13:57 21 Juli 2018
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    Freiwillige Helfer an der Essener Tafel, die zuvor mit Nazis-Aufschriften angefeindet worden war

    „Deutschland trifft Realität“: Professor zu Rassismus-Vorwürfen gegen Wohltätigkeit

    © REUTERS / Martin Meissner
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    Die Essener Tafel ist eine gemeinnützige non-Profit-Organisation, die Armen und Obdachlosen Essen zur Verfügung stellt. Zuletzt musste sie einen Aufnahmestopp für Ausländer ausrufen – und wurde auf das Heftigste kritisiert. In einem Interview für Sputnik hat Prof. Werner Patzelt die Grundzüge des deutschen Diskurses zur Flüchtlingskrise analysiert.

    Die Essener Tafel ist eine Wohltätigkeitsorganisation, die uneigennützig Nahrungsmittel an Arme und Obdachlose verteilt. Zuletzt musste sie jedoch einen Aufnahmestopp für Ausländer ausrufen – vor allem ältere deutsche Hilfsbedürftige fühlten sich von den ausländischen Männergruppen bedrückt.

    Die Reaktion war verheerend: Die gemeinnützige Organisation wurde als „Nazis“ verunglimpft, ihre Einrichtungen wurden mit Graffitis beschmiert und Mitglieder beschimpft.

    Der Geschäftsführer der Organisation, Jörg Sartor, wehrte sich gegen die Anfeindungen und erklärte, dass die Essener Tafel trotz all der Übergriffe und Anfeindungen weiterhin ihre Tätigkeit fortsetzen werde. Alle Anschuldigungen über angebliches „Nazi-Denken“ stritt er konsequent ab.

    Im Zusammenhang mit den bespiellosen Vorwürfen gegenüber der Wohltätigkeitsorganisation hat Sputnik International mit Prof. Dr. Werner J. Patzelt gesprochen, einem der führenden Experten im Bereich der politischen Kommunikation und Politikwissenschaftler an der Technischen Universität Dresden (das Interview wurde auf Englisch geführt).

    Der Politikwissenschaftler betonte gegenüber Sputnik, dass die öffentliche Reaktion auf die Entscheidung der Essener Tafel „unverhältnismäßig“ sei und es keine „ernsten und rationalen Gründe für diese Reaktion“ gebe.

    Die Entscheidung der Tafel, keine Ausländer mehr in die Essensvergabe aufzunehmen, habe nur damit zusammengehangen, dass sich ältere deutsche Hilfsbedürftige von ihnen bedroht gefühlt hätten.

    Sie hätten also lediglich „ihren Auftrag erfüllt, hilfsbereit für arme Deutsche zu sein“.

     

    Deutschland trifft auf reale Konsequenzen

    Die deutsche Gesellschaft tritt nun laut dem Professor in eine Phase ein, wo sie die realen Konsequenzen und Auswirkungen der gewaltigen Immigration in den Jahren 2015-2016 beginne zu verspüren.

    Gerade kleinere Ortschaften würden nun wegen der gewaltigen Anzahl an Flüchtlingen mit „Änderungen im Alltagsleben“ konfrontiert werden, die man zuvor noch nicht vor Augen gehabt habe.

    „Es ist einfach so, dass Deutschland nun die Realität trifft, welche in der Situation um die Essener Tafel zum Ausdruck kommt“, betont der Politikwissenschaftler.

    Dies werde nur das erste Beispiel dieser Art sein, weitere ähnliche Vorfälle würden auch weiter in verschiedenen Politikfeldern auf das Land zukommen.

    Erheblich habe sich zudem sowohl die reale Sicherheitslage als auch die Wahrnehmung der Sicherheitslage verändert.

    „Wir haben ein erhebliches Ansteigen der Ausländerkriminalität (…), und das bleibt nicht in der deutschen Bevölkerung nicht ungespürt“, betont Patzelt.

    Ein weiteres Problem sei die Wohnsituation, die ohnehin gerade in den deutschen Großstädten keine leichte sei. Durch die große Anzahl an neu Zugezogenen, die auch beheimatet werden müssten, sei diese noch kritischer geworden.

    „Und drittens (…) sind das die gewaltigen Haushaltsausgaben, um Flüchtlingen bei verschiedensten Sachen zu helfen. Dieses Geld ist natürlich nicht verfügbar, um die deutsche öffentliche Infrastruktur zu verbessern“, so Patzelt weiter.

    Deutsche Innenpolitik vor großen Umbrüchen

    Dies alles wird laut dem Professor in den kommenden Jahren „dramatisch die deutsche Innenpolitik verändern“.

    Gleichzeitig merkt der Wissenschaftler an, dass es einen erheblichen Unterschied zu anderen Staaten gebe, die ebenfalls mit einer großen Welle an Migration konfrontiert seien – zum Beispiel Schweden und Großbritannien.

    Beide Staaten würden trotz erheblicher finanzieller Hilfen an die Migranten „weiterhin ihre nationalen Interessen definieren, während in Deutschland die Vorstellung von nationalen Interessen als solches als etwas Inakzeptables aufgefasst wird“.

    Für viele würden nämlich nationale Interessen schnell mit Nationalismus und Nationalsozialismus in Verbindung gebracht.

    Daher dominiere im deutschen politischen Diskurs die Idee des fast schon bedingungslosen Willkommens für Flüchtlinge als eine Art Rückzahlung für die Sünden der Nazi-Vergangenheit.

    „Aber jetzt wird das Überdehnen der deutschen Ressourcen offensichtlich, und ich sehe große Schwierigkeiten auf unseren öffentlichen politischen Diskurs zukommen. Ich vermute eine starke Polarisierung der deutschen Gesellschaft in den nächsten Jahren als Folge der gut gemeinten, aber nicht gut durchgeführten Migrationspolitik der Bundesregierung, die vor ein paar Jahren angestoßen wurde“, betont der Wissenschaftler.

    Insgesamt setzt sich laut Patzelt nun die Meinung durch, dass die Bundesregierung Deutschland eine zu hohe Last bei der Flüchtlingskrise auferlegt habe. Viele würden jetzt eine Änderung der deutschen Einwanderungspolitik wollen sowie auch das Eingestehen seitens der Bundesrepublik fordern, dass in der Vergangenheit große Fehler gemacht wurden.

    „Wenn die Bundesregierung nicht klarmacht, dass die Einwanderung nach Deutschland begrenzt ist und dass diejenigen, die nicht in Deutschland bleiben dürfen, in ihre Herkunftsländer zurückgebracht werden, wird es einen Anstieg der rechtspopulistischen Bewegungen in Deutschland und noch weniger Regierungsstabilität geben“, so der Politikwissenschaftler abschließend.

    *Die von Werner Patzelt geäußerten Ansichten und Meinungen sind die des Redners und spiegeln nicht unbedingt die Position der Redaktion wider.

    /NG/SB

     

     

     

     

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    Tags:
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