00:11 26 April 2018
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    Donbass-Einwohnerin im Keller ihres Hauses, das während des Beschußes gefährdet wurde

    Andreas Maurer (Linke) im Donbass: Europa hat die Menschen dort im Stich gelassen

    © Sputnik / Waleri Melnikow
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    Armin Siebert
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    Andreas Maurer, Russlanddeutscher und Fraktionsvorsitzender der Linken im niedersächsischen Quakenbrück hat gemeinsam mit norwegischen Politikern die nicht anerkannte Donezker Volksrepublik in der Ukraine besucht. Der Lokalpolitiker, der sich auch für die Anerkennung der Krim als Teil Russlands einsetzt, fordert Hilfe für die Menschen im Donbass.

    Herr Maurer, Sie haben die selbsternannte Donezker Volksrepublik in der Ostukraine besucht. Wo sind Sie überall gewesen? Und wen haben Sie getroffen?

    Wir waren zuerst in Donezk – eine Weltstadt, eine Metropole, würde ich sagen. Wir haben direkt neben dem Stadion gewohnt. Noch 2012 wurde dort die Fußball-Europameisterschaft ausgetragen. Das war der erste Einblick. Hier findet mehr oder weniger normales Leben statt, und dann fährt man vier Kilometer weiter, zur Frontlinie, und da herrscht Krieg. Wir haben mit dem Präsidenten der Volksrepublik, Herrn Sachartschenko, gesprochen, wir haben sehr intensive Gespräche geführt hinter verschlossenen Türen. Und dann sind wir spontan mit ihm in seinem Fahrzeug an die Frontlinie gefahren, und zwar im Bereich des alten Flughafens. Und dort, auf dem Weg zum Flughafen, haben wir komplett tote und zerschossene Stadtteile gesehen. Das war für uns ein Schock. Wir konnten fast nirgendwo aussteigen.

    Die Scharfschützen schießen da noch. Aber trotzdem, im Nachhinein würde ich sagen, dass das vom Risiko her eigentlich zu groß war, wir haben direkt am Flughafen vor diesem neunstöckigen Gebäude angehalten und sind vielleicht für drei, vier Minuten rausgegangen. Es war wirklich ein Bild, das uns da geboten wurde, das war furchtbar. Ich habe schon gedacht, wenn man Aufnahmen für einen 2. Weltkriegs-Film drehen will, braucht man nichts machen, fährt man einfach dort hin und man hat da die ganze Kulisse. Das ist wirklich schrecklich. Der ganze Boden ist voller Patronen und Hülsen. Sogar die Bäume, man konnte das sofort sehen, die Bäume sind alle ausgetrocknet, weil, wurde uns gesagt, fast in jedem Baum bis zu zwei, drei Kilo Metallhülsen von Geschossen stecken. Da kann man sich vorstellen, was sich dort abgespielt hat.

    Haben Sie auch die Möglichkeit gehabt, mit einfachen Menschen vor Ort zu sprechen?

    Ja, das haben wir. Am zweiten Tag sind wir Richtung Gorlowka gefahren, das ist die zweit- oder drittgrößte Stadt der Donezker Volksrepublik. Spätestens da habe ich gewusst oder verstanden: Hier ist kein Konflikt, hier ist Kriegsgebiet. Wir mussten oft die Route ändern, weil dort ständig Beschuss vorgenommen wurde. Wir sind dann in das Dorf Saizewo gekommen. Und es war für mich unverständlich, dass dort in diesem Dorf Menschen leben. Besonders erschreckend war, dass noch über 200 Kinder in diesem Ort leben. Und vor unserem Ankommen und danach lag dieses Dorf ständig unter Beschuss. Ich habe kein einziges Haus gesehen, das nicht irgendwie getroffen war.

    • Andreas Maurer, Russlanddeutscher und Fraktionsvorsitzender der Linken(L) und Chef der selbsternannten Volksrepublik Donezk Alexander Sachartschenko
      Andreas Maurer, Russlanddeutscher und Fraktionsvorsitzender der Linken(L) und Chef der selbsternannten Volksrepublik Donezk Alexander Sachartschenko
      © Foto : Andreas Maurer
    • Andreas Maurer während Donbass-Besuch
      Andreas Maurer während Donbass-Besuch
      © Foto : Andreas Maurer
    • Verlassene Häuser im Donbass
      Verlassene Häuser im Donbass
      © Foto : Andreas Maurer
    • Verlassene Häuser im Donbass
      Verlassene Häuser im Donbass
      © Foto : Andreas Maurer
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    © Foto : Andreas Maurer
    Andreas Maurer, Russlanddeutscher und Fraktionsvorsitzender der Linken(L) und Chef der selbsternannten Volksrepublik Donezk Alexander Sachartschenko

    Alle Fenster sind zugemacht mit Brettern. Ich hatte sowas noch nie im Leben gesehen. Ganze Straßen menschenleer. Die Leute sitzen in ihren Häusern, in Kellern. Wir haben die Möglichkeit gehabt, mit Leuten zu sprechen, ich glaube, 80 Prozent sind ältere Menschen, wirklich über 60, 70 Jahre, die niemanden haben, nirgends hingehen können, und eben 20 Prozent sind Durchschnittsbevölkerung. Wir haben mit der Bürgermeisterin dort gesprochen. Ich will jetzt bewusst den Namen nicht nennen. Das ist wirklich so schwierig, das zu begreifen, dass wir ein Stück Krieg gesehen haben und dort ganz nah dabei waren.

    Die Menschen sind sicherlich müde und verzweifelt aufgrund des Krieges. Wie stellen sich denn die Menschen die Zukunft vor?

    Der Präsident hatte die Anweisung gegeben, dass wir alles sehen dürfen, was wir wollen. Und das wurde auch befolgt. Für uns wurde nichts extra ausgesucht. Wir sind in Kinderheimen gewesen, wir haben Schulen besucht. Diese Menschen werden dort nicht weggehen, diese Menschen werden ihren Ort, ihre Region, ihr Land dort verteidigen, das haben wir mitgenommen. Jetzt im April werden es vier Jahre, seitdem dieser Krieg dauert. Und die Menschen dort sagen sogar, im Zweiten Weltkrieg hätten sie nicht so viel leiden müssen.

    Die Botschaft in den Gesprächen mit den Menschen auf der Straße, aber auch mit den offiziellen Vertretern war: Das kann man nur am Verhandlungstisch lösen und nur mit Beteiligung der örtlichen Regierung. Wir waren überrascht, dass die ganze Infrastruktur, Regierung, Steuern – praktisch alles funktioniert. Da ist quasi in den letzten Jahren ein eigenes Land entstanden. Aber die Menschen sind müde und wollen in Frieden leben. Mich hat auch beindruckt, dass, wenn ich mit den Menschen gesprochen habe, ich gesehen habe, dass es zwar einen Hass auf die Kiewer Regierung, aber keinen Hass gegen die ukrainische Bevölkerung gibt. Die Menschen sagen, drei Kilometer weiter leben unsere Verwandten oder Freunde, wir haben sehr gut mit denen gelebt, wir wollen wieder Kontakt haben, aber wir wollen in Frieden leben. Man macht aber auch Europa den Vorwurf, dass man sie im Stich gelassen hat.

    Herr Maurer, nun ist so eine Reise in die Ostukraine nicht nur persönlich gefährlich, sondern auch politisch umstritten. Gab es denn jetzt schon Reaktionen auf diese Reise, zum Beispiel aus der Ukraine?

    Ich habe das noch nicht so richtig ausgewertet. Irgendwo habe ich gelesen, dass der ukrainische Außenminister sich wieder an die Bundesrepublik Deutschland gewandt hat. Ich glaube, die Politik da ganz oben weiß, was da läuft, dass da schwerwiegende Kriegsverbrechen geschehen. Und was mich besonders besorgt, ist, dass die Menschen dort wirklich mit einer starken kriegerischen Auseinandersetzung rechnen. Es ist schon erschreckend, dass man in ein Kinderheim kommt und das Personal dort quasi bewaffnet ist, dass die wirklich damit rechnen, dass Kiew diese Situation mit Gewalt lösen wird.

    Andreas Maurer während Donbass-Besuch
    © Sputnik / Igor Maslow
    Andreas Maurer während Donbass-Besuch

    Ich habe die Frontlinie besucht, ich habe auch mit Soldaten der jetzt offiziellen Armee der Republik gesprochen. Wir sind wirklich viel rumgefahren, und wir haben keine russischen Panzerdivisionen dort gesehen, was oft hier im Westen geschrieben wird, und haben kein schweres Gerät gesehen. Die Menschen dort an den Verteidigungslinien sind alles Einwohner, die irgendwo in Gorlowka Familie und Kinder haben. Wenn es da zum Krieg oder zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung kommt – ich kann mir gar nicht vorstellen, wie viele Verluste und was das bedeuten würde. Deswegen müssen Europa und Deutschland jetzt alles tun, damit man das friedlich löst. Und ich glaube, die Menschen sind mittlerweile nicht nur müde, sondern sie erwarten, dass endlich irgendwann dieser ganze Krieg, dieser schreckliche Krieg zu Ende geht.

    Das komplette Interview mit Andreas Maurer zum Nachhören:

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    Tags:
    Leben, Besuch, Hass, Bevölkerung, Beschuss, Die LINKE-Partei, Andreas Maurer, Alexander Sachartschenko, Donbass, Deutschland, Ukraine