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    Zerstörte ukrainische Militärtechnik in Donbass (Archivbild)

    Kiews Armee verliert 10.000 Mann NICHT im Kampf – die Hintergründe

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    Politik
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    Eine Zahl, die stutzen lässt: Zwei bis drei Soldaten der ukrainischen Armee begehen jede Woche Selbstmord. Was aber verbirgt sich konkret hinter dieser Horror-Statistik?

    Wenn Soldaten nicht im Gefecht ihr Leben lassen, sondern aus anderen Gründen sterben – durch Unfälle zum Bespiel, Krankheiten oder eben Selbstmord –, sprechen Fachleute von „nicht-kriegsbedingten Verlusten“. Ganze drei Brigaden haben die Kiewer Streitkräfte inzwischen „nicht-kriegsbedingt“ verloren, sagte kürzlich der Chefermittler der ukrainischen Militärjustiz, Anatoli Matios.

    Dass die Statistik alarmierend ist, darauf verweist der Ermittler Matios seit langem: „Wir haben seit 2014 rund 10.000 nicht-kriegsbedingte Verluste: Verkehrsunfälle, Sauferei, Fahrlässigkeit im Umgang mit Waffen“, teilte er diesen Monat mit.

    „Ein eklatantes Beispiel: Da hat Einer, nachdem er was getrunken hatte, in einem Zelt mit 13 Kameraden eine Handgranate in den Heizofen geworfen. Warum auch immer. 13 Personen – einige tot, andere verletzt und entstellt.“

    Von den 10.000 seien 3.000 gestorben, die Anderen seien schwer verletzt, präzisierte der Strafverfolger. „Das sind alles in allem drei vollwertige Brigaden.“

    Der ukrainische Verteidigungsminister Stepan Poltorak widerspricht dem Chefermittler nicht: „So etwas kommt vor, wenn Menschen an Krankheiten sterben oder gegen Sicherheitsregeln verstoßen. Leider gibt es auch Fälle, wenn das Personal alkoholische Getränke zu sich nimmt.“

    Allerdings nennt das ukrainische Verteidigungsministerium ganz andere Zahlen, was die Verluste außerhalb von Gefechten angeht. Auf Anfrage hatte das ukrainische Oberkommando im Januar mitgeteilt, in der Ostukraine seien letztes Jahr insgesamt 98 Soldaten nicht-kriegsbedingt gestorben. Im Jahr davor seien es noch doppelt so viele gewesen: 200 Soldaten.

    Ausflüchte und Zahlentricks

    Die häufigste nicht-kriegsbedingte Todesursache ukrainischer Soldaten ist laut offiziellen Angaben der Selbstmord. Doch verlässliche, eindeutige Zahlen darüber sind weder beim Verteidigungsministerium noch beim Innenministerium zu bekommen: Die zuständigen Beamten geben teils widersprüchliche, teils stark voneinander abweichende Daten heraus.

    Der ukrainische Innenminister Arsen Awakow sagt etwa Folgendes:

    „Eine international gültige Norm besagt, dass 90 bis 95 Prozent der Soldaten, die an Kriegseinsätzen beteiligt waren, anschließend gesundheitliche und soziale Probleme haben. Bei rund einem Drittel wird das posttraumatische Syndrom diagnostiziert, das nicht selten zu Selbstmord führt.“

    Ukrainischer Präsident Petro Poroschenko besucht seine Truppen im Donbass (Archivbild)
    © Sputnik / Pressedienst des ukrainischen Präsidenten/ Mikhail Palintschak
    Allerdings ist auch das Motiv des Innenministers, eine derartige Erklärung abzugeben, allzu durchschaubar. Er muss ja Rechenschaft ablegen über die in der Ukraine grassierende Kriminalität. Wenn aber Tausende Männer am posttraumatischem Syndrom leiden und dazu noch unzählige Waffen aus den Armeebeständen illegal im Umlauf sind, kann der Minister seine Hände in Unschuld waschen.

    Für großes Aufsehen sorgte im März 2017 der ukrainische Chirurg Wiktor Lowga. Er leitet die Notfallchirurgie einer ukrainischen Armeeklinik. Lowga sagte, die offiziellen Stellen würden die wirkliche Zahl der toten Soldaten im Donbass-Konflikt absichtlich beschönigen: „Die Machthaber verheimlichen die wirklichen Verluste, um Panik zu vermeiden. Als ich in der Ostukraine im Einsatz war, wurde in der Presse, sagen wir, über fünf Verwundete berichtet, auf meinem OP-Tisch landeten aber zehn bis fünfzehn pro Tag.“

    „Saufen, Kotzen, Prügeln“

    Noch 2016 fragten sich ukrainische Medien, wie es denn zu derart hohen nicht-kriegsbedingten Verlusten in der Kiewer Armee kommen kann.

    Ein Soldat der 28. Brigade der ukrainischen Streitkräfte erzählte der Zeitung „Strana“ vom Alltag bei den Kiewer Truppen, die in der Ostukraine eingesetzt sind. An der Entflechtungslinie seien nur zehn Prozent der Soldaten im Einsatz, die anderen seien bei der Streitkräftebasis im rückwärtigem Gebiet stationiert.

    „Dort ist es wirklich schlimm. Da säuft jeder zweite, weil es langweilig ist und aussichtslos. Der Alltag sieht dort so aus: Saufen, Kotzen, aufeinander Einschlagen, wieder Saufen.“

    Ein ukrainischer Offizier bestätigte diese Version: „Wenn die offizielle Armeestatistik sagt, zehn Soldaten seien bei Granatbeschuss gestorben, dann kann man davon ausgehen, dass sieben von ihnen im Suff gestorben sind oder von den eigenen Leuten umgebracht wurden, aus Fahrlässigkeit.“

    Diesen Monat erst haben zwei ukrainische Marineinfanteristen nach einem Saufgelage vier ihrer Kameraden erschossen. Einige Soldaten sagten dem Portal „Vesti“, das Trinken gehöre bei der ukrainischen Armee zum Alltag. „Man muss bei der Armee endlich für Ordnung sorgen. Man hat den Eindruck, als hätte Kiew die Armee längst abgeschrieben.“

    Diese Missstände räumen die Verantwortlich natürlich nicht ein. Die Verluste, die durch das Chaos bei den ukrainischen Streitkräften entstehen, müssen sie trotzdem erklären.

    „Man kann eine ganze Menge als Selbstmord abtun“, erklärt Sergej Belaschko, Direktor einer Kiewer Kommunikationsagentur. „Man findet Soldaten mit gebrochenen Rippen, die sich angeblich erhängt haben. Oder auch Armeeangehörige mit acht Schusswunden, die sich angeblich selbst erschossen haben. Dass es in der ukrainischen Armee zu Gewaltexzessen kommt, erfährt die Öffentlichkeit immer mal wieder, wie zufällig. Und wenn die Wahrheit nicht ans Tageslicht kommt, dann teilen die offiziellen Stellen halt mit, die Soldaten seien heldenhaft gestorben, durch gegnerischen Angriff.“

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    Tags:
    Gründe, Nicht-Kampf-Verluste, Militärkampagne, Einsatz, Krieg, Verteidigungsministerium der Ukraine, Stepan Poltorak, Kiew, Volksrepublik Donezk, Volksrepublik Lugansk, Lugansk, Donezk, Ostukraine, Donbass, Ukraine