08:35 26 September 2018
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    Russlands Botschaft in Berlin

    Russland und der Westen – Die multipolare Welt braucht kein Lehrer-Schüler-Verhältnis

    © Sputnik / Igor Zarembo
    Politik
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    Andreas Peter
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    Das Verhältnis Russlands zur westlichen Staatengemeinschaft ist momentan nicht das erfreulichste. Es ist, neben tiefem Misstrauen, vor allem von einem grundlegenden Meinungsunterschied darüber geprägt, ob die Beziehungen wirklich fair und auf gleicher Augenhöhe stattfinden. Alexander Rahr vom Deutsch-Russischen Forum mahnt eine neue Weltordnung an.

    Eine neue Weltordnung zu fordern, ist heutzutage immer der Garant dafür, umgehend im Westen in Verdacht zu geraten, expansive Weltherrschaftspläne zu verfolgen. Erst recht, wenn diese Forderung aus russischer Perspektive geäußert wird. Nur eines von vielen Missverständnissen. Manchmal bewusst, manchmal unbewusst. In jedem Fall aber haben diese Missverständnisse damit zu tun, dass „der Westen“ der Ansicht ist, in der Position der moralischen Instanz zu sein, die den Daumen heben oder senken kann über andere Staaten, andere Sichtweisen, andere Interessen, andere Verständnisse davon, wie eine Gesellschaft organisiert sein sollte. Geht es nach dem Westen, dann existiert nur eine Weltordnung, nämlich die eigene, nach der sich alle anderen gefälligst zu richten haben. Alexander Rahr nennt das ein Lehrer-Schüler-Verhältnis.

    Andere Kulturnationen haben es satt, vom Westen erzogen zu werden

    Für den langjährigen Beobachter der deutsch-sowjetischen und deutsch-russischen Beziehungen steht fest, die Zeit ist überreif für eine neue Weltordnung, wie er im Gespräch mit Sputnik erläutert. Mit den üblichen Verdächtigungen, hierbei handele es sich um russische Allmachtsphantasien, hält er sich dabei erst gar nicht auf: „Ich sage das als jemand, der natürlich lieber in einer Demokratie lebt oder einem Rechtssystem als in einer Diktatur oder in einer halbautoritären Welt. Auf der anderen Seite muss man sehen, dass große Kulturnationen, die eine Geschichte haben, die der des Westens bestimmt nicht unterlegen ist, es auf die Dauer satthaben, erzogen zu werden.“

    Und Russland sei dabei ja kein bedauerlicher Einzelfall. Der Westen neige nach Ansicht von Rahr seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion grundsätzlich dazu, anderen Völkern das eigene politische System als alternativlos überstülpen zu wollen: „Ich weiß auch nicht, mit wem man das vergleichen kann. Es hat damit etwas zu tun, dass ein bestimmter Teil der Welt, man kann ihn die Goldene Milliarde oder den siegreichen Westen im Kalten Krieg nennen, glaubt oder den Anspruch hat, die ganze Welt, ich betone, die ganze Welt nach seinem Gesetz, nach seinem Regelwerk zu formieren.“

    US-Panzer M1A2 Abrams (Archivbild)
    © Foto : U.S. Army Photo by Sgt. 1st Class Jeremy J. Fowler
    Selbst schwerste Kollateralschäden dieser Missionierungsversuche, wie etwa sogenannte gescheiterte Staaten wie Somalia oder Libyen, blutige Bürgerkriege, die massive Flüchtlingsströme auslösen oder die Kreierung von Terrororganisationen, die schnell und regelmäßig ein Eigenleben entwickeln, können den Westen nicht dazu bewegen, innezuhalten und über die eigenen Positionen zu reflektieren. Und schon gar nicht scheint der Westen in der Lage oder willens zu sein, andere Sichtweisen und Lösungsansätze zu akzeptieren. Die Haltung des Westens sei abgehoben, sagt Rahr, weshalb er auch verstehe, warum sich immer mehr Staaten und Regionen diesem Gesinnungsterror zu entziehen suchen: „So wie miteinander gesprochen wird, von oben herab, über Jahre hinweg, ist etwas, was viel mit Demütigung zu tun hat. Es erzeugt Missgunst, es erzeugt zunächst Unverständnis, aber heute Aggressionen zwischen Völkern, zwischen Staaten.“

    Die Welt braucht eine neue Plattform der Ebenbürtigkeit der Staaten

    Weshalb die Welt eine neue Ordnung brauche, so Alexander Rahrs Mahnung. Er weiß, dass eine solche Vision dem Westen schwerfalle, denn eine neue Weltordnung müsse auf Ebenbürtigkeit gegründet sein: „Eine Ebenbürtigkeit in Form einer neuen Organisation oder einer neuen Plattform, einer anderen als die Münchener Sicherheitskonferenz, wo der Westen dominiert. Wo Dinge anders besprochen und angegangen werden, wo man sich wieder anfängt zuzuhören, weil, wir sind vom Zuhören völlig abgerückt. Wir reden ja völlig aneinander vorbei und behandeln den Anderen, als ob er Propagandist sei mit seiner sogenannten Wahrheit. Das geht nicht.“

    Deutschland ist die westliche Nation, die noch einen Ausgleich mit Russland will

    Deutschland komme bei dieser Neujustierung der Beziehungen des Westens zu Russland nach Meinung von Alexander Rahr eine besondere Rolle zu, denn Deutschland sei die westliche Nation, die noch immer an einem Ausgleich interessiert sei, während andere Staaten längst auf die direkte Konfrontation mit Russland eingeschwenkt seien. Allerdings stehe sich Deutschland selbst im Weg. Schuld ist aus Sicht von Alexander Rahr die derzeitige Konstruktion und Konstitution der Europäischen Union. Selbst wenn Deutschland das Glück widerfahren würde, neue Visionäre vom Kaliber Willy Brandts und besonders Egon Bahrs zu bekommen, Berlin könnte mit diesem Glücksfall derzeit gar nichts anfangen: „Deutschland hat in der Außenpolitik weniger Souveränität als damals als besetztes Land. Und zwar deshalb, weil wir alles an Brüssel abgegeben haben, und wir finden das auch noch Klasse. Vielleicht ist an einem schönen großen europäischen Projekt ja nichts auszusetzen, wirtschaftlich hat es ja vielen Menschen doch viel Positives gebracht. Aber wir haben aufgrund dieser Souveränitätsweggabe kaum eine Möglichkeit, deutsche Interessen in der Aussen- und Sicherheitspolitik zu vertreten, die aber dringend notwendig sind, um den Ausgleich zu Russland zu schaffen.“

    Keine direkte Kriegsgefahr zwischen Russland und dem Westen, aber…

    Eine Kriegsgefahr zwischen dem Westen und Russland, wie sie derzeit immer wieder beschworen wird, sieht Alexander Rahr nicht. Schon gar nicht hinsichtlich eines atomaren Schlagabtauschs. Da herrsche nach wie vor nüchterne Einsicht bei den Eliten, dass ein Atomkrieg nur Verlierer kenne. Aber das heißt nicht, dass nicht an anderen Orten des Planeten immer wieder militärische Auseinandersetzungen aufflammen können: „Die Gefahr sehe ich schon, dass im Kampf für die Erhaltung der unipolaren Welt einerseits und dem Kampf anderer Mächte gegen diese unipolare Welt und für den Aufbau einer multipolaren Welt, es tatsächlich zu schwerwiegenden Konflikten kommen kann. Zu Wertekonflikten, teilweise zu Regionalkonflikten, wie in Syrien heute, wo wir sehen, dass verschiedene Akteure dort nicht nur Stellvertreterkriege führen, sondern sich auch in die Haare geraten können.“

    Das Erstarken neuer Mächte und die offenkundige Schwächung ehemals unumschränkter Mächte erfordere die Konzeption einer neuen Weltordnung. Oder, wie Rahr laut nachdenkend sagt, vielleicht sei es gerade wieder Zeit, dass aus etwas Altem Neues entstehe und erinnert dabei an historische Vorbilder wie den Wiener Kongress oder die Konferenz von Jalta, die Zäsuren in der Weltgeschichte setzten, die für lange Zeit galten. Der wesentliche Unterschied zu damals besteht darin, dass wir noch in friedlichen Zeiten leben und eine neue Weltordnung nicht unter dem Tabula Rasa Druck eines Krieges konzipiert werden muss.

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    Tags:
    Weltordnung, Lehrer, Schüler, Beziehungen, Diktatur, Demokratie, Alexander Rahr, Westen, Deutschland, Russland