20:03 18 Dezember 2018
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    Satellit (Symbolbild)

    Warum Russland, die USA und China Satelliten-Killer entwickeln

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    Politik
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    Andrej Koz
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    Der Raketenkreuzer „USS Lake Erie“ erreichte in der Nacht das anvisierte Gebiet im Norden des Pazifischen Ozeans. Am Heck öffnete sich die Luke der vertikalen Startanlage, die SM-3-Rakete startete in den Himmel. Das Ziel der Abfangrakete war ein eher unauffälliger Leuchtpunkt, der sich am Sternenhimmel schnell bewegte.

    In wenigen Minuten explodierte er.

    Vor zehn Jahren, am 21. Februar 2008, vernichteten die US-Militärs mit dem Raketenabwehrsystem SM-3erstmals einen Weltraumsatelliten. Das Experiment bewies, dass ein reines „Verteidigungssystem“ bei Bedarf schnell als Mittel des ersten Schlags eingesetzt werden kann. Die Besonderheiten dieser Operation sowie die Rolle von Anti-Satelliten-Waffen in modernen bewaffneten Konflikten beschreibt dieser Artikel von Sputnik.

    Abschuss wie in einem Hollywood-Blockbuster

    Die nationale Weltraumaufklärungsverwaltung der USA startete im Dezember 2006 von der Vandenberg Air Force Base einen experimentellen Spionage-Satelliten namens USA-193. Er erreichte den Orbit, sendete jedoch nach einigen Stunden keine Signale mehr auf die Erde. Die Verbindung wurde nicht wiederhergestellt. Seit mehr als einem Jahr galt der USA-193 als Weltraumschrott.

    Im Januar 2008 schlug die Nasa Alarm – der Satellit näherte sich der Erde und konnte an jedem Ort abstürzen. Ein pikantes Detail: Die Federal Emergency Management Agency (FEMA) berichtete, dass in den Kraftstoffbehältern des Satelliten rund 450 Liter hochgiftiges Hydrazin geblieben waren. Washington beeilte sich, einen Plan zur Vernichtung der orbitalen „chemischen Bombe“ zu entwickeln.

    Das Pentagon schlug eine Lösung vor – den Satelliten mit einer gesteuerten SM-3-Rakete abzuschießen, die für die Vernichtung von Luftzielen, darunter ballistischen, sowie Sprengköpfen im Weltraum bestimmt ist. Die neuesten Modifikationen dieser Rakete bilden heute den Kern des globalen Raketenabwehrsystems der USA. Die Operation Burnt Frost wurde von George W. Bush persönlich gebilligt.

    Am 14. Februar veröffentlichten die US-Behörden eine offizielle Mitteilung über das Vorhaben, den USA-193 mit einer Abfangrakete abzuschießen, damit der Satellit nicht in die Atmosphäre gelangen konnte. Der Satellit hätte in einem dicht besiedelten Gebiet herunterkommen und mit einer giftigen Wolke ein Gebiet abdecken können, das zwei Fußballfelder groß ist. Es wurde beschlossen, das Ziel anzugreifen, wenn es auf 240 Kilometer sinkt.

    Aegis-System an Bord des US-Kampfschiffs

    In das Gebiet, wo die Rakete gestartet werden sollte, wurde der Kreuzer „USS Lake Erie“ geschickt, der mit Aegis-System ausgerüstet war. Der Mannschaft dieses Schiffs war es bereits gelungen, bei Tests Sprengkopf-Simulatoren mit SM-3-Abfangraketen abzuschießen. „Lake Erie“ erreichte das vorgesehene Gebiet und traf erfolgreich den „wilden Satelliten“, der mit einer Geschwindigkeit von bis zu 7,8 km/s unterwegs war. Die gesamte Operation dauerte rund drei Minuten. Wie das Pentagon später erklärte, wurde der Kraftstoffbehälter mit der gefährlichen Substanz völlig vernichtet, die Satellitensplitter verglühten innerhalb eines Monats in der Atmosphäre.

    Start des Raketenabwehrsystems SM-3 (Aegis-System) auf dem Raketenkreuzer „USS Lake Erie“ (Archiv)
    Start des Raketenabwehrsystems SM-3 (Aegis-System) auf dem Raketenkreuzer „USS Lake Erie“ (Archiv)

    Allerdings stimmten nicht alle der offiziellen Begründung der Operation Burnt Frost zu. Die russische Seite glaubte nicht an die Geschichte mit dem Hydrazin und beharrte auf der Version, dass die USA die SM3-Rakete auf den Satelliten lenkte, um daraus Schlüsse für den weiteren Ausbaus des Raketenabwehrsystems in Europa zu ziehen. China zufolge waren die Tests gegen Peking gerichtet. Ein Jahr zuvor, am 11. Januar 2007, hatte China mit einer Abfangrakete SC-19 erfolgreich einen kaputten Satelliten auf einer Höhe von rund 800 Kilometern abgeschossen.

    „Den USA und anderen Weltraummächten gefiel nicht, dass sich China solche Tests erlaubt“, sagte der Militärexperte Alexej Leonkow. „Es ging darum, dass die Höhe von 800 bis 900 Kilometern als so genannte Unsterblichkeits-Stelle gilt. Auf diesem Orbit gibt es fast keinen Weltraumschrott und ein dorthin gebrachter Satellit könnte ungehindert seine Kreise ziehen. Der chinesische Satellit zerfiel in 3000 große Splitter und weitere kleinere, also „vermüllte“ Peking einen sicheren Orbit. Allerdings bewies Peking, dass es solche Ziele in jeder Höhe vernichten kann“, so der Experte.

    Unterschied bei Herangehensweisen

    Heute können drei Staaten Satelliten abschießen – Russland, China und die USA. Allerdings hat bislang niemand ein vollwertiges funktionierendes Satellitenabwehr-System. Hauptaufgabe von Angriffskomplexen dieses Typs ist, die Kommunikationen des Gegners im Falle eines Kriegs zu verletzen. Experten zufolge würde ein Monat aktiver Kampfhandlungen mit dem Einsatz von Satellitenabwehrraketen ausreichen, um allen Seiten ihre Orbital-Gruppierungen zu nehmen.

    „Amerikanische und chinesische Abfangraketen funktionieren nach dem Prinzip eines kinetischen Schlags – das Ziel wird via Kollision vernichtet“, sagte Leonkow. „Der USA-193 bewegte sich in einer bestimmten Bahn, die den US-Militärs natürlich bekannt war. Die SM-3-Rakete wurde einfach auf den zuvor berechneten Ort des Zusammenstoßes abgefeuert. Jetzt befasst sich das Pentagon mit der Vervollkommnung der kinetischen Treffmittel und entwickelt ihre Manövrierfähigkeit. In diesem Fall würden sie die Flugaufgabe der Rakete nach dem Start korrigieren können. In Russland werden thermonukleare Atomsprengkörper als Satellitenabwehrwaffen genutzt. Ihr Vorteil ist, dass die ionisierende Strahlung und andere Faktoren bei einer Explosion im Weltraum nicht einen Satelliten, sondern eine ganze Gruppierung außer Betrieb setzen. Bereits seit dem Kalten Krieg setzen die Amerikaner auf einen massiven Start von Satellitenabwehrraketen, wir aber auf einzelne, jedoch stärkere Treffmittel“, sagte der Experte.

    Um welche russischen Raketen es genau geht, ist ein Geheimnis. Während Nachrichten über die Tests von neuen und aussichtsreichen Interkontinentalraketen relativ regelmäßig in der Presse auftauchen, verbreiten Militärs keine Informationen über Satellitenabwehrwaffen. Während des Kalten Kriegs entwickelte die Sowjetunion mehrere Programme.

    So wurde ein Weltraum-Jäger zur Vernichtung von Satelliten entwickelt, der angeblich ein orbitales Annäherungsmanöver absolvieren und das Ziel durch Sprengung des Sprengkopfes treffen sollte. Was moderne und aussichtsreiche Systeme angeht, tauchten in den Medien zuvor nur wenige Informationen auf, dass das Raketenabwehrsystem A-235 Nudol und vielleicht auch das aussichtsreiche Flugabwehrsystem S-500 Prometej gegen Satelliten eingesetzt werden könnten.

    „Die sehr hohe Effizienz solcher Waffen ist kein Geheimnis für das Militär der führenden Weltmächte“, sagte Leonkow. „Es ist nicht verwunderlich, dass in die Medien so wenig Informationen darüber auftauchen. Die Vernichtung einer orbitalen Gruppierung des Gegners würde seine Satellitenverbindung, die Möglichkeiten der Weltraumaufklärung und Navigationssysteme zerstören. Das ist ein kolossaler Schlag gegen die Kampffähigkeit moderner Armeen. Ohne Satelliten ist es unmöglich, Hochpräzisionswaffen einzusetzen, viel es schwieriger wird, Fliegerkräfte anzuwenden. In der Vergangenheit war bei den Amerikanern im Irak aus unbekannten Gründen das GPS-Navigationssystem ausgefallen, sie mussten zu Karten aus Papier greifen. Im Falle eines Kriegs gegen einen gleichstarken Gegner könnte das zu einer fatalen Entwicklung führen“, sagte der Experte.

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    Raketenabwehrsysteme, Killer, Satelliten, Rüstung, Raketenabwehrsystem SM-3, Kalter Krieg, Pentagon, Weltraum, China, Russland, USA