muss, aufzuhören mit dem Wahnsinn. Sie schreiben so, als wäre immer die andere Seite die böse und die eigene die gute.“

    Ein Bild, zwei Freunde: Franz Alt mit Michail Gorbatschow
    © Sputnik / A. Boos
    Ein Bild, zwei Freunde: Franz Alt mit Michail Gorbatschow

    Solange dieses „Kriegs-Theater in den Medien“ weitergehe, werde es schwierig werden, zu einer „wirklichen Entspannungspolitik“ zu kommen. „Auch wir Journalisten transportieren viel zu viele alte, längst überholte Feindbilder“, übte er Selbstkritik. „Anstatt dass wir sagen: Es muss auch anders gehen. Wir suchen zu wenig Alternativen.“

    „Wer bedroht hier wen?“

    Die aktuelle globale Sicherheitslage ist laut Alt prekär. Leider gebe es auf der Bühne der Weltpolitik „weit und breit keinen Gorbatschow. Weder im Westen noch im Osten. Einer, der den Mut hat, den ersten Schritt zu machen. Dadurch zwinge ich die andere Seite, auch zu stoppen.“

    Er verglich die Militär-Budgets der beiden größten Atommächte. „Wissen Sie: Wenn man die beiden Größenverhältnisse vergleicht, dann hat Russland unter Putin etwa 80 Milliarden Dollar an Rüstungsausgaben pro Jahr. Und die Amerikaner haben 700 Milliarden. Ich kann nur sagen: Bitte, wer bedroht hier wen?“ Leider existiere wieder ein Feindbild. „Auf beiden Seiten.“ Das mache die Lage „mindestens so gefährlich, wie sie zuletzt vor 30 Jahren gewesen ist. Wir stehen wieder am atomaren Abgrund.“

    Franz Alts Arbeiten wurden mehrfach prämiert. So erhielt er den „Adolf-Grimme-Preis“ und die „Goldene Kamera“. 2017 erhielt er den „Löwenherz-Ehrenpreis“ der Hilfsorganisation „Human Projects“ für Frieden, Freiheit, Aufklärung, Integration und eine gerechtere Welt.

    Franz Alt mit Michail Gorbatschow: „Kommt endlich zur Vernunft – Nie wieder Krieg! Ein Appell von Michail Gorbatschow an die Welt“, Benevento Verlag, 60 Seiten. Die aktualisierte Auflage ist seit Februar 2017 im Handel erhältlich.

    Das Radio-Interview mit Dr. Franz Alt zum Nachhören:

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    Tags:
    Friedensbewegung, Osterweiterung, Abrüstung, Frieden, Rüstung, Religion, Münchner Sicherheitskonferenz, NATO, Franz Alt, Michail Gorbatschow, Dalai Lama, Sowjetunion, Deutschland, USA, Russland