01:52 23 April 2018
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    Städtepartnerschaft-Konferenz in Moskau

    Deutsch-russische Städtepartner ziehen an einem Strang – trotz Stimmungsmache

    Sputnik/ Nikolaj Jolkin
    Politik
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    Nikolaj Jolkin
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    Auf eine mangelnde Finanzierung der deutsch-russischen Städtepartnerschaft hat der Vorsitzende des Bundesverbandes Deutscher West-Ost-Gesellschaften (BDWO) Peter Franke während einer Konferenz in Moskau, die dem Stand der kommunalen und regionalen Kooperationen zwischen den beiden Staaten galt, hingewiesen.

    „Was resultiert tatsächlich aus der Städtepartnerschaft?“, stellte Franke die Frage. „Wo wird Geld in die Hand genommen, damit die Bürgergesellschaft, aber auch die Städte und Gemeinden in dieser Arbeit unterstützt werden? Zumindest auf der deutschen Seite sehe ich nicht, dass es zum Beispiel Starterpakete gibt, um deutsch-russische Städtepartnerschaften in die Wege zu leiten. Die Gemeinden und Städte bleiben sich selbst überlassen, oder die Bürger, die aktiv werden, um sich dabei zu engagieren.“

    Für ihn wäre es wichtig, dass sich die Regierungen auf beiden Seiten spätestens nach dem aktuell laufenden Deutsch-Russischen Jahr der kommunalen und regionalen Partnerschaften überlegen, wie man die Bürgergesellschaft, aber auch die Gemeinden und Städte in dieser Arbeit unterstützen könne. „Es ist vor Ort nicht sehr einfach, Geld für Aktivitäten zu bekommen.“

    Das Image der Länder sei in den letzten Jahren im jeweils anderen Land nicht das beste gewesen, stellte Franke fest, und das mache es auch nicht einfacher für die Bürger, z.B. Geld bei der örtlichen Sparkasse bzw. örtlichen Unternehmen zu werben. Der BDWO-Vorsitzende hat beide Regierungen und Außenministerien aufgerufen, dieser Sache nachzugehen, sowie solchen Visa-Fragen wie Fingerabdrücken für Jugendliche, „die durch halb Russland reisen müssen, um in Visazentren, von denen es 15 gibt, ihre Fingerabdrücke abzugeben.“

    Das erleichtere den Jugend- und Schüleraustausch nicht, konstatierte Franke,  „obwohl von allen Seiten in offener Politik immer wieder gesagt wird, wir müssen auf der kommunalen Ebene weiterhin zusammenarbeiten, die Menschen kennen sich dort, da gibt es Vertrauensverhältnisse, und das hilft uns weiter.“ Der BDWO-Vorsitzende regte an, im Vorfeld der Fußball-WM in Russland Fan-Reisen von den Partnerstädten zu organisieren. Man müsse diese Weltmeisterschaft dazu nutzen, um für das Partnerland zu werben. „Man kann Public Viewing oder öffentliches Rudelgucken machen. Vielleicht ermöglicht das eine andere Sicht auf Russland.“

    Auf der Konferenz wurde auch darüber gesprochen, wie wichtig es sei, in der schwierigen Phase der Beziehungen zwischen Moskau und Berlin den Dialog auf regionaler und kommunaler Ebene weiter zu pflegen und zu intensivieren. Damit könne die Öffentlichkeit auch die Politik beeinflussen. Eine Konferenzteilnehmerin meinte, „die Stunde der Regionen und Kommunen“ sei gekommen.

    Gut einhundert Städte in Russland und Deutschland unterhalten partnerschaftliche Beziehungen zueinander. Zu keinem anderen Land der Welt pflegt Russland solche Beziehungen. Der Sonderbeauftragte des russischen Präsidenten für internationale Arbeit im Kulturbereich, Michail Schwydkoi, führte aus, dass „ungeachtet der antirussischen Stimmung der deutschen Medien, die mit der russischen Gefahr den Bundesbürgern Angst einzujagen versuchen, treten laut Umfragen über 70 Prozent der Deutschen für freundschaftliche Beziehungen zu Russland ein.“

    Der Politiker betonte, dass „gerade die Zivilgesellschaften unserer Länder die Lücken füllen und die Konflikte bewältigen können, durch die sich unser jetziges politisches Verhältnis auszeichnet.“ Schwydkoi führte Goethes Worte in dessen Diskussion mit Napoleon an, das Leben stehe über der Idee. „Tatsächlich ist das reale Leben reicher, vielfältiger und wichtiger als die steifen politischen Doktrinen.“

    Bernhard Kaster, Vorstandsmitglied des Deutsch-Russischen Forums, hob hervor, dass es von großer Bedeutung sei, alle denkbaren Dialog-Plattformen zu fördern, besonders regionale und kommunale Partnerschaften, wo man sich zu vielen Themen auf Augenhöhe begegne, und dass dieser Dialog politisch begleitet werden solle. „Ob eine Partnerschaft lebt, hängt entscheidend davon ab, welche Menschen dahinterstehen, und wie sie dies politisch begleiten.“

    Die Vorstandsvorsitzende der Stiftung West-Östliche Begegnungen, Jelena Hoffmann, sprach vielen Konferenzteilnehmern aus dem Herzen, als sie sagte: „Wir treten der Russophobie, die zurzeit in der westlichen Welt, auch in Deutschland herrscht, entgegen und trotzen ihr. Keine Sanktionen können die deutsche und die russische Zivilgesellschaft auseinanderbringen.“

    Wolfgang Spelthahn, Landrat des Kreises Düren (Nordrhein-Westfalen), der die Partnerschaft mit dem Moskauer Vorort Mytischtschi seit Jahren pflegt und wo 2019 die bereits XV. Deutsch-Russische Städtepartnerkonferenz stattfindet, berichtete mit Freude, dass es dort diesbezüglich völlige politische Einmütigkeit gebe: „Der gesamte Kreistag, von der Linken bis zur CDU und SPD, alle fünf Fraktionen, haben dem zugestimmt. Neben Fußball haben wir auch einen pragmatischen Teil der Partnerschaft gewählt, indem wir einen Ärzte- und Feuerwehraustausch gemacht haben. Außerdem haben wir junge Menschen zusammengebracht.“

    Und noch ein Detail: Ein Lehrer aus Düren lebt ihm zufolge seit einem halben Jahr in Mytischtschi und versucht dort mit Erfolg, an drei Gymnasien den Deutschunterricht zu implementieren. Spelthahn fügte hinzu: „Wir haben es geschafft, nachdem es jahrelang in Düren keinen Russischunterricht gab, jetzt in zwei Gymnasien feste Russischkurse zu etablieren, damit auch der Schüleraustausch boomt. Und nicht nur das. Es sind sich in den letzten sieben-acht Jahren viele Hundert Menschen aus Deutschland und Russland begegnet.“

    Der Landrat wolle sich nicht so sehr mit der großpolitischen Wetterlage beschäftigen, „aber die Menschen fragen, warum können wir nicht die Visafreiheit lockern, warum ist es immer so kompliziert, wenn man nach Russland reisen will, Krankenkassenbescheinigung einzubringen etc., warum kann das nicht vereinfacht werden, um den menschlichen Dialog noch zu verstetigen?“