05:19 22 Juni 2018
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    Russlands Präsident Wladimir Putin während Verleihungszeremonie der Soldaten, die im Syrien-Konflikt teilgenommen haben (Archiv)

    Russlands Rolle im Nahen Osten während der „gefährlichsten Zwischenphase“

    © AFP 2018 / irill KUDRYAVTSEV / POOL
    Politik
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    Im Nahen Osten strebt Russland weder die einstige Rolle der Sowjetunion noch die der Vereinigten Staaten an, unterstreicht der russische Auslandsexperte Fjodor Lukjanow.

    Im Hinblick auf die jüngste Nahost-Konferenz des Expertenforums Waldai schreibt Lukjanow in einem Gastbeitrag für die „Rossijskaja Gaseta“, das Ziel der Organisatoren habe darin bestanden, über Russlands Absichten in der Region aufzuklären.

    „Russlands Vorgehen im Syrien-Konflikt ließ die Aufmerksamkeit für Moskaus Politik im Allgemeinen drastisch zunehmen. Weder Sympathisanten noch Opponenten bestreiten die Tatsache, dass ausgerechnet Russland derzeit bei den wichtigsten regionalen Vorgängen maßgeblich mitwirkt“, so Lukjanow.

    Er stellt fest: „Manche im Nahen Osten sind der Meinung, dass Russland dort eine neue Sowjetunion werden wolle und erneut die Nische einer ‚Alternative zu Amerika‘ anstrebe, die die UdSSR in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eingenommen hatte. Eine noch kühnere Vermutung besteht darin, dass Russland die Rolle der USA aus der Zeit nach dem Kalten Krieg spielen wolle – als einziger Ordner und Patron des Nahost-Raums.“

    „In Wirklichkeit lockt weder die eine noch die andere Rolle Russland“, postuliert der Experte. Zwar sei Moskau tatsächlich darauf aus, sein internationales Gewicht zu erhöhen und eine bedeutendere Rolle in der Weltpolitik zu spielen – zumal sein Renommee dank des resoluten Syrien-Militäreinsatzes und der gekonnten Diplomatie stark geschürt worden sei. Doch es gebe auch begrenzende Faktoren.

    „Wichtig ist die Frage nach den vorhandenen Ressourcen und nach der Zweckmäßigkeit ihres Einsatzes. Am wichtigsten ist es jedoch, sich darüber im Klaren zu sein, dass sich die Probleme der Region nicht in absehbaren historischen Fristen lösen lassen: Jeder, der riskiert, diese Bürde auf sich zu nehmen, wird sich selbst zu einem garantierten Scheitern verurteilen“, warnt Lukjanow.

    „Die spezifische Haltung der USA, die ihre Nahost-Präsenz im Grunde genommen abbauen und nur einzelne Positionen für alle Fälle behalten, zeugt davon, dass sie dies einsehen“, heißt es in dem Kommentar.

    Die Nahost-Region sei erst in die Phase einer grundlegenden Umgestaltung eingetreten: „Es verschwindet jene Konstruktion dieses Teils der Welt, die im 20. Jahrhundert auf dem Fundament der zerfallenen Reiche errichtet worden war. Ein neues Design wurde noch nicht entworfen. Mit anderen Worten handelt es sich derzeit um die gefährlichste Zwischenphase zwischen dem praktisch nicht mehr funktionierenden Alten und dem noch nicht funktionierenden Neuen.“

    Man sollte laut Lukjanow also darauf hinarbeiten, einen endgültigen Einsturz zu verhindern und Modelle von etwas Künftigem aufzubauen: „Das klingt vielleicht schnörkelig, Russland versucht jedoch, ausgerechnet in diesem Sinne zu handeln. Das Schaffen von etwas wirklich Neuem wird unbedingt beginnen – aber schon in einer anderen Welt, denn nicht nur der Nahe Osten ist im Wandel begriffen, sondern auch alles um ihn herum.“

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    Tags:
    Alternative, Präsenz, Konflikt, Syrien-Regelung, Kalter Krieg, Naher Osten, Syrien, USA, Russland