18:45 17 Oktober 2018
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    Grenze zwischen Nord- und Südkorea (Archiv)

    Zeitung: Wiedervereinigtes Korea könnte Gebietsanspruch gegen Russland erheben

    © AP Photo / Ahn Young-joon
    Politik
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    Nord- und Südkorea, die vor kurzem beinahe aufeinander geschossen hätten, erörtern nun einen Plan für ihre Wiedervereinigung. Sollte die Wirklichkeit werden, könnte ein schwer bewaffnetes und finanziell gut gestelltes Korea Territorialansprüche gegenüber Russland erheben, schreibt die Onlinezeitung vz.ru.

    Der nordkoreanische Staatschef Kim Jong-un empfing am Dienstag eine Delegation aus dem Süden, die ein Schreiben des Präsidenten Moon Jae-in mitbrachte.

    Bei den Verhandlungen wurde vorläufig beschlossen, Ende April ein hochrangiges gesamtkoreanisches Treffen abzuhalten – das erste seit zehn Jahren und das dritte seit der Kriegszeit 1953. Zudem verständigten sich die beiden Seiten auf eine direkte Telefonverbindung zwischen den Staatsführungen.

    Die Anführer beider Koreas trafen sich erstmals 2000 und ein zweites Mal 2007. Beim ersten Treffen unterzeichneten Kim Jong-il und Kim Dae-jung eine gemeinsame Erklärung von Nord und Süd, die bis heute als Hauptdokument zur Wiedervereinigung gilt. In der Erklärung versprachen die Seiten, dieses Ziel mit den Kräften der koreanischen Nation zu erreichen.

    Im Oktober 2007 fand das zweite hochrangige Treffen statt, bei dem Kim Jong-il und Roh Moo-hyun eine Erklärung über die Entwicklung der zwischenkoreanischen Beziehungen, Frieden und Prosperität unterzeichneten, die die Ideen der Erklärung 2000 entwickelte.

    Das Hauptziel der Verhandlungen war zwar der Wunsch Pjöngjangs, via Vermittlung Seouls direkten Kontakt mit den USA aufzunehmen, es war während der Gespräche jedoch ein weiteres Thema zu hören – der Norden informierte den Süden erneut über seine Vision von einer gemeinsamen Zukunft.

    Laut Quellen in Seoul hat Nordkorea vorgeschlagen, Schritte hin zur Wiedervereinigung zu unternehmen. Dabei sahen die Nordkoreaner diesmal nicht als mittellose Außenseiter aus, sie hatten auch etwas anzubieten – eigene koreanische Atomwaffen. Ziel sei es, eine unabhängige Atommacht Korea zu werden. Im Süden der Halbinsel hatte es bis vor kurzem auch Atomwaffen gegeben, jedoch amerikanische.

    „Eine solche Entwicklung sieht für einen bestimmten, nationalistisch gestimmten Teil der südkoreanischen Gesellschaft perfekt aus, doch die Chancen auf die Umsetzung dieses Szenarios liegen beinahe bei null“, meint der Korea-Experte Georgi Toloraja.

    „Koreanische Nationalisten sind Menschen mit großer Phantasie. Unter ihnen ist ein solches Szenario populär – die beiden Koreas vereinigen sich, Korea steigt mit Atomwaffen zu einer Großmacht auf“, sagte Toloraja.

    „Danach spaltet Korea Gebiete von den Nachbarn ab, die sie als eigene ansieht, darunter den heiligen Berg Paektusan bei China, einen Teil der Region Primorje bei Russland. Das ist ein pikantes und nicht sehr wahrscheinliches Szenario, allerdings sollte es ebenfalls in Betracht gezogen werden“, so der Experte.

    „Solche Ideen werden tatsächlich von einigen südkoreanischen Konservativen und Linken unterstützt. Es herrscht die Meinung vor, dass ein wiedervereinigtes Korea Waffen und Unabhängigkeit wie im Norden und eine Wirtschaft wie im Süden haben wird“, sagte der Korea-Experte Konstantin Asmolow. Doch in Wirklichkeit würde alles umgekehrt sein – ein solches Korea würde die Unabhängigkeit des Südens und die Wirtschaft des Nordens bekommen.

    „Südkoreanische Nationalisten streben keine Vereinigung, sondern einen Anschluss an. Aus der Sicht der südlichen Nationalisten existiert Nordkorea überhaupt nicht. Es gibt eine Art antistaatliche Marionetten-Organisation, die zeitweilig fünf nördliche Provinzen kontrolliert“, so Asmolow. „Laut dem Süden soll der Anschluss mit Dekommunisierung, Lustration, einer Art Aufnahme des Nordens durch den Süden, Beseitigung des nordkoreanischen Regimes erfolgen. Das alles ist im südkoreanischen Gesetz ‚Über nationale Sicherheit‘ festgeschrieben. Bei uns wird gerne erzählt, dass in Nordkorea Haftstrafen für das Hören von südkoreanischen Radiosendern vorgesehen sind, doch in Südkorea existieren ähnliche Haftstrafen für das Hören von nordkoreanischen Inhalten“, so der Experte.

    Das nördliche Szenario der Wiedervereinigung

    Bekannt ist, dass der erste offizielle Kontakt beider Länder nach dem Krieg im Jahr 1953 während des Besuchs des Direktors des südkoreanischen Geheimdienstes, Lee Hu-rak, 1972 stattfand. Bei den Verhandlungen hatten Hu-rak und Kim Il-sung drei Prinzipien der Wiedervereinigung des Landes vereinbart – ohne äußere Einmischung, friedlich und auf Grundlage der nationalen Konsolidierung.

    Der Experte des Instituts des Fernen Ostens, Jewgeni Kim, erinnerte daran, dass die Regierungschefs beider Länder 1991 ein Abkommen über Versöhnung, gegenseitigen Nichtangriff, Kooperation und Austausch unterzeichnet hatten, damals begann auch die schrittweise Annäherung. Die Idee der Wiedervereinigung, die bereits 1972 von Kim Il-sung ins Spiel gebracht wurde, besteht in der selbstständigen Bewegung Pjöngjangs und Seouls zur Konföderation.

    „Unter Konföderation war die Idee der Gemeinschaft von Nord und Süd gemeint, vor allem Wirtschaftskooperation. Es waren schrittweise mehrere Maßnahmen auch hinsichtlich der kulturellen Kooperation vorgesehen. Der Plan sah so aus – in der internationalen Arena treten sie als ein Staat auf, im Inneren gibt es zwei Regimes, zwei parallele Regierungen“, sagte Kim.

    Asmolow zufolge ist der Plan des Nordens kaum ernst zu nehmen, weil so verschiedene Länder auch in der internationalen Arena kaum einheitlich auftreten könnten.

    „Das nördliche Projekt der Vereinigung ist eine sehr unklare Variante der Konföderation mit ganz verschiedenen Komponenten. Allen ist klar, dass alle Versuche, das nordkoreanische Erbe aufzugeben, unmittelbar dazu führen würden, dass der Süden den Norden aufnimmt“, ergänzte der Experte. Selbst nordkoreanische Unternehmer unterstützen Kim Jong-un, weil sie verstehen, dass im Falle des Untergangs des Regimes die südkoreanischen Manager kommen und sie alle vertreiben werden.

    Auf einmal sind sich beide Koreas einig

    Die Amerikaner würden einen solchen Schritt auch bei dem großen Wunsch beider Länder nicht zulassen, so Kim.

    Die Amerikaner wollen, dass sich Nordkorea abrüstet. Der Norden wird nie auf eine Vereinigung unter Kontrolle der USA eingehen. Die Delegation, die jetzt in Pjöngjang zu Besuch war, wird Ende der Woche nach Washington fliegen und dort über die Gespräche mit Kim Jong-un berichten“, so der Experte.

    Beim Szenario Pjöngjangs muss Südkorea auf ein Bündnis mit den USA verzichten. Doch die gesamte jetzige südkoreanische Elite ist im proamerikanischen Geist erzogen, weshalb man sich eine solche Entwicklung kaum vorstellen kann. Südkorea verfügt weder de facto noch de jure über vollständige Souveränität. So müsste es im Falle eines Kriegs die Führung seiner Armee automatisch an US-Generäle übergeben.

    Allerdings ist die Tatsache nicht von der Hand zu weisen, dass die Positionen beider Koreas derzeit übereinstimmen. „Die Aufgaben Pjöngjangs und Seouls stimmten überraschend überein – die Zeit in die Länge ziehen, es Donald Trump nicht ermöglichen, einen Schlag zu versetzen“, sagte der Professor der Kookmin University in Seoul, Andrej Lanjkow. Es handelt sich natürlich um ein situationsbedingtes Bündnis, doch die politischen Experten erinnern sich kaum an etwas Ähnliches in der Geschichte beider Koreas.

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    Tags:
    Territorialstreit, Wiedervereinigung, Treffen, Donald Trump, Kim Jong-un, USA, Russland, Südkorea, Nordkorea