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02:29 21 September 2019
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    Am Morgen nach dem Reichstagsbrand 1933

    Ein Täter, Dutzend Brandherde: Der Reichstagsbrand und Hitlers Griff nach der Macht

    CC BY-SA 3.0 / Das Bundesarchiv / Berlin, Reichstagsbrand
    Politik
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    Frühjahr 1933: Mitten im alles entscheidenden Wahlkampf geht das Reichstagsgebäude in Berlin in Flammen auf. Der Täter ist schnell gefasst und ebenso schnell verurteilt und hingerichtet. Was bleibt, sind jedoch offene Fragen zum Tathergang, die auch die Alleinschuld des verurteilten Brandstifters unplausibel erscheinen lassen.

    Unzählige Berliner eilten am 27. Februar 1933 auf die Straße, um es mit eigenen Augen zu sehen: Der Reichstag brennt! Die Nachricht machte in Windeseile die Runde, schreibt das Portal RT. Unter den Schaulustigen tauchen auch Vertreter der NSDAP auf, deren Führer Adolf Hitler einen Monat zuvor zum Reichskanzler ernannt worden war.

    Um circa 22 Uhr wird die Berliner Feuerwehr alarmiert. Eineinhalb Stunden lang kämpfen die Löschmeister gegen die Flammen. Retten können sie nicht mehr viel, der Plenarsaal des Reichstags ist vollständig vernichtet.

    Am Morgen nach dem Brand erklärte Hitlers engster Gefährte Joseph Goebbels, ohne die Ergebnisse der Brandursachenermittler abzuwarten, Schuld am verheerenden Brand seien die Kommunisten. Damit hätten sie Unruhe stiften und im allgemeinen Aufruhr die Macht ergreifen wollen.

    Im Frühjahr 1933 standen die Nationalsozialisten kurz vor einer Offenbarung: Mit der Auflösung des Reichstags durch Paul von Hindenburg wurden für den 5. März 1933 Neuwahlen angesetzt. Der Sieg der NSDAP war dabei keineswegs sicher, über eine Mehrheit verfügte sie in der Bevölkerung nicht. Die Kommunisten waren indes ein starker Gegner, schreibt RT.

    Die Berliner Polizei verhaftete im noch lodernden Reichstag Marinus van der Lubbe, einen 24-jährigen, geistig verwirrten Niederländer, der wohl auch Kontakte zu den Kommunisten unterhielt. Schon in den frühen Morgenstunden wurden Vertreter der Kommunistischen Partei und andere Hitler-Gegner verhaftet. Und am Tag nach dem Brand signierte Hindenburg die Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat.

    Damit waren die Grundrechte aufgehoben: die Freiheit des Einzelnen, das Briefgeheimnis, die Meinungs- und Versammlungsfreiheit, die Unantastbarkeit der Wohnung galten nicht mehr. Die Kommunistische Partei Deutschlands wurde verboten, Oppositionszeitungen ebenso.

    „Somit erhielt Hitler durch einen Rechtsakt nicht nur die Möglichkeit, seine Gegner mundtot zu machen und sie willkürlich hinter Gitter zu bringen, sondern auch die Gelegenheit, der vielbeschworenen kommunistischen Gefahr einen offiziellen Charakter zu verpassen, um damit Millionen von Bürgern aus der gesellschaftlichen Mitte und dem Bauernstand einzuschüchtern, ihnen zu suggerieren, dass die Kommunisten die Macht ergreifen könnten, sollten sie bei den anstehenden Wahlen nicht für die NSDAP stimmen“, schrieb der Historiker William L. Shirer in seinem Buch „Aufstieg und Fall des Dritten Reichs“.

    Am Wahltag selbst nutzten die Nationalsozialisten den Reichstagsbrand wieder für ihre Ziele. Die Stimmen, die für die Kommunisten abgegeben worden waren, wurden für ungültig erklärt. Die damit freigewordenen Mandate gingen an die NSDAP. Auf diese Weise erhielt Hitlers Partei zwei Drittel der Reichstagssitze.

    Am 21. März fand die erste Sitzung der neuen Regierung statt, auf der vorgeschlagen wurde, Hitler und sein Kabinett für eine Frist von vier Jahren mit Sondervollmachten auszustatten. Bei der Abstimmung des Reichstages stimmten nur 94 Menschen – die Sozialdemokraten – gegen diese Initiative. 444 Abgeordnete stimmten dafür. Am 24. März gab Hindenburg das Ermächtigungsgesetz amtlich bekannt. Die nationalsozialistische Regierung verfügte nun über die unumschränkte Macht, selbstständig Gesetze zu erlassen.

    Was folgte, war eine Verbotswelle: Erst Gewerkschaften und Streiks, dann die SPD, kurze Zeit später alle Parteien außer der NSDAP – die Machtergreifung war perfekt.

    Am 21. September 1933 wurde in Leipzig der Reichstagsbrandprozess eröffnet. Verhandelt wurde öffentlich, hatte der Prozess für die Nazis doch einen großen propagandistischen Wert. Auf der Anklagebank saßen neben Marinus van der Lubbe der KPD-Vorsitzende Ernst Torgler sowie drei weitere Kommunisten. Die Rolle des Anklägers übernahm Hermann Göring.

    Der Hauptangeklagte Lubbe erklärte immerwährend, den Brand im Reichstagsgebäude alleine gelegt zu haben – um eine Verschwörung der Kommunistischen Partei handele es sich nicht. Mehr noch: Die Ermittler konnten keine stichhaltigen Beweise für die Bekanntschaft Lubbes mit den anderen Angeklagten vorbringen. Letztere hatten überdies für den Tatzeitpunkt ein Alibi.

    Nach zweimonatiger Verhandlung sprach das Gericht alle Angeklagten außer Lubbe frei. Dieser wurde am 10. Januar 1934 mit einer Guillotine hingerichtet. Ungeklärt geblieben ist die Frage, wie Lubbe im Alleingang an mehreren Stellen im Reichstag Feuer gelegt haben soll. Die Brandursachenermittler hatten im Reichstagsgebäude nämlich mehr als 20 Brandherde entdeckt.

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    Tags:
    Nationalsozialismus (Nazismus), Nazis, Machtergreifung, Brand, Reichstagsbrand, KPD, Reichstag, SPD, NSDAP, Marinus van der Lubbe, Ernst Torgler, Hermann Göring, Joseph Goebbels, Adolf Hitler, Weimarer Republik, Drittes Reich