02:04 26 April 2018
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    Verletzte beim Beschuss in Ost-Ghuta

    Déjà-vu auf syrische Art: Warum Ost-Ghuta das gleiche Schicksal wie Aleppo ereilt

    © REUTERS / Bassam Khabieh
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    Straßengefechte, „Schutzschilder“ aus Zivilisten, humanitäre Wege unter Angriffen von Extremisten, scheinheilig besorgte Gesichter „westlicher Partner“ – auf der syrischen Landkarte und im Medienraum hat sich in letzter Zeit „das zweite Aleppo“ etabliert: Ost-Ghuta, ein Vorort von Damaskus. Dort toben schon seit mehreren Wochen erbitterte Kämpfe.

    Dieses Gebiet – eines der ersten im ganzen Land, die von der bewaffneten Opposition erobert wurden – ist schon seit über fünf Jahren ein sehr schmerzhafter „Splitter“ für die Einwohner der syrischen Hauptstadt. Die Regierungstruppen bemühen sich unter Mitwirkung der russischen Luftwaffe seit langem um die „Entfernung“ dieses Spannungsherdes. Über die Rolle Ost-Ghutas im syrischen Bürgerkrieg erzählt Sputniknews in diesem Beitrag.

    „Splitter“ von Damaskus

    Ost-Ghuta ist insgesamt etwa 100 Quadratkilometer groß. Vor dem Krieg lebten dort etwa 400.000 Menschen. 2012 wurde das Gebiet von der bewaffneten Opposition erobert, die es immer noch kontrolliert, obwohl es von allen Seiten von der syrischen Regierungsarmee belagert ist. In Ost-Ghuta sind aktuell Kämpfer der al-Nusra-Front (inzwischen Hayat Tahrir asch-Scham) und der weniger bekannten Gruppierungen Failak ar-Rahman, Ahrar asch-Scham und Dschaisch al-Islam aktiv. Die syrische Militärführung schätzt die Oppositionellen in Ost-Ghuta auf etwa 12.000 Mann.

    Die Aufgabe, die Extremisten zu vernichten, wird dadurch wesentlich erschwert, dass es in Ost-Ghuta viele Hochhäuser gibt. Die Kämpfer können aus der Höhe die Stellungen der Syrischen Arabischen Armee gut sehen und ihre Artillerieangriffe entsprechend koordinieren. Sie haben die in dieser Gegend liegenden Orte in eine regelrechte Hochburg verwandelt – mit Straßenbarrikaden, Anti-Panzer-Gruben und gut geschützten Feuernesten. Durch zahlreiche Tunnels können die Kämpfer sehr schnell ihre Kräfte umgruppieren und vor den Luft- und Artillerieschlägen der Assad-Armee verstecken.

    Die meisten Kämpfer befinden sich nach Angaben der syrischen Aufklärungskräfte in den Städten Douma, Ain-Tarma, Sakba, an-Nashabiya und Harasta. Harasta liegt auf der Straße M5, die Damaskus mit Homs verbindet. Um nicht unter Beschuss zu geraten, müssen die Regierungstruppen lange Umwege benutzen. Doch besonders gefährlich für Damaskus ist Dschobar, das am westlichen Rand von Ost-Ghuta liegt – weniger als zehn Kilometer vom Zentrum der Hauptstadt entfernt.

    Terroristen brechen Waffenruhe

    Ausgerechnet aus Harasta beschossen die Terroristen mehrmals die russische Botschaft in Damaskus – zuletzt am 20. November 2017. Und im Februar wurde das russische Zentrum für die Aussöhnung der Konfliktseiten beschossen. Wie der Leiter des Zentrums, Generalmajor Juri Jewtuschenko, am Montag mitteilte, werden die Artillerieangriffe an keinem einzigen Tag unterbrochen.

    „Trotz Erklärungen der Gruppierung Dschaisch al-Islam über eine Waffenruhe wird Damaskus von dem von ihr kontrollierten Territorium aus mit Minenwerfern beschossen. Allein in der letzten Woche wurden aus Ost-Ghuta auf Damaskus 228 Minen und Geschosse abgefeuert. Dabei wurden vier Menschen getötet und mehr als 50 weitere verletzt, insbesondere 16 Kinder“, führte der Militär an.

    Am 24. Februar hatte der UN-Sicherheitsrat beschlossen, dass alle Konfliktseiten in Syrien die Gefechte mindestens für 30 Tage unterbrechen sollten. Um Opfer unter friedlichen Zivilisten zu vermeiden, wurden seit dem 27. Februar tägliche humanitäre Pausen zwischen 9.00 und 14.00 Uhr festgelegt, damit die Einwohner das Gebiet, in dem Gefechte geführt werden, verlassen können. Doch am Dienstag beschossen die Extremisten einen solchen humanitären Korridor und zeigten damit, dass sie keine Kompromisse akzeptieren.

    Informationsfront

    Neben den rein militärischen Vorteilen, die die Kämpfer durch die Kontrolle über Ost-Ghuta genießen, haben sie auch gewisse politische „Trümpfe“. Im Grunde ist das der letzte Hebel, mit dem die bewaffnete Opposition den Präsidenten Baschar al-Assad unter Druck setzen kann. Solange die Extremisten in diesem Gebiet bleiben, muss die Regierung die Verhandlungen mit ihnen weiterführen.

    Die Situation in Ost-Ghuta erinnert sehr an die Ereignisse in Aleppo im Herbst und Winter 2016. Damals musste Damaskus sehr große Kräfte dorthin verlegen, so dass sich das Vorrücken in den Osten, nach Deir-ez-Zor, wesentlich verlangsamte. Genauso wie jetzt in Ost-Ghuta hatten die Kämpfer die Einwohner gezwungen, in Aleppo zu bleiben, und sie als lebendigen „Schutzschild“ genutzt. Im Westen warf man damals den Assad-Truppen – und zugleich Russland – „inhumane Kriegsmethoden“ vor. An diese Kampagne schlossen sich sofort die „Mainstream“-Medien sowie zahlreiche Nutzer von sozialen Netzwerken an. 

    Auch diesmal wimmelt es im Internet von „Fake“-Accounts, die aus dem Finger gesogene „Sensationen“ verbreiten. Jemand behauptete beispielsweise, ein im Gaza-Streifen aufgenommenes Foto wäre in Douma geknipst worden. Jemand anderes „berichtete“, dass „russische supermoderne Bomber Su-57 Ost-Ghuta dem Erdboden gleichgemacht haben“. Noch jemand informierte über die Zerstörung von Dutzenden Kindergärten und Krankenhäusern durch die russische Luftwaffe.

    Auf einmal kreuzten „Volontäre“ der sehr umstrittenen „Weißhelme“ auf, die vor laufenden Kameras als Opfer verkleidete Menschen aus den Trümmern „retteten“. Die „Weißhelme“ erschienen immer dort, wo die Assad-Kräfte erfolgreich vorgingen. Dabei ignorierten sie die Situation in Rakka und im irakischen Mossul, die amerikanischen Bombenangriffen ausgesetzt waren. Sogar das angebliche „Mädchen Bana“, das vor ein paar Jahren angeblich aus dem belagerten Aleppo auf Twitter in nahezu perfekter englischer Sprache geschrieben hatte, trat mit einer Videoansprache auf.

    All diese „Fake-News“ werden von englischsprachigen Medien intensiv, nahezu hysterisch verbreitet. Sie berichten ständig über „Hunderte getötete Kinder“, über „Massaker wie in Srebrenica“, über „Flächenbombenangriffe“ und so weiter, ohne sich auf zuverlässige Quellen zu berufen. Normalerweise geht es um anonyme „gemäßigte Oppositionelle“, während Berichte aus Damaskus oder Moskau schlicht ignoriert werden. In Moskau vermutet man, dass „Fake-News“ auch weiterhin verbreitet werden und die Situation weiter anheizen.

    Etliche „Fake News“ über Ost-Ghuta

    „Wir werden keinerlei Aktionen unterstützen, die den Terroristen ermöglichen würden, legitimen Schlägen auszuweichen“, sagte der russische Außenminister Sergej Lawrow am Montag.

    „In den Medien gab es schon ‚Fake-News‘, dass in Ost-Ghuta gestern oder heute Vormittag Chlor eingesetzt worden wäre, und zwar unter Berufung auf irgendeine anonyme Person, die angeblich in den USA lebt. Es wird höchstwahrscheinlich auch weitere ‚Informationseinwürfe‘ geben. Und wir wissen, woher sie kommen werden. Ihr Ziel ist, die Regierungstruppen zu verleumden, ihnen alle möglichen Sünden, darunter Kriegsverbrechen vorzuwerfen, um etwas zu unternehmen, was wir schon in den östlichen Gebieten Syriens beobachten, wo die USA bereits ein Szenario zur Bildung eines Quasi-Staates umsetzen.“

    Es ist offensichtlich: Je erfolgreicher die syrische Regierungsarmee vorgehen wird, desto heftiger wird die Kritik seitens des Westens sein. Aber englischsprachige Medien und die Regierungen der Nato-Länder werden über Nacht das Interesse für Ost-Ghuta verlieren, sobald die Extremisten aus diesem Gebiet endgültig verdrängt sind. So war das auch in Aleppo: Damals hatte sich auch kein einziges westliches Land an der humanitären Unterstützung der Einwohner der befreiten Stadt beteiligt.

    Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass die Assad-Kräfte alle Vororte von Damaskus schnell unter ihre Kontrolle nehmen können. Offenbar wird es mehrere Monate in Anspruch nehmen. Und das bedeutet, dass über Ost-Ghuta noch etliche „Fake News“ verbreitet werden.

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    Tags:
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