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    AfD profitiert von sozialer Verunsicherung – trotz ihrer neoliberalen Ausrichtung

    © AFP 2019 / John MACDOUGALL
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    Wer AfD wählt, hat Angst vor dem sozialen Abstieg und bei der Bundestagwahl in der Regel sein Kreuz für die rechte Partei gemacht, ohne bereits arbeitslos zu sein. Die Angst davor, es zu werden, ist ein stärkeres Motiv für AfD-Wähler als die „konkrete Arbeitslosigkeitserfahrung“. Das hat die Paderborner Soziologin Bettina Kohlrausch herausgefunden.

    „Wer arbeitslos ist oder mal war, wählt nicht häufiger AfD.“ Das schreibt die Soziologin Bettina Kohlrausch von der Universität Paderborn in einer kürzlich veröffentlichten Studie. Die Wissenschaftlerin stellt darin fest, wer „glaubt, im Falle des Verlustes des Arbeitsplatzes nur schwer oder keine neue Beschäftigung zu finden, wählt häufiger AfD. Es scheint somit weniger um die konkrete Erfahrung sozialer Ausgrenzung oder des sozialen Abstiegs zu gehen, sondern viel mehr um die Angst davor.“

    Diese Angst speist sich laut Kohlrausch aber aus konkreten Erfahrungen. Dazu gehören nach ihren Angaben Ängste um die Arbeitsplatzsituation, die Sorge um die kurzfristige und langfristige Verschlechterung der individuellen finanziellen Situation, des generellen Lebensstandards oder im Arbeitskontext. Ihre Analyse hat die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung veröffentlicht.

    Soziale Verunsicherung statt kultureller Spaltung

    Darin erinnert die Soziologin: „Die AfD wurde bei der Bundestagswahl 2017 – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß – von allen gesellschaftlichen Milieus gewählt.“ Das sei danach unter anderem mit einer „kulturellen Spaltung“ in der bundesdeutschen Gesellschaft erklärt worden. Und: Für das Wahlergebnis der AfD soll die soziale Lage der Wählenden nicht entscheidend gewesen sein. Dem widerspricht Kohlrausch. Sie hat dafür eine von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Umfrage ausgewertet, die Anfang 2017 vom Meinungsforschungsinstitut „Policy Matters“ durchgeführt wurde. Dabei wurden knapp 5000 Personen ab 18 Jahren zu ihren politischen Einstellungen, Werten sowie Sichtweisen auf die Arbeitswelt befragt.

    Abstiegsängste seien in Deutschland bis weit hinein in die Mitte der Gesellschaft verbreitet, so eine Pressemitteilung der Stiftung. „Menschen mit geringem Einkommen und Arbeitsplatzsorgen sind am stärksten belastet. Doch auch etliche Beschäftigte, die ihren Job für sicher halten, sorgen sich um ihren Lebensstandard oder die Alterssicherung und erleben zunehmenden Druck und Kontrolle bei der Arbeit.“

    Konkrete Erfahrungen machen Angst

    Die AfD profitiere vom „eher diffusen Gefühl einer allgemeinen sozialen Verunsicherung“, so Kohlrausch. Die weit verbreiteten Abstiegsängste spielen dabei eine wichtige Rolle, wie sie feststellt. „Sie reichen weit in die Mittelschicht bis hin zu Besserverdienern. Bei vielen Menschen kommt ein Gefühl des ‚Ausgeliefertseins‘ hinzu, vor allem am Arbeitsplatz.“ Die ausgewertete Umfrage zeige: Viele Menschen in Deutschland fürchten um ihren sozialen Status. So habe knapp die Hälfte der Befragten der Aussage zugestimmt: „Ich befürchte, meinen Lebensstandard nicht dauerhaft halten zu können“. Ebenso groß sei der Anteil derer, die sich Sorgen um ihre finanzielle Situation im Alter machen. Nur etwa ein Viertel der Befragten mache sich jedoch Sorgen um den Arbeitsplatz. „Das bedeutet, dass viele der Befragten um ihren sozialen Status fürchten, obwohl sie dauerhaft in den Arbeitsmarkt integriert sind.“

    Kohlrausch schreibt in ihrer Analyse: „Abstiegsängste speisen sich auch aus dem Gefühl, den gesellschaftlichen Veränderungen, die Digitalisierung oder Globalisierung mit sich bringen, ausgeliefert zu sein. Sie sind nicht zuletzt Ausdruck des Gefühls, die Kontrolle über die Gestaltung des eigenen Lebens verloren zu haben.“ Diese Angst ziehe sich durch alle Gehaltsgruppen, zum Teil unabhängig von deren finanzieller Situation. Sie habe aber einen realen Bezug, da sie auf konkreten Erfahrungen am Arbeitsplatz beruhe. Das decke sich mit früheren Analysen, nach denen Unzufriedenheit mit der eigenen Lebenslage Menschen dazu bringt, rechte Parteien zu wählen – und nicht allein „kulturelle Faktoren“ wie etwa die Ablehnung von Zuwanderung.

    Verunsicherung auch bei Besserverdienenden

    Abstiegsängste sind laut Kohlrauschs Analyse am stärksten ausgeprägt bei Menschen, die über ein geringes Einkommen verfügen und sich selbst am unteren Rand der Gesellschaft verorten. 90 Prozent dieser Gruppe sorgen sich danach um ihre finanzielle Situation. Diese Ängste würden mit höherem sozialen Status zunächst abnehmen. Sie seien aber bei Personen, die sich der unteren Mittelschicht zuordnen, noch weit verbreitet – bei immerhin gut der Hälfte von ihnen. Bemerkenswert ist für Kohlrausch, „dass finanzielle Sorgen am oberen Ende wieder stärker ausgeprägt sind. Fast die Hälfte derer, die sich ‚ganz oben‘ in der Gesellschaft verorten, sind betroffen.“ Ähnliches zeige sich bei der Sorge, den eigenen Lebensstandard nicht langfristig halten zu können. Diese treibe „mehr als 80 Prozent der Geringverdiener um, aber auch knapp 40 Prozent der Top-Verdiener“.

    Zu ähnlichen Ergebnissen war bereits im Juli 2017 eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) über die bundesdeutschen Wählenden gekommen: „Insgesamt ist die Anhängerschaft der AfD auffallend häufiger besorgt als die Klientel der meisten anderen Parteien.“ Das DIW beschrieb ebenfalls die unter AfD-Wählern verbreitete Angst vor dem Absturz zum Beispiel durch Arbeitslosigkeit. Dazu gehöre auch deren stärkere Unzufriedenheit mit dem eigenen Zustand und dem Glaube, keinen gerechten „Anteil vom Gesamtkuchen“ zu bekommen. Bei den AfD-Wählern hatte das DIW auch eine „erhebliche Einkommensspreizung“ ausgemacht: „Neben einem bedeutenden Teil an Gutverdienenden finden sich immer auch in erheblicher Zahl Personen mit geringem Einkommen.“

    Die Soziologin Kohlrausch meint dazu: „Abstiegsängste sind demnach nicht nur unter jenen verbreitet, die wenig haben, sondern auch unter jenen, die viel zu verlieren haben.“ Die Verunsicherung in den unteren sozialen Schichten lasse sich mit deren schwieriger materieller Situation erklären. Für die Mittelschicht und die Besserverdienern hat die Forscherin andere Ursachen ausgemacht: Häufig entstehe Unsicherheit aufgrund bestimmter Erfahrungen am Arbeitsplatz, zum Beispiel bei Menschen, die ständigem Druck und zunehmender Arbeitsverdichtung ausgesetzt sind.

    Wirklich alternative Politik notwendig

    Die Soziologin rät: „Eine Politik, die dem etwas entgegensetzen möchte, sollte daher einerseits Angebote zu einer besseren sozialen Absicherung machen. Andererseits geht es aber auch darum, besser zu vermitteln, dass die zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen politisch gestaltbar sind.“

    Die AfD hat wie die für die Situation verantwortlichen Parteien dafür kaum Vorschläge. Sie hat dagegen Anfang Februar erneut gezeigt, was sie von den sozial Benachteiligten und Verunsicherten hält, die sie auch wählen. In der Debatte des Bundestages am 2. Februar ging es unter anderem um einen Antrag der Fraktion der Partei Die Linke. In diesem wurde gefordert, die Strafmaßnahmen gegen Hartz-IV-Leistungsbezieher abzuschaffen. „Ihr Antrag zeigt ganz klar: Sie stehen eher auf der Seite der Menschen, die überhaupt nicht arbeiten wollen“, erklärte dazu der AfD-Bundestagsabgeordnete Jörg Schneider. „Sie schädigen damit unser Sozialsystem und schaden den Menschen, die tatsächlich auf dieses Sozialsystem ange¬wiesen sind.“ Schneider forderte dagegen, dass sich Arbeit wieder lohnen müsse.

    Das ist eines der Beispiele dafür, dass die AfD alles, bloß keine sozialere Politik als die von ihr kritisierten etablierten Parteien im Sinn hat. Das haben schon verschiedene Analysen der Programme und strategischen Dokumente dieser Partei nachgewiesen. „Die AfD ist eine radikal neoliberale Partei“, so ein DGB-Material: „Sie will Reiche reicher machen und Gering- und Normalverdiener in die Verantwortung nehmen. Sie geht dabei weiter als die FDP.“ Erstaunlich bleibt, dass viele sozial Verunsicherte verschiedener Schichten dennoch glauben, die AfD würde etwas tun, um ihre Lage zu verbessern und gar für mehr soziale Sicherheit sorgen.

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