06:35 21 November 2018
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    Kriege beenden durch Musik statt Waffen? „Verrückte Formel, aber funktioniert“

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    Politik
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    Alexander Boos
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    Die Organisation „Nonviolent Peaceforce“ setzt sich in Konfliktregionen für den Schutz der Zivilbevölkerung und für Gewaltfreiheit ein. So sollen nachhaltig Friedensprozesse unterstützt werden. „Ich habe unsere Methoden kürzlich dem UN-Sicherheitsrat vorgestellt“, sagt die Direktorin der Organisation Tiffany Easthom im exklusiven Sputnik-Interview.

    „Wenn Zivilisten in einen kriegerischen, gewaltsamen Konflikt hineingezogen werden, kommen wir ins Spiel“, sagte Tiffany Easthom, Direktorin von „Nonviolent Peaceforce“ (NP), gegenüber Sputnik auf der „Münchner Friedenskonferenz“, wo die Konfliktforscherin eine Rede parallel zur Nato-Sicherheitskonferenz hielt. „Unsere Teams versuchen, in Krisenregionen über die Abgabe von Waffen Konfliktpotential herauszunehmen. Sie versuchen in Zusammenarbeit mit lokalen und internationalen Akteuren, Sicherheit und Frieden für betroffene Krisenregionen zu schaffen. Ohne dass Waffen benutzt werden. Wir wollen den betroffenen Menschen dort ihre Angst nehmen. Wir versuchen, etwas zu schaffen, was erst mal verrückt klingt: Wir nehmen Waffen in Kriegen weg und schaffen so Frieden.“ Und das funktioniere.

    Friedensfachkräfte im Einsatz

    „Momentan haben wir 250 bis 300 Mitarbeiter“, so die auf Sicherheitsfragen, Menschenrechte und völkerrechtliche Friedenseinsätze spezialisierte Juristin aus Kanada weiter. Es sei wichtig, als Nichtregierungsorganisation (NGO) zu arbeiten. „Das gibt uns eine gewisse politische Neutralität. Wir sind weder mit einer Regierung, noch mit einer politischen, religiösen oder weltanschaulichen Vereinigung liiert, sondern unabhängig. Das ist auch ganz wichtig, dass wir als neutraler Akteur in Krisenregionen reingehen. Wir haben ausgebildete Konflikt-Beileger, sogenannte Friedensfachkräfte. Dazu haben wir Juristen und Anwälte, die lange in Rechtsabteilungen von Unternehmen gearbeitet haben und jetzt für Gerechtigkeit kämpfen wollen. Wir haben Mediziner, Sozialarbeiter und viele mehr.“

    Einsätze in Krisenregionen: Naher Osten, Myanmar, Bangladesch

    Aktuell arbeite ihre Organisation in folgenden Ländern: „Auf den Philippinen sind wir bereits seit zehn Jahren. Dort arbeiten wir am Friedensbildungsprozess mit und überwachen den Waffenstillstand.“ Seit 1969 wollen sich auf der Inselgruppe kommunistische Rebellen kriegerisch abspalten. Erst 2017 wurde ein Waffenstillstand zwischen der Regierung in Manila und einigen Rebellengruppen geschlossen. Die Auseinandersetzung gilt als einer der am längsten andauernden Konflikte in Asien. Auch im asiatischen Krisenland Myanmar ist NP aktiv.

    „Unser größtes Programm ist im Süd-Sudan“, so Easthom. „Diese Region wird immer noch voll von Bürgerkrieg überzogen. Da sind wir sehr aktiv in den Bereichen Direkter Schutz und Gewalt-Reduzierung.“ Erst kürzlich wurde ein neues, allerdings noch ganz kleines Betreuungs-Team im Irak gebildet. Es gebe ein weiteres Projekt in Bangladesch. „Im Nahen Osten haben wir ein Team, das im Libanon stationiert ist und Syrern hilft. Dieses Team hat die schwerste Aufgabe überhaupt bei uns. Denn der Syrien-Konflikt ist geopolitisch aufgeladen, ein komplizierter Konflikt. Unser Job dort bedeutet, mit syrischen Zivilisten zu arbeiten, die nicht flüchten wollen, die in der Heimat bleiben wollen, die das Land aufbauen wollen. Die sich wirklich mit Syrien identifizieren. Sie nennen sich die Friedens-Generation. Das sind wirklich sehr, sehr ehrenwerte Ziele.“ Die Aufgabe von NP sei es, diese Menschen bei ihrem Ziel zu unterstützen und sie vor Gewalteinfluss zu schützen. Die NP-Mitarbeiter arbeiten direkt in den Kommunen. „Vor Ort, bei den Menschen.“

    NP-Direktorin Tiffany Easthom
    © Sputnik / Alexander Boos
    NP-Direktorin Tiffany Easthom

    Erfolge in Syrien: „Vor Ort den Menschen helfen“

    Die NP-Direktorin nannte ein Beispiel aus Syrien: „Eine dortige Region wurde stark in Mitleidenschaft gezogen durch andauernde Bombardierungen. Die Menschen dort kamen schnell zur Erkenntnis, dass die Bomben nicht gestoppt werden können. Aber sie erkannten, man kann den Umgang mit der Situation ändern: Was sind frühe Erkennungs-Signale für bevorstehende Bombenabwürfe? Wohin flüchtet die Gemeinschaft, wenn ein Angriff bevorsteht? Wie schützen wir Behinderte, Kinder, Mütter und Frauen bei solchen Angriffen? Wie kann da jeder wo anpacken? Um diese Fragen zu klären, deshalb sind wir da. Um Vertrauen aufzubauen.“

    Ein anderes Beispiel aus dem kriegsgebeutelten Land beziehe sich auf eine Region, in der ein Team im Bereich „Random Gun Fire“, (dt: Zufällige, unkontrollierbare Schüsse) arbeite. „Der Umgang mit Waffen ist in Syrien mittlerweile so alltäglich, dass in manchen Gegenden ständig Schüsse zu hören sind“, verriet die Kanadierin. „Leute feuern ihre Pistolen ab. Wenn sie sich ärgern, wenn sie wütend sind, wenn sie sich freuen. Egal aus welchem Grund. Und es ist natürlich klar, dass das in einer Gegend, die sowieso schon unter Krieg leidet, nur noch mehr Probleme schafft. Was hat unser Team dort gemacht? Wir haben uns auf Beerdigungsfeiern konzentriert. Wir begannen, Regeln für Gäste von Bestattungen zu formulieren: Jeder Besucher einer solchen Feier, auch bei Hochzeiten, muss seine Waffe abgeben. Unabhängig von Status und Rang. So konnten Schießereien auf Beerdigungen, früher oft ein Problem, massiv gesenkt werden. Das lief praktisch total einfach ab: Statt die Waffen zu gebrauchen, benutzte man Musikinstrumente – und spielte Musik in einer Band.“

    Zusammenarbeit mit der Uno

    Das klinge vielleicht simpel, aber bis es dazu kam, habe es monatelanger Gespräche mit diversen regionalen Clan-Führern in Syrien bedurft. „Diese mussten erst mal überzeugt werden“, sagte sie. Doch das gelang. „Jetzt ist Folgendes passiert: Unsere Maßnahmen waren so erfolgreich, dass nun auch benachbarte Regionen bei uns anfragen, wie wir die Beerdigungsfeiern befriedet haben. Wir gelten – auch und vor allem unter syrischen Stammesführern – als vorbildliches Projekt.“

    Mit 300 Mitarbeitern sei ihre Institution jedoch noch eine „winzige Organisation. Wir arbeiten daran, uns zu vergrößern. Aber wir denken nicht, einzige Institution kann allein Probleme lösen.“ Der Ansatz sei, vor Ort in Krisenregionen Graswurzel-Bewegungen zu unterstützen. Sprich: Mit lokalen politischen Akteuren und internationalen Organisationen wie der Uno zusammenzuarbeiten. „Wir versuchen, zwischen Entscheidern vor Ort zu vermitteln. Wir versuchen, die Stimmen der Kriegs-Opfer zu verstärken, tragen deren Sorgen an die politischen Entscheidungsträger heran.“

    Es gebe eine enge Kooperation mit der Uno. „Wir arbeiten häufig mit dem ‚Department of Peacekeeping Operations‘ zusammen. Auch mit dem UN-Sicherheitsrat. Ich hatte im Dezember die Gelegenheit, unsere Arbeit vor dem Sicherheitsrat vorzutragen.“ Auch in den UN-Generalsekretär António Guterres setze Easthom Hoffnungen, dass er dafür einstehe, dass die Staatenorganisation am Ziel einer gewaltfreien Welt festhalte.

    Easthom (links) zusammen mit Referenten auf der „Münchner Friedenskonferenz“. Zu sehen ist auch Franz Alt (rechts)
    © Sputnik / Alexander Boos
    Easthom (links) zusammen mit Referenten auf der „Münchner Friedenskonferenz“. Zu sehen ist auch Franz Alt (rechts)

    Viele NP-Mitarbeiter in Krisenregionen aufgewachsen

    „Sie müssen wissen“, verriet die NP-Direktorin, „eine Menge unserer Mitarbeiter sind in Krisenregionen aufgewachsen. Einige von ihnen haben auch Hilfe durch Organisationen wie unsere erhalten. Sie wollen jetzt was zurückgeben, haben natürlich den Vorteil, dass sie Gegebenheiten und Bedingungen in Konflikten kennen. Sie können ihre Erfahrung einfließen lassen und so den Menschen vor Ort besser helfen.“ Die Mission gehe weiter, sagte sie im Interview. Dabei gebe es auch Unterstützung durch prominente Vertreter der Weltpolitik. Neben dem Dalai Lama lobte erst kürzlich der Premierminister von Kanada, Justin Trudeau, die Organisation. „Wenn ich kein Politiker wäre, würde ich gern eine Friedensfachkraft sein“, wird er auf der NP-Homepage zitiert.

    „Es ist nicht wahr, dass Gewaltfreiheit dummes Zeug ist und sich nirgendwo bewährt hat“, sagte Franz Alt, renommierter Vertreter der Friedensbewegung, vor wenigen Tagen im Sputnik-Interview. In einem seiner Bücher nennt er „zwei US-amerikanische Wissenschaftlerinnen, die aufzeigen, dass im letzten Jahrhundert weit mehr Konflikte durch Gewaltfreiheit gelöst worden sind als durch Gewalt.“ Diese Untersuchungen gebe es heute.

    Die „Nonviolent Peaceforce“ (NP) wurde 2002 als internationale NGO in Neu-Delhi (Indien) gegründet. Sie hat ihren Hauptsitz in Brüssel. Die Institution ist eingebunden in ein Netzwerk aus über 65 Mitgliedsorganisationen aus aller Welt. Die Teams der NP sind international zusammengesetzt. NP wird auf Einladung aus den entsprechenden Ländern aktiv und arbeitet mit gewaltfreien Methoden daran, von Konflikten bedrohte Menschen zu schützen. Tiffany Easthom, die den Teams vorsteht, arbeitet als „Executive Director” in der weltweit größten Organisation, die unbewaffnete zivile Schutzprogramme durchführt.

    Das Radio-Interview mit Tiffany Easthom (Nonviolent Peaceforce) zum Nachhören:

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    Tags:
    Militarismus, Konflikt, Frieden, Münchner Sicherheitskonferenz 2018, Nichtregierungsorganisationen (NGO), Franz Alt, Myanmar, Philippinen, Sudan, Syrien