01:59 12 Dezember 2018
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    Russischer Soldat in Deir ez-Zor (Archivbild)

    Krieg in Syrien: „Spiegel“ widerlegt Tod hunderter russischer Soldaten

    © AFP 2018 / France2/ Dominique Derda
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    Das US-Militär hat Anfang Februar eine Attacke prosyrischer Kräfte auf kurdische Stellungen abgewehrt. Medien berichteten, Hunderte Angreifer seien dabei getötet worden – darunter russische Soldaten. „Der Spiegel“ hat die Ereignisse eigenen Angaben zufolge rekonstruiert. Demnach waren russische Kräfte bloß zur falschen Zeit am falschen Ort.

    Es hatte sich alles ganz anders zugetragen, als es internationale Medien Anfang Februar berichtet haben, schreibt der „Spiegel“.

    Das US-Militär hat laut dem Blatt am 8. Februar mitgeteilt, es habe einen Angriff syrischer Regierungstruppen und deren Verbündeten auf ein Lager der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) abgewehrt. Assads Truppen hätten die Stellung der mit den Amerikanern verbündeten kurdischen Miliz östlich des Euphrats mit schwerem Waffengerät angegriffen. Mehr als 100 Angreifer seien in einem „Akt der Selbstverteidigung“ getötet worden.

    Russische Soldaten in Deir-ez-Zor, Syrien (Archivbild)
    © AFP 2018 / France2/ Dominique Derda

    Um rauszufinden, was genau sich ereignet hatte und wer diese Angreifer gewesen waren, hat der „Spiegel“ eigenen Angaben zufolge zwei Wochen lang recherchiert, mit Augenzeugen und Beteiligten der Kämpfe gesprochen, so auch mit Mitarbeitern des Krankenhauses und des Militärflughafens von Deir ez-Sor.

    Demnach geschah damals Folgendes. Um circa 17 Uhr am 7. Februar versuchten, wie „Der Spiegel“ schreibt, rund 250 Kämpfer, südlich von Deir ez-Sor über eine provisorische Brücke vom West- auf das Ostufer des Euphrats zu gelangen. Es handelte sich um syrische Milizen, die mit iranischer Unterstützung für den Präsidenten Baschar al-Assad kämpfen. Am Angriff beteiligt waren außerdem Soldaten der 4. Division sowie afghanische und irakische Kämpfer unter dem Befehl iranischer Kommandeure. Russische Soldaten sollen laut Zeugen nicht dabei gewesen sein, schreibt das Blatt.

    Zuvor hatten USA und Russland den Euphrat als Deeskalations-Linie vereinbart: Westlich des Flusses stehen Assads Truppen und seine Verbündeten; östlich des Flusses die SDF unter US-amerikanischem Schutz.

    Die Truppenbewegung vom westlichen auf das östliche Euphrat-Ufer betrachteten die US-Amerikaner deshalb als Angriff, schreibt das Magazin. Es sollen Warnschüsse abgegeben worden sein. Die Angreifer zogen sich, ohne dass jemand verletzt wurde, zurück.

    Doch bedeutete der Rückzug nicht, dass die syrischen Truppen aufgaben. Nach Einbruch der Dunkelheit wechselten laut dem „Spiegel“ etwa doppelt so viele Männer derselben Verbände auf das andere Euphrat-Ufer hinüber, diesmal weiter nördlich auf Höhe des Militärflughafens von Deir ez-Sor.

    Unbemerkt erreichten sie das Dorf Marrat auf der Ostseite. Laut dem Blatt rückten sie gegen 22 Uhr auf das SDF-Lager vor, als die dort stationierten Special Forces der US-Amerikaner das Feuer eröffneten: Nachdem Granaten in 500 Meter Entfernung vom SDF-Hauptquartier gelandet seien, hätten die Koalitionsstreitkräfte die Aggressoren mit einer Kombination von Luft- und Artillerieschlägen angegriffen, erklärte das US-Militär laut der Zeitschrift.

    „Das war noch milde formuliert“, schreibt der Spiegel-Report Christoph Reuter. „Denn als ungefähr zur selben Zeit spätabends zusätzlich eine Gruppe von syrischen Stammesmilizionären und schiitischen Kämpfern aus dem Dorf Tabiya von Süden her kommend ebenfalls das SDF-Lager attackierte, schlugen die Amerikaner mit ihrem gesamten Vernichtungsarsenal zurück: Sie setzten mit Raketen bewaffnete Drohnen ein, Kampfhubschrauber, die sie als ‚Kanonenboot‘ titulierten, schwere AC-130-Flugzeuge zur Bekämpfung von Bodenzielen, Raketen und Bodenartillerie.“

    Am nächsten Morgen seien die Angriffe weitergegangen, als eine syrische Milizgruppe nach Tabiya gekommen sei, um die Leichen einzusammeln. Und auch am 9. Februar hätten sie nochmals einen Verband derselben Kämpfer bombardiert, die sich östlich des Flusses gezeigt hätten.

    Mehr als 200 Angreifer seien gestorben: „Etwa 80 syrische Soldaten der 4.Division, etwa 100 Iraker und Afghanen, rund 70 Stammeskämpfer vor allem der Al-Baker-Miliz“, sagten Zeugen laut dem „Spiegel“. Auch ein kleines Kontingent russischer Söldner ist laut dem Blatt in Tabiya stationiert gewesen. Aber die hätten sich an den Kämpfen nicht beteiligt, sagten dem „Spiegel“ zwei Männer aus der syrischen Miliz. Trotzdem seien von den Russen zehn bis 20 Männer ums Leben gekommen.

    „Nun war es Nacht, und spätestens mit dem jähen Ausrücken der Kämpfer aus dem Dorf Tabiya wurde das Geschehen unübersichtlich“, gibt der Spiegel-Reporter zu bedenken. „Ein Angestellter des einzigen großen Krankenhauses in Deir ez-Sor gab später an, dass etwa ein Dutzend Leichen von Russen eingeliefert worden seien. Ein Bediensteter am Flughafen sah anschließend, wie die Leichen in zwei Toyota-Pickups zu einer wartenden russischen Transportmaschine gefahren wurden, die in Richtung Qamischli abhob, einem Flughafen an der syrischen Nordgrenze.“

    In den darauffolgenden Tagen wurden, wie der „Spiegel“ schreibt, die Identitäten erst von sechs, schließlich von neun getöteten Russen bekannt: Angehörige der Söldnerfirma Evro Polis, besser bekannt als „Wagner-Truppe“.

    „Doch zunächst setzte sich eine ganz andere Version der Schlacht durch, erst verbreitet von russischen Nationalisten wie Igor ‚Strelkow‘ Girkin, dann von anderen aus dem Umfeld der Wagner-Truppe: Demanch seien viel mehr Russen dort ums Leben gekommen, 100, 200, 300, bis zu 600.“

    Eine Version, die laut dem Magazin „so plausibel klang, dass auch westliche Agenturen wie Reuters und Bloomberg sie aufgriffen.“ Dass die Regierung in Moskau erst keine Toten habe bestätigen wollen, dann von fünf umgekommenen „russischen Bürgern“ und später von „Dutzenden Verletzten“ gesprochen habe, habe die Version nur glaubwürdiger gemacht.

    Doch: Was ein halbes Dutzend Augenzeugen und Beteiligten beschreibe, würde weder die Version von angreifenden „noch von überhaupt mitkämpfenden russischen Söldnereinheiten“ bestätigen. Der Journalist Ahmad Ramadan, Gründer der Nachrichtenseite „Euphrates Post“, habe einen Kontaktmann in der syrischen Miliz, der das Video vom Ort des Bombardements aufgenommen habe: „Wäre dies ein russischer Angriff gewesen, mit vielen russischen Toten, hätten wir darüber berichtet. Aber es war keiner. Die Russen in Tabiya hatten einfach das Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein“, so Ramadan laut dem „Spiegel“.

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